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Thomas Fricke: Investmentbanker im Finanzministerium – Mehr Draghi für Deutschland

23. März 2018

Als Investmentbanker weiß Jörg Kukies, welche Desaster die eigene Zunft anrichten kann. Insofern könnte der neue Goldman-Sachs-Mann im Finanzministerium durchaus helfen, künftige Krisen zu vermeiden.

Starkes Stück. Da ernennt ein Sozi-Finanzminister als Staatssekretär gleich mal einen Vertreter jener Branche, die im eigenen Verein bisher als Inbegriff des Bösen galt – also einen Investmentbanker. Jörg Kukies, bisher Deutschland-Chef von Goldman Sachs, soll einen der wichtigsten Posten in der deutschen Finanzpolitik einnehmen. Irre? Klar, schon. Zumindest sollten wir in den nächsten Jahren nicht davon ausgehen, dass Deutschland, sagen wir, die Mutter aller Reformen des Finanzsystems entwickeln wird.

Das Gute an der Personalie könnte nur sein: Solche Globalfinanzleute verstehen umständehalber ziemlich viel davon, wie globalisierte Finanzmärkte funktionieren, welche Desaster sie anrichten können – und wie die Eigenlogik von Finanzgeschäften in Panikzeiten ganze Branchen und Länder in den Ruin ziehen können. So wie in der Eurokrise ab 2010 – bis, Sie wissen schon, Ex-Goldman-Sachs-Mann Mario Draghi als Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) die Finanzpanik fachgerecht stoppte.

Vielleicht trägt der neue deutsche Draghi ja dazu bei, endlich Antworten auf die Vorschläge von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zur Vermeidung der nächsten Eurokrise zu entwickeln. Da hilft Tante-Schäuble-Südländer-Schimpfen womöglich nur bedingt weiter.

Wenn deutschen Regierungsvertretern zu Macron bisher so wenig eingefallen ist, liegt das im Kern daran, dass sich hierzulande eine doch recht eigenartige Lesart der Eurokrise festgesetzt hat. Demnach war die Ursache der Krise, dass südeuropäische Regierungen immer Geld ausgeben, nichts vom Sparen verstehen und sich einfach nie an Regeln halten. Rums, Krise. Da laufen halt die Anleger weg. Gerechte Strafe.

Wir hingegen verstehen, klar, sowohl etwas vom Sparen und überhaupt von Geld, sind zudem genügsam, ehrlich und fleißig und müssten eigentlich kurz vor der kollektiven Nominierung für Friedens- und Wirtschaftsnobelpreis stehen. Stattdessen geben wir auch noch selbstlos Geld nach Griechenland, während der Draghi dem deutschen Sparer zum Dank Zinsen klaut. Was alles in allem jetzt nur leicht zugespitzt formuliert ist, ansonsten aber der gemeinen hiesigen Wahrnehmung nahekommt. Taschentuch, bitte!

Jetzt begibt es sich, dass die Deutschen mit dieser geradezu märchenhaften Krisendeutung dann doch recht allein stehen. Was bedeuten kann, dass entweder die ganze Welt uns Böses will (kann sein) – oder unsere Deutung doch zu schön ist, um wahr zu sein. Zu den Rätseln dieses deutschen Märchens zählt: Warum wurden Länder wie Spanien und Irland so dramatisch in die Krise gezogen, obwohl sie anfangs gar keine Staatsdefizite hatten? Warum gibt es Länder wie Großbritannien oder die USA, die in keine existenziellen Währungskrisen gerieten – obwohl sie mehr Schulden und auch größere Immobilienblasen hatten? Warum erholten sich die Südländervolkswirtschaften nach dem ersten Finanzkrisenschock von 2008 anfangs noch ziemlich normal – und stürzten erst nach Eskalation des Bankendesasters im Euroraum ab?

Die Panikspirale unterbrechen

Klar, es gab in diesen Ländern Probleme. Der Ablauf der Krise sowie der Vergleich zu anderen Staaten sprechen allerdings eher dafür, dass es erst das Euro-Krisenmanagement ab 2010 war, das aus einer nötigen Anpassung ein solches Desaster machte. Womit wir bei einer (für uns) deutlich weniger netten Lesart der Krise wären.

In solchen Panikkrisen entwickelt sich, zumal bei ohnehin seit 2008 angeschlagener Finanzglobalisierung der anfängliche Schock zur Systemkrise – wenn man nicht schnell politisch dagegen hält. Weil Angst die Angst nährt – und Finanzjongleure binnen Sekunden Geld abziehen, was Kettenreaktionen auslöst, wenn nur der Verdacht einer eskalierenden Krise aufkommt. So wie das ab 2008 nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Finanzgewerbe bereits der Fall war. Stichwort: selbst erfüllende Prophezeiung.

Dann gibt es für Politiker nur eines: die Panikspirale schnell unterbrechen. Entweder durch eine schnelle Garantie für alle Ersparnisse, wie sie im Herbst 2008 Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück für Deutschland aussprachen. Oder durch politische Garantien, betroffene Länder nicht fallen zu lassen. Oder durch Notenbanker, die irgendwann sagen, dass sie notfalls alles tun und sämtliche Staatspapiere aufkaufen, um irrlichternde Anleger wieder zur Vernunft zu bringen. Siehe oben. Eine sich dann auch selbst erfüllende Beruhigung.

Eine Bankenunion im deutschen Interesse

Wenn das stimmt, war es grotesk fahrlässig, dass der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nach Ausbruch der Griechenland-Krise im Winter 2009/2010 knurrig darauf pochte, den Griechen dürfe bloß nicht geholfen werden – was Anleger in Panik versetzte und die Krise erst eskalieren ließ, bis im Mai 2010 dann an einem hektischen Wochenende die Notenbanker und Finanzminister den Wahn stoppten und doch Hilfen genehmigten, um den Kollaps des Bankensystems zu stoppen. Ein paar Monate früher, bei noch deutlich weniger Panik, wäre das noch deutlich günstiger zu haben gewesen.

Ebenso irre war es, sich so lange gegen Draghis Vorhaben zu stemmen, die Krise über die Ankündigung zu stoppen, notfalls alles aufzukaufen. „Whatever it takes“ – diese Worte des EZB-Präsidenten stoppten 2012 tatsächlich die akute Krise, allein, weil es danach keinen Grund mehr gab, Geld panisch abzuziehen. Das halten selbst grimmige deutsche Skeptiker Draghi heute zugute.

Es ist verrückt, wie wenig deutsche Krisenmeister aus derart dramatischer Fehleinschätzung zu lernen gewillt scheinen. Wenn Experten heute eine Bankenunion oder gemeinsame Einlagensicherung in Europa fordern, dann ja nicht mit der Absicht, dass deutsche Sparer für andere zahlen sollen – sondern weil sich Einlagensicherungen nach Hunderten Bankenkrisen in der Geschichte als gutes Mittel bewährt haben, gar keine Schlangen vor den Schaltern entstehen zu lassen. Dann braucht auch keiner für keinen was zu bezahlen. Und dann hat eine deutsche Beteiligung auch nichts mit deutscher Solidarität oder Zahlmeisterei zu tun, wie das gern herbeiromantisiert wird, sondern ist ureigenes deutsches Interesse.

Es ist ein irre naiver Glaube aus schnuckeligen Präglobalisierungszeiten, solche Krisen würden am Ende nicht auch Deutschland in eine tiefe Rezession mitziehen. Wenn nicht einer wie Draghi das Drama gestoppt hätte.

All das gilt in internationalen Expertenkreisen als ziemlich weitgehender Konsens. Auch und gerade in besagten Investmentbanker-Zirkeln. Sehr gut möglich, dass auch der neue Staatssekretär davon gehört hat, als er in London, Harvard oder Chicago war. Dann könnte er das ja dem einen oder anderen neuen Kollegen im Ministerium mal erklären. Und dafür sorgen, dass auch Deutschland zur Vermeidung künftiger Finanzpaniken und Eurodesaster einen schönen Beitrag leistet. Die Großreform des Finanzwesens sollte danach dann allerdings besser ein anderer machen. Viel Glück.

Fortsetzung folgt: Warum auch ein gemeinsames Eurobudget selbst für die Deutschen gut sein kann.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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