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Thomas Fricke: Kriminalität versus Globalisierung – Woher kommt des Volkes Wut?

Deutschland ist eines der sichersten Länder der Welt. Trotzdem fürchten viele Bürger kriminelle Übergriffe – und geben Geflüchteten dafür die Schuld. Das eigentliche Problem ist ein ganz anderes.

Da heißt es seit Monaten, ach Jahren, wie unsicher es in Deutschland geworden ist. Vergeht keine Woche ohne Talkshow zum Ende von Recht und Ordnung. Steigen Jungpolitiker zu Heilsbringern auf, weil sie „endlich sagen“, wie schlimm es um uns steht. Und jeder Zwischenfall wird zum Beleg, dass man im Grunde nicht mehr auf die Straße kann. Weshalb wir zum Beispiel ein Heimatministerium brauchen.

Und jetzt? Verkündet diese Woche der frische Aufräum- und Heimatminister Horst Seehofer, dass die Kriminalität gar nicht steigt, sondern fällt. Vergangenes Jahr, noch bevor Horst „Die Rettung“ Seehofer die Heimat zu retten ansetzen konnte, um satte zehn Prozent. Und dass Deutschland nach allem, was die Statistiken hergeben, heute sicherer sei als früher: So wenig Straftaten wie 2017 seien seit 1992 nicht mehr begangen worden, so Seehofer. Trotz Flüchtlingskrise und überhaupt.

Keine Frage: Jede Gewalttat ist eine zu viel, und es gibt eine Menge Gründe, noch mehr dagegen zu tun. Und trotzdem: Es gibt nicht viele Länder, in denen es noch unwahrscheinlicher ist, Opfer von Kriminalität zu werden, als in Deutschland. Das Risiko ist für jeden Einzelnen heute so niedrig wie seit 30 Jahren nicht mehr.

Im Grunde müsste das Empörung auslösen. Wie kann es sein, dass die ganze Republik seit zwei Jahren wie irre über den sicheren Niedergang lamentiert, den es offenbar gar nicht gibt? Es drängt sich die Frage auf, warum es dann so viele Menschen gibt, die unzufrieden bis stark wütend sind, keine SPD mehr und dafür AfD wählen – und die schon Schnappatmung kriegen, wenn jemand zu bedenken gibt, dass der eine oder andere Flüchtling womöglich gar kein Terrorist ist.

Woher kommt die Angst? Ist es nur ein mediales Hochschaukeln? Ein der AfD nacheilender Pseudo-Volksversteherdrang, von nun an möglichst ausführlich über alles Kriminelle zu berichten, vor allem, wenn es irgendwie mit Flüchtlingen zu tun hat? Müsste man den Leuten einfach nur Wahrscheinlichkeitsrechnung beibringen, um faktisch übertriebene Ängste zu nehmen? Möglich.

Es spricht aber auch einiges für ein tieferliegendes Problem: Ähnliche Kollektivängste haben schon Donald Trump zum Präsidenten gemacht; die Briten zum Brexit getrieben; in Frankreich Marine Le Pen in die Stichwahl zur Präsidentschaft gebracht; in Italien für den Aufstieg von mehr oder weniger wirren Populisten geführt. Was steckt dahinter?

„Ich bekomme nicht, was mir zusteht“

Es gibt immer mehr solide Studien, die zu erklären versuchen, was jene Menschen gemeinsam haben, die wütend sind, auf alles Fremde schimpfen und überdurchschnittlich häufig jene stramm-rechten Parteien wählen, die sich als Retter gegen Überfremdung und Unsicherheit geben. Diesen zufolge geht Wut über Ausländer auffällig oft mit dem Frust über das eigene Leben einher.

In einer gerade neu veröffentlichten Studie gehen die Ökonomen Panu Poutvaara vom Münchner Ifo-Institut und Max Friedrich Steinhardt von der Bundeswehr-Universität in Hamburg diesem Verdacht nach, indem sie Umfragen der vergangenen Jahre auswerteten.

Wie die Forscher herausfanden, gibt es in Deutschland keine andere Gruppe von Menschen, die sich so besorgt über Zuwanderung gibt, wie die, die zugleich verbittert über ihr eigenes Schicksal ist. Es sind Menschen, die glauben, nicht das bekommen zu haben, was sie verdienen, so die Forscher.

 

Rund jeder zweite der am stärksten Verbitterten wütet gegen Zuwanderung. Bei denen, die über ihr eigenes Dasein wenig verbittert sind, ist der Anteil nicht einmal halb so hoch.

Die Ergebnisse bestätigen, was andere Studien in jüngster Zeit bereits andeuteten: etwa, dass Leute besonders oft Probleme mit Ausländern äußern, wenn sie zugleich das Gefühl haben, gegenüber Freunden und Verwandten persönlich schlechter abzuschneiden.

Wenn es wirklich jenes Gefühl ist, nicht das zu bekommen, was man verdient, könnte das erklären, warum nicht nur Arbeitslose und Arme die AfD oder Donald Trump wählen. Sondern (auch oder eher) Leute, die Angst haben, aus der Mittelschicht abzustürzen.

Nach den Auswertungen von Poutvaara und Steinhardt nimmt der kollektive Hang zur Sorge vor Einwanderung immer dann zu, wenn die Verbitterung im Land zunimmt. Und laut anderen Studien gibt es gerade in Regionen, in denen die Globalisierung zu besonders heftigen Umbrüchen geführt hat, besonders viele Rechtswähler.

Die Geißel inflationärer Eigenverantwortung

Wodurch entsteht nun Verbitterung? Ein Erklärungsansatz ist, dass die Bürger ständig gepredigt bekommen haben, dass sie bitte schön Eigenverantwortung übernehmen sollen. Was irre ist, wenn plötzlich via chinesischer Billigkonkurrenz ganze Industrien weggefegt werden.

Die kollektive Verbitterung könnte zudem wachsen, weil 40 Prozent der Bevölkerung in den vergangenen Jahren kaum oder keine Einkommenszuwächse verbuchen konnten, während andere ihr Geld auf paradiesischen Inseln mehren lassen oder noch ein paar Milliönchen drauf kriegen, obwohl sie mit Diesel getrickst haben.

Kollektive Verbitterung entsteht, wenn, wie vor zehn Jahren, plötzlich Geld für die Rettung von Großbanken da ist, nachdem den Leuten über Jahre gesagt wurde, dass für Renten, Schulen und Medikamente leider nichts mehr übrig ist.

Oder wenn plötzlich Gesetze gelten, laut denen – Mantra Eigenverantwortung – selbst Menschen nach einem Jahr ohne neuen Job der Absturz auf Hartz IV droht, die über viele Jahre brav geackert haben und aufgrund der Bankenkrise oder Allgemeinrezession gar nicht so schnell einen neuen Job finden können.

All das heißt nicht, dass man nicht für die Integration von Geflüchteten sorgen sollte. Oder für die Abschiebung von Leuten, die sich an Regeln partout nicht halten. Es ist nur absurd so zu tun, als wäre das unser größtes Problem. Als ließe sich dadurch erklären, warum der Unmut im Land so groß ist. Gegen Verbitterung hilft auch das x-te Asylverschärfungsgesetz nur wenig.

Wir brauchen eine ganz andere Aufregung. Wir müssen dafür sorgen, dass die Zahl derer im Land schrumpft, die das Gefühl haben, nicht das zu bekommen, was sie verdienen. Und sie davor zu schützen, dass sie sich für globalisierungsbedingte oder politisch einkalkulierte Schicksalsschläge selbst verantworten müssen, über die sie gar keine Kontrolle haben.

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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