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Wirtschaftsdienst exklusiv – Wie hat sich der Anteil einkommensschwacher Personen in Deutschland entwickelt?

14. Juni 2018

Karl Brenke geht in seinem Aufsatz aus der Juni-Ausgabe des Wirtschaftsdienst der Frage nach wie sich der Anteil einkommensschwacher Personen in Deutschland entwickelt hat. Die kurze Antwort lautet: Der Anteil einkommensschwacher Personen hat zugenommen, aber auch deren Einkommen. Abhängig von der sozialen Gruppe zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede: Ostdeutsche sind eher einkommensschwach als Westdeutsche, das gleiche gilt für Personen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Personen ohne Migrationshintergrund. Unter Rentnern ist der Anteil der Einkommensschwachen gering, unter Erwerbslosen jedoch sehr hoch. Den Aufstieg aus dieser Gruppe haben im Vergleich der Jahre 2011 und 2016 weniger als die Hälfte der Erwachsenen geschafft.

Aufgrund der definitorischen Unklarheit des relativen Armutsbegriffs verwendet Brenke den Begriff der Einkommensschwäche, den er genauso operationalisiert wie die amtliche Armutsgefährdung: „Einkommensschwach sind demnach Personen, die in einem Haushalt leben, dessen bedarfsgewichtetes verfügbares Monatseinkommen geringer ist als 60 % des nationalen Medianeinkommens.“ Für 2016 lag der Schwellenwert des bedarfsgewichteten Monatseinkommens bei 990 Euro netto. Im Vergleich zu 857 Euro im Jahr 2011. Brenke interpretiert diese Entwicklung wie folgt: „Insofern ist die gemessene Einkommensschwäche mit steigenden Einkommen einhergegangen. Dies ist ein Spiegelbild der generellen Einkommensentwicklung, da die Einkommensschwelle sich lediglich an einem fixen Prozentsatz des Medianwerts aller Einkommen orientiert.“ Im Durchschnitt betrugen die Einkommen einkommensschwacher Personen im Jahr 2016 745 Euro im Monat. Dies entspricht einem inflationsbereinigten Zuwachs von rund 9% im Vergleich zu 2011. Der Anteil der Einkommensschwachen war 2016 um 2 Prozentpunkte höher als noch 2011. Insgesamt galten 2016 13,4 Mio. Menschen in Deutschland als einkommensschwach.

Einkommensschwäche ist ein je nach sozialer Gruppe unterschiedlich ausgeprägtes Phänomen: Knapp 17 % der Gesamtbevölkerung sind einkommensschwach. Unter Menschen mit Migrationshintergrund ohne deutschen Pass ist Einkommensschwäche mit knapp 35 % deutlich häufiger. Bei Menschen ohne Migrationshintergrund ist Einkommensschwäche unterdurchschnittlich stark ausgeprägt, bei Menschen mit Migrationshintergrund und deutschem Pass mit etwas über 20 % überdurchschnittlich stark. Auch zwischen der Bevölkerung Ostdeutschlands und Westdeutschlands zeigen sich deutliche Unterschiede: Im Osten sind knapp 25 % einkommensschwach, im Westen lediglich gut 14 %.

Jeder zehnte Einkommensschwache ist erwerbstätig. Im Niedriglohnsektor Beschäftigte sind zu 20 % einkommensschwach. Unter den Erwerbstätigen ist Einkommensschwäche vor allem dann anzutreffen, wenn in Teilzeit oder geringfügig gearbeitet wird. Die einkommensschwachen Erwachsenen, die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, setzen sich größtenteils aus Rentnern und Pensionären sowie aus Erwerbslosen zusammen. Die Zahl der einkommensschwachen Nichterwerbstätigen hat von 2011 bis 2016 um 11 % zugenommen. Es fällt auf, dass diese Zuwächse allein auf Personen mit Migrationshintergrund zurückzuführen sind.

Wie gut gelingt es einkommensschwachen Personen die Situation der Einkommensschwäche zu verlassen? „Der Anteil derjenigen, denen es im Laufe von fünf Jahren gelingt, aus dem Kreis der Einkommensschwachen auszuscheiden, variiert ebenfalls erheblich […]: So schaffte dies von den einkommensschwachen Erwerbstätigen des Jahres 2011 ein weitaus größerer Teil (knapp zwei Drittel) als von jenen, die keiner Berufstätigkeit nachgingen (ein Drittel).“, so Brenke.

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  1. Dirk Nerge
    17. Juni 2018 um 18:14

    Illusionsproduktion ?

    Damit ist das allen bekannt gewordene „verlustminimierende Wirtschaftssubjekt“ begraben? Oder?
    In Anbetracht der funktional-strukturellen Konstruktion der Ordnung der Wirtschaft, haben wir es mit sozio-emotionalen Wirkweisen zu tun, die den psychischen Apparat einer absoluten Mehrheit der zu Entitäten genormten menschlichen Einzelwesen zu Anpassungsenergien zwingt, die kaum bis gar nicht von den Einkommensverhältnissen gedeckt werden. Es handelt sich allenfalls um Verlustvermeidung. Es ist im Grunde die Zurichtung zu stets adaptivem statt innovativem Verhaltens, forciert von den Deregulierungen der als Korrelat zu sehenden Arbeits- und Finanzmärkten. Die Faustformel lautet: V=f (P, Z), Verhalten ist eine Funktion, bestehend aus Preis und Zeit; es ist das monetäre Prinzip kognitiver Einwickelung.

    Mehr habe ich an dieser Stelle nicht zu sagen, zumal der Soziologe und Volkswirt Karl Brenke zu seiner angeblichen Feststellung erheblicher Lohnsteigerungen im einkommensschwachen Sektor dem ab 2015 eingeführten Mindestlohn offensichtlich keine Relevanz zuordnet. Gleichwohl an diesem einzigen Punkt ersichtlich würde, inwieweit gesellschaftliche Einflussnahme vor individueller Gängelung stehen müsste.

    Dirk Nerge

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