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Thomas Fricke: Verlierer der Globalisierung – Trumps Vorteil im Handelskrieg

6. Juli 2018

Wer Donald Trumps Strafzoll-Attacken mit alten Freihandels-Gebeten kontert, macht den selbsternannten Retter der Globalisierungsverlierer nur noch stärker – und tut Rechtspopulisten weltweit einen Gefallen.

Der Vorschlag klingt toll. Null Zoll statt Krieg der Strafzölle. Würden Amerikaner wie Europäer auf Exportzölle einfach verzichten, wie es deutsche Konzernchefs und die Bundeskanzlerin gerade bewerben, könnten wir die Amis zumindest glauben lassen, wir würden mehr ihrer komischen Autos kaufen, weil beim Import null statt zehn Prozent Zoll erhoben würden – während wir unsere ohnehin geschätzten Vierradwunder noch besser in Amerika verscherbeln könnten. Prima Sache. Trump gebändigt? Problem gelöst? Na ja.

Dass so etwas besser wäre als ein Handelskrieg – na klar, geschenkt. Wenn sich der US-Präsident überhaupt darauf einlässt. Der Haken ist, dass Nullzölle samt Freihandelsbekundung womöglich wenig an dem ändern würden, was Trumps Handelskriegslust antreibt – im Gegenteil: Wenn Amerikas Chefdealer für seinen Rumpelkurs so viel Unterstützung im Land bekommt, dann nicht, weil es noch zu viel Zoll und zu wenig Freihandel gibt.

Vielmehr speist sich die Unterstützung für Trump auch daraus, dass seit dem Jahr 2000 zu viel freie Billigkonkurrenz mancherorts verheerend für die Leute gewirkt hat. Da hilft dann ein Nullzoll etwa so viel wie Globuli gegen Grippe. Ein Befund, der allem Exportgeträume zum Trotz auch in Deutschland fatal zu wirken droht.

Globalisierungsverlierer und Trump-Wähler

Der US-Ökonom David Autor hat vor einiger Zeit bereits berechnet, in welchen Regionen Amerikas Billigimporte aus China lokale Industrien verdrängt haben. Ergebnis: vor allem in Staaten wie Ohio, Michigan und Indiana, was früher Industriegürtel hieß – und heute Rostgürtel.

Legt man auf einer Karte daneben, wo Trumps Republikaner 2016 die größten Gewinne bei Wählern erzielten, ist klar: Es muss da einen ziemlich engen Zusammenhang geben. Überall, wo die Billigkonkurrenz in den Vorjahren am stärksten gewütet hat, gewann Trump Wähler. Freihandel als Populistenhilfe.

Seit 2000 sind insgesamt fünf Millionen Industriejobs in den USA verschwunden – ein Fünftel davon dürfte auf den China-Schock zurückzuführen sein, schätzt der Düsseldorfer Ökonom und Handelsexperte Jens Südekum.

Das heißt nicht, dass Freihandel nicht Wohlstand schafft – nur eben als Saldo aus Gewinnen und Verlusten. Die Tücke dabei: Diejenigen, die ihre Jobs verlieren, finden selbst im angeblich so flexiblen Amerika nicht schnell mal eine neue Stelle, wie das in manchem Lehrbuch traditioneller Ökonomie noch steht. Was dazu führt, dass den Betreffenden auch nur relativ schwer vermittelbar ist, dass das mit dem Freihandel trotzdem total toll ist, weil halt am anderen Ende des Landes Leute dank derlei optimierter Arbeitsteilung einen Job dadurch bekommen – oder ein total netter Chinese. Dafür muss man vorher sowas wie Ökonomie studiert haben, oder man neigt mangels hinreichender Kenntnis der einschlägigen Fachliteratur dann halt dazu, Trump zu wählen.

Schwerer Denkfehler im Freihandelsdogma

Wenn das stimmt, trägt die grundsätzlich tolle Lehre vom freien Handel einen schweren Denkfehler in sich – die irre Annahme, dass sich Menschenschicksale saldieren lassen. Dann löst es die tieferen Probleme auch nur sehr bedingt, darauf mit der kurzatmigen Idee zu reagieren, die Zölle jetzt am besten ganz abzuschaffen, also auf Kollateralschäden freien Handels mit noch mehr freiem Handel zu reagieren. Gerade weil Zoll- und andere Schranken zur Zeit der Marktöffnung für chinesische Produkte um das Jahr 2000 viel zu abrupt wegfielen, hat die US-Industrie in den Jahren danach ihren historischen Schock erlebt. Und deshalb stehen seither so viele Menschen unter dem Eindruck des Kontrollverlustes, dass sie aus Verzweiflung Herrn Trump wählen.

Da hilft es dann auch nicht, die Zölle anzuheben – und einen Handelskrieg zu riskieren, klar. Davon werden die alten Jobs in früheren Industriebetrieben nicht wiederkehren. Wer das Desaster beheben will, müsste den Leidtragenden dann sehr viel aktiver dabei helfen, wieder eine vernünftige Stelle zu bekommen. Und er müsste in jenen Regionen, die von solchen Schocks getroffen werden, massiv in den Aufbau neuer Unternehmen und Branchen investieren, die von solchen externen Schocks getroffen werden – seien es die plötzliche Billigkonkurrenz aus dem Ausland oder Umbrüche, wie sie beim beschleunigten Einzug von Robotern in den nächsten Jahren passieren dürften.

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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  1. Dirk Nerge
    7. Juli 2018 um 22:08

    Das Stagnatisten-Dilemma

    Leider lässt der Kolumnist die im Resultat hohe Anzahl derer außer acht, die, zumindest auf dem ersten Blick, weder zu den vermeintlichen Gewinnern noch zu den so genannten Verlierern gehören, gemessen etwa an den stagnierenden Löhnen … seit Jahrzehnten. Auf Grund dieser realen Gegebenheit von Stagnatisten, auch als Ergebnis als in der Tendenz sinkenden Wachstums der Investitionen, der Produktivität, der Innovationen aufzufassen, begrifflich beispielsweise als Ausdruck säkularer Stagnation zu umreißen, könnten möglicherweise weniger stereotype Konstrukte der Sozialwissenschaft in Hinsicht der Vermessung von Ursachen, Folgen und Wirkungen individueller und gruppaler Konflikte, etwa bei möglichen oder tatsächlichen Kontrollverlusten und dadurch generierter Projektionen und Verschiebungen innerhalb der Kohorte der Stagnatisten, angesetzt werden.

    Denn es wäre vermessen zu behaupten, (Rechts-) Populisten würden von so genannten Verlierern gewählt, denen man nur Jobs vermitteln müsste … und die Welt und insbesondere der Freihandel und die Digitalisierung wären dann wunderbar. Nein, die Stagnatisten befinden sich im Dilemma der Wahl … der Entscheidung. Der Entscheidung bei Ungewissheit im politischen und wirtschaftlichen Stagnatismus.

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