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David Milleker: Wir werden es wissen, wenn wir am Ziel sind

4. Juli 2018

Wie viele Professionen tendieren Ökonomen dazu, ihre eigene Wichtigkeit übermäßig zu betonen. Entsprechend war unter dieser Gruppe auch die Skepsis hoch, als mit Jerome Powell ein Politologe/Jurist Anfang 2018 an die Spitze der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) berufen wurde.

Tatsächlich ist unter der neuen Führung erst einmal ein deutlicher Stilwechsel festzustellen. Glichen Pressekonferenzen unter seiner Vorgängerin Janet Yellen häufig akademischen Vorlesungen mit vielen Abwägungen, hat unter Powell eine eher einfache Sprache Einzug gehalten. Sätze wie „der US-Wirtschaft geht es gut“ oder „ich sehe viele Vorteile in einer niedrigen Arbeitslosenquote“ wären seiner Vorgängerin wohl nicht so leicht über die Lippen gegangen.

Die Änderungen sind allerdings eben nicht nur stilistischer Natur: Powell macht an vielen Stellen auch klar, dass er Grenzen des ökonomischen Diskurses sieht. Das gilt beispielsweise für die Vorliebe der Ökonomen, mit Größen zu arbeiten, die sich nicht beobachten lassen, sondern komplex hergeleitet werden müssen. Dazu zählen etwa die Produktionslücke (Output Gap), das neutrale Zinsniveau (r*) oder die natürliche Arbeitslosenquote (NAIRU, non-accelerating inflation rate of unemployment). Diese implizite Kritik seitens des neuen Fed-Chefs ist durchaus nachvollziehbar. Das heißt nicht, dass die entsprechend hergeleiteten Maße sinnlos wären. In einem akademisch-analytischen Kontext haben sie ihre Berechtigung. Probleme entstehen freilich daraus, dass es schnell zu intellektuellen Zirkelschlüssen kommt.

Nehmen wir das Konzept der NAIRU: Faktisch geht es hier darum, eine Höhe der Arbeitslosenquote zu identifizieren, bei deren Unterschreitung die Inflation dann überproportional ansteigt. Was in einem historischen Kontext analytisch gut machbar ist, lässt sich auf die Zukunft aber nur projizieren, wenn der Zusammenhang zeitstabil ist oder allenfalls marginal abweicht. Das ist in der Praxis aber nicht der Fall. Entsprechend sind Aussagen wie „die Inflation ist niedrig, weil die NAIRU so niedrig ist“ zwar häufig anzutreffen. Faktisch besagt es aber nur: wir haben eine Kombination aus niedriger Arbeitslosenquote und niedriger Inflation, die schon länger anhält. Eine Zukunftsaussage ist damit nur insofern verbunden, als unterstellt wird, dass der heutige Zustand anhalten wird. Man kommt damit darum herum, dies dann auch zu begründen. Oder anzuerkennen, dass ökonomische wie auch soziale Systeme eben keine Naturgesetze kennen, sondern einem steten Wandel unterliegen.

Aussagen von Jerome Powell wie diese, dass die US-Notenbank aus dem Datenkranz erkennen werde, wann sie mit ihrer Straffungspolitik am Ziel angekommen sei, mögen auf den ersten Blick erstaunen. Auf den zweiten Blick spiegeln sie die vollkommen zutreffende Anerkenntnis, unter einem hohen Maß an Unsicherheit in einer sich ständig wandelnden Welt zu agieren.

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