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Thomas Fricke: Sinkende Wählergunst – Absturzrisiko macht Bürger wütend

1. September 2018

Seit Jahren versuchen Union und SPD, die Wähler mit Geldzuwendungen zu umgarnen – ohne Erfolg. Was die Leute sorgt, ist das erhöhte Risiko, wirtschaftlich abzustürzen. Und dagegen helfen weder Mütterrente noch Soli-Abbau.

Der Reflex scheint festzusitzen. Jedes Mal, wenn ungeplant Geld reinkommt, beschließen unsere Regierenden in Berlin, mal wieder etwas für die Rentner zu tun – oder für Mütter mit Rentenzukunft. Wie diese Woche. Oder denen vielleicht bald ein bisschen Geld zu erlassen, die Soli-Zuschlag zahlen. Je nach Partei. Für alle etwas.

Dabei ist das Ziel schon klar: den zurzeit, sagen wir, etwas garstig wirkenden Wähler umgänglicher zu stimmen. Vor allem den mit Rentenhintergrund. Nur dass der das nicht zu schätzen scheint.

Zumindest gemessen daran, dass die Union von Angela Merkel trotz all des Geldes Umfragen zufolge mittlerweile weniger als 30 Prozent Stimmen bekäme – obwohl allein aktuelle und künftige Rentenmütter zusammen schon fast zehn Millionen ausmachen. Und die mitregierenden Kollegen von der Sozialdemokratie allmählich in den Wirkungsbereich der Liste bedrohter Arten eindringen.

Jetzt kann das entweder daran liegen, dass der Wähler undankbar ist. Plausibler wäre, dass die Besorgnis im Land einen anderen Grund hat – und vielleicht eher in dem verbreiteten Gefühl der Menschen liegt, heutzutage beruflich schnell in Existenznot geraten zu können. Ein Risiko, das gegenüber früher enorm gestiegen zu sein scheint, wie neuere Studien jetzt vermuten lassen. Dieses Gefühl ist womöglich weit prägender als noch so viele fehlende Rentenpunkte im Alter. Dagegen helfen dann weder steigende Mütterrenten noch sinkende Solidaritätszuschläge.

Was dahinter steckt, hat der Mannheimer Ökonom Tom Krebs zu ergründen versucht. Dafür wertete er mit einer Kollegin zusammen aus, wie sich nach Erhebungen des Sozio-oekonomischen Panels die Arbeitseinkommen Tausender Beschäftigter in Deutschland im Laufe ihres Berufslebens entwickelt haben; wie häufig es dabei zu heftigeren Einkommensverlusten kam – und wie sich diese Entwicklungen heute und früher typischerweise unterscheiden.

Seit Anfang der Neunzigerjahre hat demnach die Zahl der Fälle stark zugenommen, in denen Beschäftigte früher oder später damit konfrontiert wurden, plötzlich deutlich weniger Geld zu verdienen als vorher.

Wie Krebs jetzt nachrechnete, lag die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in seinem Arbeitsleben mit einem Mal und auf Dauer 20 Prozent seines Einkommens verliert, noch 1990 in Westdeutschland bei lediglich fünf Prozent. Anfang der Zweitausenderjahre hatte sich das Risiko mehr als verdoppelt – und ist, was noch bedenklicher ist, danach trotz Daueraufschwungs auch nicht wieder gesunken.

Fast jeden Achten, der arbeiten geht, ereilt irgendwann das Schicksal, unversehens auf ein Fünftel seines erwirtschafteten Lebensunterhalts verzichten zu müssen. Und das nicht nur für kurze Zeit, sondern unumkehrbar.

Anders gesagt: Es gibt in Deutschland mehr als doppelt so viele Menschen, die derartige existenzielle Schocks erleben – oder noch zu verarbeiten haben. Das Risiko, früher oder später auf zehn Prozent verzichten zu müssen, liegt sogar bei gut 20 Prozent, das trifft jeden Fünften.

Warum das Gefühl der Unsicherheit auch im Aufschwung geblieben ist

Das Ganze könnte einem bisher stark unterschätzten gesellschaftlichen Schock gleichkommen. Vorausgesetzt es stimmt, was die gängige Forschung zu den seelischen Folgen solcher Verluste sagt. Schwer zu verkraften ist für den Menschen danach ja nicht (nur) die neue Armut, sondern (auch) der plötzliche relative Verlust einer Position gemessen an dem, was man sich aufgebaut hat oder Freunde und Bekannte haben. Das könnte auch erklären, warum solche Schocks vor allem im Osten der Republik heute besonders eindrucksvoll nachzuwirken scheinen; kaum eine andere Region dürfte so viele Schocks in Erwerbsbiographien zu verkraften gehabt haben. Und warum AfD-Wähler nicht alle arm sind.

Wenn das stimmt, hilft es in der Tat wenig, Müttern einen halben Punkt mehr Rente zu überreichen. Oder den Soli zu senken. Das hilft Leuten wenig, die gerade auf eine zwanzig Prozent schlechter bezahlte Stelle wechseln müssen – und Angst um ihre Existenz haben, weil sie eine Familie samt Kindern zu ernähren haben.

Dass die Unsicherheit gerade in den Neunzigerjahren so hochschnellte, lässt erahnen, dass dahinter größere Phänomene stecken.

  • Nach Krebs‘ Vermutung dürfte dazu die Öffnung der Grenzen nach Osteuropa gehören – was nach dem Mauerfall viele Industrieregionen arg unter Druck gesetzt und zur Verlagerung von Standorten beigetragen hat.
  • Dazu dürfte auch gehört haben, dass vor lauter Standortpanik als oberstes Gebot plötzlich galt, alles Mögliche abzubauen, was Arbeitnehmer bis dahin schützte. Zum Beispiel vor Einkommensverlusten – ob via Öffnungsklauseln oder den Austritt von Betrieben aus der Tarifbindung.
  • Es spricht auch einiges dafür, dass das, was durch Agenda 2010 und Hartz IV an Hurra-Flexibilisierung des Arbeitsmarkts dazukam, die Ängste vor Absturz im Volk noch hat steigen lassen. Das wiederum könnte erklären, warum das Gefühl der Unsicherheit auch im Aufschwung geblieben ist.

Krebs‘ Befund von der stark erhöhten Unsicherheit reiht sich in eine zunehmend schlüssige Erklärung dafür ein, was in Deutschland gerade passiert – und schiefgelaufen ist. Es gibt Studien, die zeigen, dass vor allem jene im Osten zu Ausländerhass neigen, die schwer damit klarkamen (oder noch kommen), dass sie weniger verdienen als mancher Wessi, der im Zweifel sogar weniger arbeitet.

Oder dass rechte Parteien vor allem in den Regionen in West wie Ost besonderen Zulauf haben, in denen es durch Globalisierung und Billigkonkurrenz die größten wirtschaftlichen Umbrüche gab – und naheliegend besonders viele, die plötzlich mit deutlich weniger klarkommen mussten. Siehe oben.

Dann drängt sich die Vermutung auf, dass Kanzlerin Merkel und ihre Minister gerade Geld am tieferen Problem der Leute vorbeischenken – so gut die eine oder andere Idee ist. Und dass es viel stärker darum gehen müsste, wirtschaftlich wieder so viel Dynamik und Jobsicherheit zu erzeugen, dass es für möglichst alle wieder so unwahrscheinlich wie früher wird, wirtschaftlich abzustürzen.

Vielleicht wird es dann bald als schlechtes Experiment (zumeist) verbeamteter Ökonomieprofessoren in die Geschichte eingehen, Menschen zur Flexi-Lösung für wirtschaftliche Probleme umzudeuten – und damit heillos zu überfordern.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

  1. Gerhard Boerk/Berlin
    1. September 2018 um 17:57

    Was ich Ihrem Artikel noch hinzufügen würde, sind die prekären Arbeitsplätze wie Kurzzeitverträge und Zeitarbeitsverträge. Ich kann mich noch an meine Zeit in meiner Jugend zurückerinnern, in denen mein Vater zu einem sogenannten Sklavenhändler gegangen ist, um mit anderen um eine Arbeit zu Hungerlöhnen gebuhlt hat.

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