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Thomas Fricke: Politisches Frustpotenzial – Deutschlands Globalisierungsverlierer

Deutschland profitiert vom freien Handel. Doch vor lauter Lobhudelei über die Exportpotenz unterschätzt die Bundesregierung, dass es auch hierzulande viele Menschen gibt, die nicht zu den Gewinnern zählen. Viel zu viele.

Für die Kanzlerin scheint der Fall klar. Wenn es ein deutsches Interesse im gerade drohenden Handelskrieg gibt, dann offenbar das: alles dafür zu tun, dass möglichst viel und frei gehandelt wird – damit alle weiter „Made in Germany“ kaufen. Weil kaum ein Land in den vergangenen 20 Jahren so davon profitiert hat, überall auf der Welt Absatzmärkte auszubauen; und dabei so viel mehr exportiert als importiert hat. Anders als die Amerikaner, bei denen ganze Industrieregionen von chinesischer Billigkonkurrenz dahingerafft wurden – und die Leute in den betreffenden Regionen den Handelskrieger Trump gewählt haben.

Was auf den ersten Blick klar scheint, könnte sich als möglicherweise tückische Fehleinschätzung erweisen. Klar, die Deutschen haben sehr viel mehr exportiert als importiert, also mehr Geld im Ausland verdient als dort ausgegeben. Nur heißt das nicht, dass es hierzulande nur Globalisierungsgewinner gibt – ein Phänomen, das in der nächsten Krise zu einem ganz neuen politischen Schock zu führen droht.

Für die USA ist der Befund spätestens seit der Wahl Donald Trumps eindeutig: Überall dort, wo chinesische und andere Billigkonkurrenz zu industriellen Krisen geführt haben, hat Trump 2016 stark gewonnen. Kein Wunder, sollte man meinen, wo die Amerikaner jährlich für mehr als 500 Milliarden Dollar mehr im Ausland einkaufen als selbst zu verkaufen. Anders als wir.

Dass es ähnliche Phänomene auch in Ländern gibt, die keine so enormen Handelsdefizite wie die USA einfahren, haben Auswertungen der italienischen Wirtschaftswissenschaftlicher Italo Colantone und Piero Stanig für Westeuropa gezeigt. Die Experten identifizierten, in welchen Regionen es in den vergangenen Jahrzehnten Branchen gab, die für Billigkonkurrenz etwa aus China besonders anfällig waren. Und: Auch hier haben nationalistische und rechte Parteien auffällig stark Zulauf bekommen. Ob in Frankreich oder Italien.

Eine Forschergruppe um den Düsseldorfer Ökonomen Jens Südekum hat das Phänomen für Deutschland getestet – mit ähnlichen Ergebnissen. Zwar habe das Land in den vergangenen 25 Jahren sogar doppelt von der Öffnung von Grenzen profitiert – nach Osteuropa und nach China. Und es lasse sich auch ziemlich eindeutig festmachen, welche Branchen und Regionen hierzulande davon am meisten profitiert haben: etwa Niederbayern, Stuttgart und das Allgäu – dank Auto- und Autozulieferindustrie. Nur sind in derselben Zeit eben auch die (billigeren) Importe aus China und Osteuropa hochgeschnellt – und haben auch hierzulande in etlichen Regionen zu Strukturbrüchen geführt – wie in Oberfranken, der Südwestpfalz oder der Lausitz.

Südekum und Kollegen haben auf Basis etlicher regionaler Daten geschätzt, welchen Effekt all das auf den Arbeitsmarkt in Deutschland hatte. Per se erst mal positiv: Alles in allem wuchs dank des rapide gestiegenen Im- und Exports allein zwischen 1990 und 2010 in Westdeutschland die Zahl der Industriestellen um fast eine halbe Million – während in Ländern wie den USA in dieser Zeit immer weniger Industriejobs übrig blieben.

Allerdings stecken hinter diesem tollen Saldo zwei regional atemberaubend gegensätzliche Trends: ein Plus von fast einer Million Jobs dank Exportboom nach Osteuropa und China auf der einen Seite; und auf der anderen mehr als eine halbe Million Stellen, die wegen globalisierter Billigkonkurrenz in den altindustriellen Regionen bei uns gestrichen wurden. Besonders fatal: Diejenigen, die ihre Jobs verloren haben, sind nicht die, die jetzt auf den neuen Stellen arbeiten.

Das Frustpotenzial wächst

Die politischen Folgen dieser Entwicklung scheinen sehr ähnlich zu dem, was Forscher für die USA feststellten. Schön, dass der freie Handel per Saldo positiv wirkt. Nur macht es das Drama für die Verlierer der Veranstaltung in, sagen wir, der Lausitz nicht besser, wenn es im Allgäu so viele glückliche Gewinner gibt. Im Gegenteil: Das Frustpotenzial wird sogar größer, wenn andere profitieren und man selbst verliert.

Wie Südekum und andere auch für Deutschland herausfanden, haben rechte und rechtspopulistische Parteien just in jenen Regionen überdurchschnittlich Erfolg, die von den Forschern als Verlierergebiete eingestuft wurden. Wobei den Frust nicht nur jene schieben, die durch den Bruch selbst arbeitslos wurden oder verarmt sind. Was wiederum die Auswertung von Wahlergebnissen bestätigt, wonach nicht nur diejenigen AfD wählen, die ihre Existenz verloren haben, sondern auch Leute aus der Mittelschicht. Der Frust ist relativ.

Wo der Importdruck am höchsten war, wählten in der Vergangenheit mehr Menschen rechte Parteien als anderswo, fanden auch die Forscher Robert Gold, Christian Dippel und Stephan Heblich heraus. Und auch das passt zum US-Befund. Nur dass der Trend in Deutschland dank höherer Exportüberschüsse später eingesetzt zu haben scheint als etwa in Trumps USA, Frankreich oder Italien.

Wenn das stimmt, hat es etwas umso Absurderes, wenn die Großpopulisten dieser Tage – von Donald-ich-mach-mal-alles-durcheinander-Trump bis zu Transit-Horst Seehofer – ihre Zeit vor allem damit verbringen, mehr oder weniger heillos anderen die Schuld an irgendwelchen Übeln zu geben und sich ganz besonders über Flüchtlinge zu ereifern. Vor den genannten Nebenfolgen der Globalisierung schützen auch noch so viele Abschiebungen wenig.

Wehe, wenn der Boom vorbei ist

Es könnte sich für die deutsche Bundesregierung umgekehrt auch als Fehlkalkül erweisen, das eifrige Handelspoltern des US-Präsidenten vor allem mit Appellen zu kontern, doch bitteschön artig am freien Handel festzuhalten. Das wird weder die Verlierer im US-amerikanischen Rostgürtel zu Trump-Kritikern machen, noch eines der tieferen Probleme bei uns lösen: dass die Globalisierung zu viele schwere Schicksale und zu viel Frust mit sich gebracht hat. Neben all den großen Vorteilen, klar.

Dass all das schon jetzt selbst im großen Exportland Deutschland politisch spürbare Wirkung erzielt, könnte sich als ziemlich böses Omen erweisen. Noch läuft die Konjunktur. Und noch gibt es fast Monat für Monat mehr Jobs im Land. Das erhöht zumindest die Chancen, nach Entlassung eine neue Stelle zu bekommen. Wenn der schöne Boom vorbei ist, könnte der Volksfrust noch sehr viel spürbarer werden.

Es braucht eine Globalisierung, bei der, wenn nicht alle, so zumindest die ganz große Mehrheit der Menschen mitgezogen wird – und nicht nur die, die auf der mehr oder weniger wackeligen Positivseite des Saldos gezählt werden. Sonst gibt es vor lauter Populistenpoltern, plumpem Nationalgezeter und Handelskriegspielen bald auch keine Menschen mehr auf der Sonnenseite.

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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