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Thomas Fricke: Deutsche Einheit – Feiern, bis die AfD kommt

Die Feiern zur Einheit könnten so schön sein, wenn die Vereinigung nur nicht gewesen wäre. Jetzt müssen wir jedes Jahr so tun, als wäre das in Wirklichkeit nicht ein ziemliches Desaster geworden. Zeit für einen Tabubruch.

So richtig schwungvoll war das jetzt nicht, was die Deutschen zur Feier der Einlandlösung diese Woche hingelegt haben. Da wirkte selbst die britische Chef-Tristesse Theresa May auf ihrem Parteitag wie die Top-Partymaus. Das kann natürlich an dem oft grauen Oktobertag liegen, an dem wir jedes Jahr feiern müssen. Der Franzose hat historische Vorkommnisse sicherlich bewusst auf Mitte Juli gelegt, um den Tag in Bastschuh und Minirock zu zelebrieren. Ähnlich wie der Amerikaner, der am 4. Juli kurzärmelig seine Unabhängigkeit feiert.

Der Grund könnte natürlich auch darin liegen, dass uns der Anlass zum Feiern ein wenig abhandengekommen ist. Klar, die Freiheit und so. Alles richtig, was so Kommentatoren einmal im Jahr an Vorzügen darlegen, bevor sie den Ossi für die restlichen 364 Tage wieder Ossi sein lassen (außer es passiert was in Chemnitz).

Das Fatale daran ist, dass in Deutschland seit 1990 vor lauter wir-müssen-uns-jetzt-freuen und wer-sich-nicht-freut-ist-unpatriotisch doch relativ wenig darüber nachgedacht worden ist, wie dramatisch die Sache in mancher Hinsicht schiefgelaufen ist; und wie gefährlich das heute nachwirkt. Es wäre zur Lösung der eigentlichen Probleme wie für die künftige Feststimmung wahrscheinlich gut, das Tabu abzulegen, wonach wir die Einheit nicht schimpfen dürfen, und es nächstes Jahr einmal richtig krachen zu lassen.

Wenn im Osten Deutschlands heute so viel Hass auf alles Mögliche ist, dann hat das natürlich auch damit zu tun, wie die Vereinigung gelaufen ist. Nicht weil die Deutschen hier ein Problem mit sich haben. Sondern zu einem Gutteil auch deshalb, weil die heiligen Kräfte der (damals gerade) siegreichen Marktwirtschaft nirgends so unbekümmert an Menschen ausprobiert wurden wie im Osten, wo innerhalb kürzester Zeit Millionen Menschen ohne Arbeit waren, die so etwas überhaupt nie kannten. Und sich dann auch noch zu freuen hatten.

Zur Erinnerung: Über zwei Jahrzehnte gab es im Osten nach der Wende Massenarbeitslosigkeit, wie es sie im Westen nie gegeben hat. Und eine Massenflucht junger Leute. Und alles musste so sein, wie der Westdeutsche das vortrug – keine Widerrede. Bei vielen folgte der nächste Bruch in der Erwerbsbiografie – als Billigkonkurrenten aus dem Osten Europas manchem Betrieb das Aus bereiteten.

USA, Frankreich – immer das gleiche Prinzip

Was das angerichtet hat, lässt sich vergleichen mit dem, was in den USA etwa im viel beschriebenen Rostgürtel passiert ist, als dort nach dem Jahr 2000 durch die chinesische und andere Billigkonkurrenz ganze Industrieregionen dahin- und Städte wie Detroit pleitegingen. Dort wo Donald Trump nicht zufällig 2016 für die Republikaner die größten Zuwächse erhielt. Ähnliches gilt für die in Großbritannien. Oder in Frankreich, wo der Front National in Regionen zulegte, wo sich der heftige Strukturwandel – wie die menschlichen Schicksalsschläge im Ökonomenjargon heißen -, am meisten bemerkbar machte. Oder eben in Ostdeutschland und (west-)deutschen Regionen, wo Leute plötzlich aus ähnlichen Gründen die Kontrolle über ihr berufliches Schicksal verloren.

Es gehört zu den großen Sprüchen der Einheit, dass doch die Ossis froh sein können, wie sehr sie der Sozialstaat aufgefangen hat. Absurd. Die meisten Leute wollen ihr eigenes Geld verdienen. Eine Frage der Würde. Und wer die Kontrolle zu verlieren scheint, tendiert dazu, wütend zu sein – und das gelegentlich an Leuten auszulassen, die dafür gar nichts können. Flüchtlinge etwa. Oder der Islam. Oder die EU. Das könnte erklären, warum es rechten Vereinfachern im Osten leichtfällt, mit tumben Ideen zu mobilisieren.

Wenn ganz Deutschland zwischen Mitte der Neunziger- und Nullerjahre wirtschaftlich zum „kranken Mann“ deklariert wurde und die Arbeitslosigkeit hochschnellte, hatte das viel weniger mit einer Generalkrise des deutschen Exports und der Wettbewerbsfähigkeit zu tun, wie es die Untergangspropheten damals beschworen. Deutschlands Export hat ja nie wirklich tief gekriselt, im Gegenteil: Die Exportüberschüsse schnellten in der Zeit hoch. Nein, ein Großteil der Probleme dieser Zeit hatte in Wirklichkeit mit direkten oder indirekten Folgen der Einheit zu tun – nur dass man das ja nicht sagen durfte.

Von wegen kranker Mann

Die Bauwirtschaft kriselte von 1995 an für ein Jahrzehnt, um sich vom Einheitstaumel zu erholen – was Jahr für Jahr Wachstum und Jobs im Land kostete. Industriefirmen brauchten bis Ende der Neunzigerjahre, um die zwischenzeitlichen Lohnexzesse abzubauen. Und es musste vor allem viel Geld irgendwo abgezogen werden, um die Kosten zu begleichen, die es mit sich brachte, etlichen Ostdeutschen Arbeitslosengeld oder Renten zu zahlen, die in die westdeutschen Sozialsysteme natürlich nie eingezahlt hatten; ohne dass das Geld dafür im Osten erwirtschaftet werden konnte.

All das hat bis etwa Mitte der Nullerjahre nachgewirkt. Seither ist die Baukrise vorüber, die Sozialkosten sind gemessen am Bruttoinlandsprodukt wieder so niedrig wie vor der Einheit. Das hat stark dazu beigetragen, dass es just seit 2005/06 vorbei war mit Strukturkrise, und die Arbeitslosigkeit seither sinkt. Von wegen kranker Mann.

Es gehört zu den grotesken Spätfolgen der bitterschönen Einheit, wenn es gerade in Ostdeutschland heute zum Leitspruch der Wutbürger geworden ist, dass nun (angeblich) viel Geld für Flüchtlinge da ist, während für die Deutschen immer nur alles gekürzt wurde. Das liegt nicht ganz unmaßgeblich daran, dass mit dem Geld der Leute (auch) die Einheit und ihre Folgen finanziert wurden. Was natürlich so nicht gesagt werden durfte. Und dass in der damaligen Zeit Leute für wirtschaftsliberale Dogmen (und allerlei Kürzungen) warben, die später die AfD gründeten.

Höchste Zeit, das Tabu zu brechen

Das passte zum damals ohnehin hippen Mantra des heiligen Marktes, wonach die Leute zu viel haben und endlich mal selbst für sich sorgen sollen – in Zeiten tiefer wirtschaftlicher Brüche für normale Bürger eher absurd. Und das trug zu jenem Unmut bei, den mancher jetzt auf Flüchtlinge oder das System oder abgehobene Politiker schiebt. In Wahrheit hat die (einheitsbedingte) Notlage manchem Prediger ökonomischer Orthodoxie dabei geholfen, mal grundsätzlich Kürzungen in den sozialen Systemen einzufordern. Was wiederum mancher Partei nach Umsetzung nicht so gutgetan hat. Fragen Sie mal Frau Nahles.

Die Deutschen waren weder wirtschaftlich per se krank oder faul oder überteuert – noch hat die Agenda aus ihnen wie über Nacht gesund-genügsame Leistungswunder gemacht. Es gab nur eben einen historischen Schock, der in Teilen für die Wessis irgendwann überwunden war, im Osten aber viel wirtschaftliches Brachland hinterlassen hat – und in den Köpfen vieler Leute dort noch dramatischer nachwirkt – bis heute.

Höchste Zeit, das Tabu zu brechen. Bevor die AfD alle Flüchtlinge wegschickt – und wir uns danach wundern, dass die gar nicht unser Problem waren. Damit wir danach auch wieder richtig feiern können.

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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