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Thomas Fricke: Bundesbank-Vorstand – Dann klüngelt mal schön

16. März 2018

Mit viel Hochmut schimpfen die Deutschen über angeblich unseriöse Notenbanker aus dem Süden. Dabei werden derlei Posten bei uns regelmäßig politisch ausgehandelt. Mit zweifelhaften Ergebnissen.

Es sind ja diese Woche ziemlich viele Leute zu irgendwas ernannt worden. Angela Merkel zur Kanzlerin, Horst Seehofer zum Chef der Bayernerweiterungsstelle, Jens Spahn zum Hartz-, äh: Gesundheitsminister. Und: Burkhard Balz in die Führung der Bundesbank.

Jetzt werden Sie sagen: Wer bitte schön ist Burkhard Balz? Zumindest wenn Sie nicht im Landkreis Schaumburg leben, wo der Mann herkommt. Und ist die Bundesbank nicht für unsere Währung (mit-)zuständig? Und überhaupt: Was ist eigentlich die Bundesbank (U20-Frage)? Obacht! Immerhin ist die Bundesbank immer noch unsere oberste deutsche Währungsbehörde – und als solche zuständig, unsere bekannte stabilitätspolitische Vorbildlichkeit in die Europäische Zentralbank einzubringen, also bei Mario Draghi. Wozu künftig auch Burkhard Balz einen Beitrag leisten darf.

Jetzt wollen wir nicht ungerecht sein. Wer kennt sonst schon Notenbanker? Außer Draghi, klar. Okay, Herr Balz hat gar nicht, was naheläge, Ökonomie studiert, sondern Jura, aber das muss ja nicht schaden. Und, ja, der Lebenslauf liest sich jetzt noch nicht so ganz, als wäre die große Währungswelt sein Wohnzimmer – da gab es dafür wichtige politische Stationen im Kreistag Schaumburg, im Rathaus der Stadt Stadthagen oder beim Bezirksvorstand der CDU. Da kann man nicht auch noch was Wissenschaftliches publiziert haben zu Währungsfragen, klar.

Immerhin war Herr Balz zwanzig Jahre bei der Commerzbank, am Ende sogar Abteilungsleiter in Hannover. Was für einen Notenbanker, der aufpassen soll, dass Banken keinen Mist machen, natürlich auch nicht nur förderlich ist – man würde ja mit Verstand auch niemanden aus der Waffenindustrie fragen, wenn man das Waffenrecht verschärfen will, um nach einem Desaster weitere zu verhindern. Nur weil der sich besonders gut mit Waffen auskennt.

Kompetenz? Naja.

Gut. Dafür ist Herr Balz seit 2009 jetzt schon im Europaparlament und bei den Konservativen führend für Wirtschafts- und Währungsdings zuständig. Wobei er tatsächlich gelegentlich Wohlwollen mit den Banken gezeigt haben soll. Aber, egal. In der „Frankfurter Allgemeinen“ stand, dass es da viele gibt, die überhaupt nichts von Banken verstehen. Da haben wir Glück gehabt.

All das wäre in der Tat halb so wild, wenn es nicht in dem Land geschehen würde, in dem mittlerweile jeder Küchenökonom über die mangelnde Stabilitätskultur südeuropäischer Staaten doziert; und in dem ziemlich ausgewiesene Finanzexperten wie Mario Draghi mal eben vom Kreisblattchef wegkommentiert werden, weil dieser Italiener politische Motive verfolge – und die Zinsen ja nur niedrig halte, weil er der italienischen Regierung einen Gefallen tun wolle. Als wäre all das bei uns unmöglich, im Heiligen Land der Stabilitätsurkultur, wo Notenbanker, pah, in politischer Jungfräulichkeit und wie Großmuftis erhaben über die Stabilität der Preise wachen.

Herr Balz kommt in die Bundesbank, nicht weil er vom Währungsgott dafür auserwählt wurde – sondern weil nach deutschem Politgezwirbel diese Vorstandsposten bei der Bundesbank hälftig von Bundesregierung und Bundesrat ausgeklüngelt werden, wobei sich im zweiten Fall unsere 16 Bundesländer schön abwechseln und nun eben gerade mal Niedersachsen mit Bremen und Sachsen-Anhalt dran waren, jemanden auszusuchen – drei bekanntlich ausgewiesene Hotspots der globalen Notenbankerszene.

Und weil in aller Regel, was für ein Zufall, jemand von der Partei geschickt wird, die auswählen darf. Weshalb seit acht Jahren auch noch jemand von der FDP drin ist – Restposten aus schwarz-gelber Koalitionszeit. Und nun nach Parteiproporz ein CDU-Mann dran war. Kompetenz? Naja. Reicht, wenn da jemand mal bei der Bank oder so war.

Das Prozedere führt dazu, dass vor Jahren ein gewisser Thilo Sarrazin in den Bundesbankvorstand irrlichtern konnte – bis jemand merkte, dass es dem Image einer über allem stehenden Instanz nicht so richtig guttut, wenn da jemand mit strammen Thesen zu relativ währungsfremden Angelegenheiten durch die Talkshows tingelt und die halbe Republik gegen sich aufbringt.

Das Prozedere führte auch dazu, dass Deutschland einst einen Politbeamten wie Jürgen Stark ohne jedwede akademische Exzellenz zum Chefökonomen der Europäischen Zentralbank machte – Hauptsache deutsch.

Der aktuelle Präsident der hochheiligen Behörde, Jens Weidmann, war zuvor – von wegen unpolitisch – Chefökonom der Kanzlerin.

All das wäre auch nicht so bemerkenswert, wenn wir in Zeiten leben würden, in denen Notenbanker gelegentlich mal einen Sparkassentag eröffnen und nach Standardformel ein bisschen die Zinsen anpassen müssten.

In anderen Notenbanken nicht mal Referatsleiter

Wenn die Zinsen zehn Jahre nach dem Schock der Jahrhundertfinanzkrise noch so niedrig sind, ist dafür ja nur sehr bedingt Herr Draghi verantwortlich. Das ist ja vielmehr fast weltweit so – und eher ein erschreckendes Signal dafür, dass krisenbedingt immer noch zu wenig investiert wird und das gesamte System immer noch wackelt.

Da reicht es nicht, alte Grundsätze aus Schönwetterzeiten der Bundesbank zu zitieren. Da braucht es ganz neue Formeln dafür, wieder aus dem Krisenmodus herauszukommen. Da müssen Währungshüter damit rechnen, bald wieder in den Krisenmodus zu gehen. Und da sind die bisherigen Reförmchen für die Banken womöglich nur der Anfang von viel größeren Reformen im Finanzsystem – um den Spuk der entglittenen Finanzglobalisierung zu beenden.

Da würde eher lohnen, dem Verdacht nachzugehen, ob nicht der wirkliche Fehler von Draghi darin lag, das Geld, das er schaffen ließ, den Banken anvertraut zu haben, statt es an die Leute zu verteilen. Stichwort Helikoptergeld. Eine Idee, die hierzulande reflexartig weggeschimpft wird, die in Großbritannien aber hoch renommierte Experten wie Adair Turner fachkundig darlegen.

Für all das reicht es nicht aus, in einer Bank oder bei Frau Merkel im Amt gearbeitet zu haben. Da braucht es brillante Denker, die sich mit viel größeren Fragen beschäftigt haben; die Lehren aus der Geschichte zu ziehen versuchen, wie es der frühere US-Notenbankchef und Wirtschaftshistoriker Ben Bernanke konnte. Oder Leute mit akademischer wie praktischer Erfahrung, die sich in den international besten Debatten zum Thema auskennen. In Großbritanniens Notenbank arbeiten seit Jahren exzellente international renommierte Experten – und Kritiker des Finanzsystems, wie Ökonom Andrew Haldane. Die Franzosen haben mit Benoît Coeuré einen ähnlich ausgewiesenen Ökonomen mit viel Tiefgang zur Euro-Zentralbank geschickt.

Wenn die Deutschen international seit Jahren auf so viel Unverständnis bei Währungs- und Finanzfragen stoßen, hat das weniger mit der Boshaftigkeit der Menschen im Rest der Welt zu tun, als damit, dass für so wichtige Posten bei uns Leute nach Parteiarithmetik ausgeklüngelt und durchgewunken werden, die in anderen Notenbanken womöglich nicht einmal Referatsleiter werden könnten.

Nochmal: Burkhard Balz versteht eine Menge vom täglichen Bankengeschäft, sicher mehr als andere. Es wäre nur gut, wenn unsere Neuregierenden die Chance nutzten, den nächsten, ebenfalls gerade zu vergebenden Posten im Bundesbankvorstand an jemanden zu vergeben, der das Zeug hat, sich mit den ganz großen Fragen dieser Zeit zu beschäftigen – und stärker mit den ganz Großen in der Währungswelt mitreden kann. Und wenn der Mann mit den etlichen Nebenposten in der Finanzwelt jetzt nicht unbedingt noch für die Bankenaufsicht zuständig würde.

Dann klüngelt mal schön.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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