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Thomas Fricke: Finanzmärkte – Die Börse kann Erdogan und Trump nicht zügeln

24. August 2018

Ob Türkei, USA oder Italien – immer wieder dämpfen die Finanzmärkte den Eifer populistischer Politiker. Aber taugt die Börse als Retterin der Demokratie?

Der Gedanke liegt nahe: Was alle Protestnoten im Kampf gegen den autoritären türkischen Präsidenten nicht geschafft haben, erledigt der mächtige Finanzmarkt. Denn die Börsianer sorgen durch eine milliardenschwere Flucht aus der Währung dafür, dass die türkische Lira abgestürzt und der Wirtschaft eine tiefe Krise droht, sodass Recep Tayyip Erdogan früher oder später schon irgendwie weg sein wird. Ist zu lesen. Und der eine oder andere stimmt schon Lobeshymnen auf die demokratisch gute Seele der Finanzwelt an.

Schon die Wortfolge aus „guter Seele“ und „Finanzwelt“ mag bei manch aufmerksamem Beobachter des Zeitgeschehens eine Art kognitive Dissonanz auslösen – geht das zusammen? Doch die Frage ist, ob so eine Währungskrise überhaupt zum vermeintlich gewünschten Ergebnis führt. Und ob die Menschen, die börsentäglich viele Milliarden hin und her handeln, als unverhoffte Wächter der Demokratie so verlässlich sind.

Gut möglich, dass solche Börsentrends das Problem nur verschärfen. Und autoritäre Regime die schlimme Entwicklung dann nutzen, weil sie noch einen Grund mehr zur Klage haben, wie böse die Welt um sie herum ist. Wäre es so, könnte es sich für Deutschland ja doch lohnen, den Türken jetzt zu helfen.

Conte, Trump, Erdogan

Mit dem Phänomen widerborstiger Börsianer wird in diesen Tagen nicht nur Erdogan konfrontiert. Als Italiens rechtslastig-populistische Regierung kürzlich nicht ganz so günstige Wir-machen-jetzt-alles-anders-Pläne verkündete, reagierten die Händler von Staatspapieren prompt mit einem Ausverkauf italienischer Titel. Bis die Regierung kundtat, schön aufzupassen beim Geldausgeben.

Ein wenig kriegt selbst der größte aller Donald Trumps zu spüren, was es heißt, wenn die hohe Finanz bei seinem America-first nicht ganz mitmacht. Seit Monaten wird der Dollar teurer, und mit ihm plötzlich alle schönen amerikanischen Produkte im Rest der Welt, die der US-Präsident so sorgsam billiger zu machen versucht, indem er mit Chinesen und Europäern Zölle-Pingpong spielt.

Ist das ein Gewinn für die freie Welt? Auf den ersten Blick könnte die zynische Rechnung aufgehen: Weil die türkische Lira abstürzt, schnellen Importpreise und Inflation hoch, wird für die Bevölkerung alles teurer, müssen die Zinsen steigen, was die Wirtschaft zu treffen droht. Den Türken geht’s schlechter – da wollen sie bestimmt ihren Präsidenten bald auch nicht mehr. Die italienische Regierung macht dank Finanzpolizei keinen finanziellen Blödsinn mehr. Und Donald Trump wird sicher bald einsehen, dass er gegen das Gute im Börsianer machtlos ist.

Sie merken schon: Nicht wirklich ein Selbstläufer.

Im Ernst: Wenn die Finanzmärkte nur ansatzweise als Wächter demokratischer Gepflogenheiten taugen, und sei es als Grundlage für Gewinn und längerfristigen Wohlstand – warum brachen dann Aktienkurse und Dollar nicht ein, als Donald Trump sein Amt antrat? Oder als er meinte, es sei in Ordnung, die Staatsschulden hochschnellen zu lassen, um damit ein enorm teures Steuersenkungspaket ohne Gegenfinanzierung aufzulegen?

Wen interessiert an der Börse, wer das alles finanzieren soll?

Der Dollar steigt seit Wochen, obwohl der Handelskrieg eskaliert. Derweil werden die Aktien im Trump-Zeitalter auf Rekordniveaus gehandelt. Und warum stürzte die türkische Lira erst in diesem Sommer ab – und nicht früher schon?

Hinter alledem steckt ein grundsätzliches Problem: Finanzmärkte tendieren – allen Weisheiten aus herkömmlichen ökonomischen Lehrbüchern zum Trotz – zu einer recht kurzfristigen Deutung der Welt. Als der US-Präsident die Steuersenkungen machte, schnellten halt die Aktien der Firmen hoch, die jetzt weniger Steuern zahlen. Wen interessiert schon, wer das alles finanzieren soll.

Dazu kommt, dass Finanzmärkte nicht immer gleich reagieren. Das kann dazu führen, dass autoritäre Politik – die auf Dauer mit hoher Wahrscheinlichkeit zu nicht viel Gutem führt – über Monate oder Jahre durch schöne Kursentwicklungen belohnt wird. Bis der Trend bei den hippen Börsenleuten kippt und Zuneigung plötzlich in kollektive Panik umschlägt, weil Börsianer in der Not dem Herdentrieb folgen. Ist ja auch schwer, die Entwicklung einer ganzen Volkswirtschaft mit einen einzigen Kurs zu bewerten, nämlich dem Währungskurs.

Was, wenn die Finanzmärkte alles schlimmer machen?

Als noch tückischer könnte sich etwas anderes erweisen: Es gibt eine Menge Erkenntnisse darüber, dass der Zulauf für Populisten viel mit dem Gefühl der Menschen zu tun hat, ihre Regierungen hätten ohnehin keine Kontrolle mehr. Was nicht nur damit zu tun haben dürfte, dass es schwierig ist, die Migration in den Griff zu bekommen.

Das Problem sitzt tiefer. Tatsächlich haben Regierungen wegen der Globalisierung auf vieles nicht mehr so viel Einfluss. Etwa, wenn Finanzmärkte oder Gläubiger via Geldabzug die Regierungen abstrafen, die womöglich gerade erst demokratisch gewählt wurden.

Was das heißt, haben die Griechen erlebt, als sie 2015 via Volksabstimmung gegen die Fortführung der Kürzungspläne stimmten – und die Regierung genau die danach fortführen musste. Ein Demokratie-Desaster. Oder kürzlich die Argentinier, denen die hohe Finanz jäh das Vertrauen entzog. Oder eben die Italiener.

Das mag kurzfristig irgendeinen ökonomischen Sinn ergeben (was es im Falle Griechenlands nicht einmal tat). Es droht aber, die autoritären Männer noch zu bestärken. Und zwar darin, dass es autoritäre Herrscher braucht, um das Volk ein bisschen autoritärer vor den bösen Mächten zu schützen. Die Trump-Salvini-Leier.

Wenn’s dumm zugeht, hat man ein ganz anderes Ergebnis als die Wiederkehr demokratisch-rechtstaatlicher Verhältnisse. Auf die blöde Verteuerung des Dollars reagiert der US-Präsident, indem er gegen den von ihm selbst eingesetzten Notenbankchef poltert – weil der die Zinsen anhebt und das den Dollar halt attraktiver und somit teurer macht. Ein Angriff auf die Unabhängigkeit der Notenbank. Und ein weiteres Tabu, das fällt – hin zum autoritären Regime.

Heillose Urteile der Finanzjongleure

Ähnlich versucht Erdogan, die Währungshüter im Kampf gegen die böse Finanzwelt einzusetzen. Und Italiens rechter Innenminister Salvini hat einen Grund mehr, anderen die Schuld zu geben.

Es spricht viel dafür, dass die mehr oder weniger heillosen Urteile, die Finanzmarktjongleure fällen, eher dazu führen, dass die wütenden Erdogans und Trumps noch rabiater werden. Und selbst wenn es sie langfristig wirklich die politische Existenz kostet, wird danach nicht verschwunden sein, was den Unmut über ohnmächtige Regierungen seit Jahren so gefährlich nährt. Im Gegenteil: Es könnte die nächste Welle populistischer Politiker folgen.

Es wäre dringend nötig, die Finanzströme besser zu kanalisieren und die Menschen vor allzu irren Kapriolen zu schützen. Und sei es, um den autoritären Polterern einen Grund für ihr Poltern zu nehmen.

Das könnte im deutschen Interesse dafür sprechen, den Türken zu helfen und die Verselbstständigung der Finanzpanik zu stoppen, auch wenn das politisch völlig widersinnig wirkt. Damit bald das wieder zählt, was demokratisch gewählte Regierungen tun.

Und nicht das, was gerade am Finanzplatz gedacht wird. Die Börse ist ein schlechter Politik-Ersatz.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

  1. Michael
    25. August 2018 um 02:48

    So ist es nicht. Die Amis müssen ihre Defizite finanzieren. Geshalb werden erst mal Währungen schwächerer Staaten „geschlachtet“. Die Fundamentaldaten der Türkei sind erheblich besser, als die der USA. Nähmen wir ein neutraleres Beispiel, auch Norwegens Währung ist seit Jahren erstaunlich schwach. Warum? Verschuldung privat, Industrie, Staat? Wenn man den Staatsfonds mit einrechnet haben die Norweger keinerlei Schulden. Aber es sind nur 5 Mio. Nasen. Da könnte sich die Zockeria vertan haben, wenn die keine Lust mehr haben Inflation über eine zu schwache Währung zu importieren, könnten sie Teile des Staatsfonds verkaufen. So solide steht die Türkei mit ihren Defiziten in der Handelsbilanz nicht da, aber auch dort führt eine schwache Währung zu hoher Inflation mit der Folge zu hoher Zinsen.

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