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Thomas Fricke: Deutscher Exportdrang – Böses Erwachen aus dem Dornröschenschlaf

8. Juni 2018

Die deutsche Exportfixierung droht sich in einer Welt voller Populisten ins Drama zu verkehren: Auf Kosten anderer leben – diese Illusion dürfte platzen. Die Kanzlerin scheint es zu ahnen. Zu spät.

Acht Monate hat die Kanzlerin laviert. Da hieß es aus Deutschland wahlweise, dass man noch nicht so weit sei, um auf die Vorschläge von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zur Zukunft der Eurozone einzugehen. Oder dass es gar nichts zu antworten gebe. Weil in Deutschland ohnehin kaum einer Eurobudgets, gemeinsame Finanzminister oder einen richtigen Eurowährungsfonds wolle.

Umso erstaunlicher wirkt, wie die Kanzlerin seit ein paar Tagen irgendwie doch nicht so schlecht zu finden scheint, was der Franzose da vorgeschlagen hat. Merkel stellte eine Freundschaftsanfrage – kurz vor dem Gipfel der G7-Staaten in Kanada dieses Wochenende, an dem Angela Merkel gute Kumpel gegen Donald Trump brauchen kann.

Es könnte sein, dass es eben nur ein bisschen gedauert hat, bevor sich die Kanzlerin ihre Antworten überlegt hat. Möglicherweise hat allerdings den Ausschlag gegeben, dass der US-Präsident mit Strafzöllen Ernst macht und in Italien Anti-Euro-Polterer an die Macht kommen – und Merkel seither von der Ahnung beschlichen wird, Deutschland könnte bald allein in einer Welt stehen, die so gar nicht mehr zum German Model passt, Wohlstand durch Export zu schaffen.

Was in 25 Jahren passiert ist, sprengt alle Dimensionen

Gut möglich, dass sich bald rächt, wie einseitig in Deutschland über Jahre Wirtschaftspolitik betrieben wurde, als ginge es in der Ökonomie allein darum, immer nur wettbewerbsfähiger zu werden. Klar hat die deutsche Wirtschaft immer schon viel exportiert. Was in den vergangenen 25 Jahren passiert ist, sprengt nur alle Dimensionen. Schon zwischen 1993 und 2006 verdoppelte sich der Anteil der Ausfuhren am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von gut 20 auf rund 40 Prozent. Und der Trend setzt sich seit 2006 noch fort.

Die beiden Kieler Ökonomen Stefan Kooths und Ulrich Stolzenburg haben ermittelt, wie stark die Exporte zur Wertschöpfung in Deutschland Jahr für Jahr zuletzt beigetragen haben. Dazu rechneten sie aus den Ausfuhrstatistiken heraus, was bei der Produktion importiert werden musste, also aus dem Ausland kam. Das Ergebnis: Was de facto in Deutschland für den Export hergestellt wird, trug seit 2000 mehr als doppelt so stark zur Wirtschaftsentwicklung bei als das, was die Leute im Inland ausgaben. Das gilt entgegen allen Jubelmeldungen über den mittlerweile anziehenden Konsum selbst für 2017.

Anfang 2018 machten Verkäufe ins Ausland insgesamt fast 48 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung aus. Solche Raten haben sonst nur kleine Länder, die mangels eigener Masse auf Märkte jenseits der eigenen Grenzen angewiesen sind.

Unter den G7-Ländern gibt es kein einziges, das sich auch nur ansatzweise so abhängig vom Export gemacht hat: Die Quoten rangieren von weniger als 20 Prozent in den USA und Japan bis maximal rund 30 Prozent bei Franzosen, Kanadiern, Italienern und Briten. Das könnte erklären, warum die Deutschen im Handelsstreit mit den USA gerade um einiges besorgter wirken.

So viel Exportfixierung zieht ökonomisch mehrere gravierende Tücken nach sich:

  • Im viel gepriesenen deutschen Aufschwung seit 2006 ist der Anteil der Konsumausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von fast 58 auf weniger als 53 Prozent gefallen. Kein Wohlstand für alle. Schlimmer noch: Der Anteil der Investitionen fiel von 8,4 auf nur noch 6,7 Prozent.
  • Weil die Deutschen beim Kostenkürzen so eifrig vorgelegt haben, mussten andere Länder nachzuziehen versuchen – mit dem Haken, dass nicht alle gleichzeitig (relativ) wettbewerbsfähiger werden können. Was wiederum bedeutet, dass in Ländern wie Italien zum Unmut der Menschen zwar viel gekürzt wurde, nur eben ohne dass das anschließend so belohnt wurde, wie das in Deutschland allein noch sein konnte.
  • Eine Wirtschaft so einseitig vom Export tragen zu lassen, geht nur, solange es andere gibt, die umgekehrt entsprechend viel Geld haben (oder Schulden machen), um es (auch) für deutsche Produkte auszugeben. Mehr als die Deutschen es tun – womit wir beim Problem sind, welches Trump gerade mit Strafzöllen zu korrigieren versucht.
  • Und wer seine eigene Wirtschaftsleistung von den Ausfuhren abhängig macht, macht sich früher oder später von Staaten abhängig. Was das bedeuten kann, sehen wir jetzt.

Bisher schien die Rechnung aufzugehen, dass viel Export vor Krisen schützt, weil Absatzschwächen hier oder da kompensiert werden. Scheinbar.

Dieses Mal geht es um mehr

Dieses Mal geht es um mehr: Der US-Präsident wie Italiens neue Regierende spielen damit, ein paar Grundregeln auszusetzen. Etwa die, dass es sich auszahlt, wenn man auf den Weltmärkten irgendetwas einfach besser und günstiger anbietet. Was, wenn Unternehmen das Vertrauen verlieren, verlässlich Geschäfte in der Ferne machen zu können?

Weit entfernt? Mag sein. Das eine oder andere Warnsignal ist dennoch spürbar. Seit Ende 2017 haben sich die Erwartungen deutscher Firmen für den eigenen Export drastisch verschlechtert. Die Industrie schrumpft. Was die meisten Konjunkturauguren bis dato als vorübergehende Korrektur einstuften, nimmt allmählich kritischere Ausmaße an. Und es ist bei einer Exportquote von fast 50 Prozent leicht auszumalen, wie schnell eine Exportkrise das ganze Land treffen wird. Wie schnell das gehen kann, hat sich in der Eurokrise gezeigt, als mangels Export die Wirtschaftsleistung plötzlich ein halbes Jahr lang schrumpfte.

Die Deutschen scheinen gerade aus einem Dornröschenschlaf geweckt zu werden – und aus der Illusion, über den lieben Export auf ewig glücklich zu werden. Es kann auf Dauer nicht gut gehen, wenn der Anschein besteht, dass da ein Land ziemlich einseitig profitiert.

Amerikaner und Italiener geben gerade auf absurd unschöne Art zu verstehen, dass sie nicht mehr mitspielen. Und drohen bei der Behebung des Problems via Protektionismus oder Europoltern noch viel mehr Schaden anzurichten.

Höchste Zeit, Freundschaftsanfragen an die zu verschicken, die noch die Nerven bewahren – und aufzuhören, anderen das deutsche Modell aufzuschwatzen. Oder sich in deutscher Lehrmeisterei zu gefallen, wie gut wir wieder einmal sind – und wie schludrig andere. Bevor es zu spät ist. Sonst droht Deutschland vor lauter Exportfixierung zum ersten Opfer des Aufstiegs gefährlicher Populisten zu werden.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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