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Thomas Fricke: Politikerversagen – Stoppt endlich die Grippe!

2. März 2018

Unsere Politiker überschlagen sich gerade als Volksversteher. Doch die größte Sorge im realen Leben der Menschen spricht keiner an: die Grippe-Welle. Dabei brauchen die Deutschen vor allem eins: mehr Sonne.

Es vergeht gerade ja kaum ein Tag, an dem nicht ein Politiker verkündet, dass er das Volk und seine Sorgen (endlich) versteht. Und die Kanzlerin besonders volksverstehende Nachwuchskräfte in wichtige Aufgaben beruft. Gegen alle möglichen Ängste im Land – ob vor Islam, Räubern oder Automanagern. Gut.

Was stutzig macht, ist, dass wieder mal keiner da oben von der mit Abstand größten akuten Sorge im Alltag der Menschen in diesen Wochen spricht – geschweige denn eine Lösung bietet: der Angst, sich mit Grippe oder grippeähnlichen Infekten anzustecken. Oder diese nicht wieder loszuwerden. Überall Kranke.

Es gibt gerade Menschen, die ihren Schal vor Mund und Nase pressen, wenn am anderen Ende des S-Bahn-Waggons einer hustet (ich kann das bezeugen); oder selbst treuen Familienmitgliedern keine körperliche Wärme mehr spenden mögen.

Davon spricht keiner. Selbst die AfD nicht, die sonst für jede Sorge im Volk eine ausgefeilte praktische Lösung hat. Oder Horst Seehofer, der vorläufige Sieger im Alexander-Gauland-Lookalike-Wettbewerb der Heimatverbände von CDU-CSU. Nicht einmal Jens Jesus Spahn aus der Kategorie Nachwuchs. Obwohl der jetzt ja als Gesundheitsminister sogar nominell für Grippe zuständig ist (wenn die SPD.., Sie wissen schon).

Die Deutschen brauchen grundsätzlich: mehr Sonne

Dabei gibt es höchst interessante neue wissenschaftliche Erkenntnisse*, die zur Behebung der Epidemie führen könnten. Auch wenn an der Umsetzung, zugegeben, noch zu feilen ist. Die Deutschen brauchen grundsätzlich: mehr Sonne.

Zu der Losung führen die Forschungen, die zwei US-Wissenschaftler jetzt veröffentlicht haben. Darin verglichen die beiden, wie häufig die Menschen in den einzelnen US-Bundesstaaten in den vergangenen Jahren eine Influenza bekommen haben, mit der Sonneneinstrahlung, die es in denselben US-Bundesstaaten in den jeweils ein bis zwei Monaten zuvor gab.

Ergebnis: Die Staaten im Süden haben mehr Sonne – und schon grundsätzlich tendenziell weniger Grippe. Mehr noch: Die Zahl der Grippefälle fällt, egal wo, immer dann deutlich geringer aus, wenn in den Wochen davor die Sonne mehr als sonst dort üblich schien – was den menschlichen Körper bekanntlich dazu anregt, jenes Vitamin D zu produzieren, das vor Grippe schützt.

Was David Slusky von der Universität Kansas und Harvard-Forscher Richard Zeckhauser dabei erstmals auch testen konnten, ist die saisonale Abfolge. Und: Der positive Einfluss der Sonne ist vor allem in den späten Sommer- und frühen Herbstmonaten klar messbar – wenn die Influenza-Viren vermehrt auf Tour zu gehen beginnen, zugleich aber saisonüblich noch genug Sonne da ist, um beim Menschen überhaupt für die erhöhte Produktion von Vitamin D zu sorgen.

Nach der Datenauswertung der beiden Experten reichen in diesen Monaten schon zehn Prozent mehr Sonne, um den Index der Grippewahrscheinlichkeit um fast ein Drittel zu senken – was knapp 30.000 weniger Fälle in den USA zwischen 2009 und 2011 bedeutete. Klare Kante.

Mehr Sonne führt zu einer Art „Herden-Immunität“

Jetzt könnten Sie hinsichtlich der Schlüsse, die daraus politisch zu ziehen sind, einwenden, dass womöglich selbst Jens Spahn damit überfordert sein könnte, bei uns für zehn Prozent mehr Sonne zu sorgen. Bei allem Politikerversagen – man darf ja auch nicht zu viel erwarten. Zumal es als Alternative ja noch die Möglichkeit gäbe, mehr Leute gegen Grippe zu impfen. Oder Vitamin D gleich als Pillen zu verabreichen, was, wie die beiden Forscher schreiben, nach jüngsten Forschungen durchaus auch die Zahl der Grippefälle reduzieren hilft.

Der Haken ist, dass eine Impfung bekanntlich nur dann richtig hilft, wenn die blöden Viren sich nicht zwischendurch verändern, zumal die Sache auch kostet. Das spricht nicht grundsätzlich dagegen, sich impfen zu lassen.

Zum anderen aber haben Impfung wie Pillen den Nachteil, dass sie immer nur einzelne schützen – und deshalb nur sehr bedingt gegen die typische Ausbreitung durch Ansteckung in der Masse helfen. Dafür müssten alle mitmachen – eher unrealistisch. Vorteil Sonne: Wenn in einer Region die Sonne länger scheint, führt das bei fast allen und damit kollektiv zu höherer Vitamin-D-Produktion – und damit zu einer Art „Herden-Immunität“, so Slusky und Zeckhauser. Der Effekt ist viel größer als bei Pillen und Impfung.

Das spricht dafür, vielleicht doch noch mal zu überlegen, ob da nicht was zu machen ist. Ein Fall für Supertalent Spahn. Immerhin kamen die US-Forscher darauf, dass schon zehn Prozent mehr Sonne in den kritischen Monaten über drei Jahre für 3,6 Milliarden Dollar geringere Kosten durch diverse Folgeerscheinungen führt. Experten vom Essener RWI-Institut kamen vor ein paar Jahren für Deutschland ebenfalls auf Milliardenbeträge durch Krankenkosten und Arbeitsausfälle. Mal abgesehen davon, dass die Krankheit für Schwächere tödlich enden kann.

Sonnengeld statt Krankengeld

Vielleicht sollte der (mögliche) neue Gesundheitsminister das Geld einfach in einen Fonds stecken, mit dem wir in den Grippemonaten zur Kur in sonnigere Gebiete geschickt werden – Sonnenurlaub zum Schutz von Leben und Wohlstand sozusagen. Sonnengeld statt Krankengeld. Was wiederum auch gut wäre, weil wir dann Geld in Ländern ausgeben, die das brauchen können.

Oder wir machen auch hier künftig eine verordnete Vitamin-D-Produktion: Sobald die Sonne rauskommt, gibt es kollektiv Pause – und alle müssen spazieren gehen (und die Kassen verteilen bei Nachweis Bonuspunkte). Ohnehin die beste Methode, wie die beiden US-Forscher am Ende ihrer Studie unspektakulär empfehlen: raus an die Luft.

Und die SPD könnte mit ganz neuer Inbrunst „Brüder, zur Sonne“ singen – zurück zur Volkspartei. Wer weiß, vielleicht haben unsere hochgeschätzten Ingenieure ja auch noch eine Idee, wie man Wolken und Regen, sagen wir, eher auf nachts verschieben könnte. Wieso nicht?

Ok, jetzt könnten Sie noch sagen, dass so eine Grippe so wichtig auch wieder nicht ist, dass wir so viel Aufwind darum machen. Gut, da ist was dran. Aber das Argument hat uns ja bisher auch nicht davon abgehalten, sagen wir,

  • jahrelang über die Griechen zu wehklagen, als würden die unser Schicksal bestimmen – obwohl das Land dafür definitiv zu klein ist;
  • oder darüber, wie unsicher alles geworden ist – obwohl die Wahrscheinlichkeit, Opfer von Kriminalität zu werden, in fast allen möglichen Kategorien heute geringer ist als früher;
  • oder zu bangen, dass wir alle bald islamisiert sind – wofür der richtig zwingende Beleg auch noch fehlt.

Da kann das Grippevirus als Sorge allemal mithalten.

Leute, die Sonne scheint, der Autor geht jetzt spazieren.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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