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Wirtschaftsdienst exklusiv – Zehn Jahre nach Lehman: Neoklassik in der Krise

29. August 2018

Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 löste eine globale Finanzkrise aus. Diese kann als außergewöhnliches Ereignis interpretiert werden, aber auch als eine Krise des Systems. Fraglich ist, ob die globale Finanzmarktstabilität nachhaltig gestärkt ist und die Finanzmärkte Schocks widerstehen können. Stephan Schulmeister ist Universitätslektor in Wien und kritisiert die Neoklassik scharf. Er konstatiert, dass die Krise nicht erkannt werden konnte, weil sie in dieser Theorie nicht vorgesehen ist. Die systemische Ursache der Krise verortet er wie folgt: „Die gleichzeitige Entwertung von Aktien­, Immobilien­ und Rohstoffvermögen 2007/2008 durch drei Bärenmärkte, denen drei simultane Bullenmärkte vorangegangen waren.“

Aus der Neoklassik leiten sich laut Schulmeister die Leitlinien der vorherrschenden Wirtschaftspolitik ab: Fiskalregeln à la Maastricht, Dominanz der Geldwertstabilität, Verschlankung des Staats und Deregulierung der Finanzmärkte. „Dass (ausgerechnet) die ‚freiesten‘ Märkte permanent Abweichungen der Preise von ihren ‚fundamentalen‘ Gleichgewichten generieren, also Bullen­ und Bärenmärkte, ist dabei ‚undenkbar‘.“, führt Schulmeister in Bezug auf die Finanzmärkte aus. Gemäß neoklassischer Dichotomie müssen die Abweichungen von den fundamentalen Werten auf Schocks bzw. Blasen zurückzuführen sein.

Die Schwächen der neoklassischen Theorie macht Stephan Schulmeister an dem Phänomen des Hochfrequenzhandels auf Finanzmärkten deutlich: „[Computergestützte, automatisierte Handelssysteme] verarbeiten nur vergangene Kurse, Informationen über die ‚market fundamentals‘ werden ignoriert. Daraus folgt ein für Mainstream­Ökonomen unlösbares Dilemma: Entweder, die Systeme sind profitabel, dann wären die ‚freiesten‘ Märkte nicht einmal schwach effizient – oder sie sind unprofitabel, dann wären die Akteure nicht rational. Tatsächlich dokumentieren die meisten Studien eine ‚abnormale‘ Profitabilität solcher ‚trading systems‘.“

Als Gegenprogramm zu der seit den 70er Jahren dominierenden Neoklassik skizziert Schulmeister die 50er und 60er Jahre, in denen die Empfehlungen Keynes maßgeblich waren, welche die Finanzspekulation radikal begrenzten und der Realwirtschaft mehr Platz einräumten: „Bei festen Wechselkursen, stabilen Rohstoffpreisen, Zinssätzen unter der Wachstumsrate und ‚schlummernden‘ Aktienmärkten konnte sich das Profitstreben nur in der Realwirtschaft entfalten, die Unternehmen konzentrierten sich auf die Bildung von Realkapital und damit auch auf die Schaffung von Arbeitsplätzen.“

Stephan Schulmeister stellt beim Blick in die Gegenwart heraus, dass die Aktienkurse in den letzten Jahren stärker gestiegen sind als vor den Börsencrashs 2000 und 2008. Und weiter: „Seit sechs Jahren boomen die Immobilienpreise in den USA so stark wie vor Ausbruch der Finanzkrise, gleichzeitig steigen sie auch in Ländern wie Deutschland, in denen dies vor 2008 geschehen war, stark überdurchschnittlich. Zusätzlich boomten die Anleihekurse wie nie zuvor […].“ Schulmeister ist pessimistisch und hält es für wahrscheinlich, dass über kurz oder lang simultane Bärenmärkte zu einem neuerlichen Absturz führen werden.

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