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Thomas Fricke: Aufregung um Millioneneinkommen – Das hat Merz nicht verdient

23. November 2018

Ein möglicher Bundeskanzler darf reich sein, selbstverständlich. Bedenklich ist etwas anderes: nämlich, womit und wie schnell jemand wie Friedrich Merz zu so viel Geld kommt.

Es mangelt in der Aufregung um Friedrich Merz‘ Gehalt eindeutig an Empathie: für Friedrich Merz. Der Mensch vergleicht sich ja mit denen, die ihn umgeben. Und hat jemand mal darüber nachgedacht, was es heißt, auf der Arbeit ständig mit Leuten zu tun zu haben, die teils im Monat mit mehreren Millionen nach Hause gehen? Bei Blackrock, wo Merz auch arbeitet, verdient der Chef ja knappe 30 Millionen im Jahr. Und wenn man selber auf Nachfragen antworten muss, dass man „jedenfalls nicht weniger“ als eine Million nach Hause schafft?

Eben, da fühlt man sich erbärmlich. Bestenfalls wie gehobene Mittelschicht.

Womit wir bei einem tieferen Problem wären. In den vergangenen Tagen ist viel darüber nachgedacht worden, wie schlecht es für einen Politiker ist, so viel Geld zu haben. Und ob das jetzt eine typisch deutsche Neiddebatte ist oder nicht.

Viel wichtiger könnte eine andere Frage sein: Wie der völlig normale Friedrich Merz in so relativ kurzer Zeit legal so reich geworden ist. Und wie verdient (oder wirtschaftlich erfolgreich) so etwas ist.

Die Antwort könnte spiegeln, was in den Jahrzehnten der Finanzglobalisierung schiefgelaufen ist – in der ein zunehmend absurder Teil der vermeintlichen Wertschöpfung darauf beruhte, gar nichts wirklich sinnvolles zu produzieren, sondern mit dem Geld zu hantieren, das andere erwirtschaftet haben.

Wert und Gegenwert

Dann müsste hier womöglich dringend korrigiert werden, um die Spaltung unserer Gesellschaft zu stoppen, wie das erklärtermaßen auch Friedrich Merz möchte. Nur dass dann nicht sicher ist, ob er dafür der brennendste Kandidat wäre.

Die italienisch-amerikanische Ökonomin Mariana Mazzucato hat das Phänomen eindrucksvoll auf den Punkt gebracht, in ihrem jüngsten Buch, „The Value of Everything“, das im Frühjahr auf Deutsch erscheint. Früher haben sich große Ökonomen wie Adam Smith noch darüber den Kopf zerbrochen, ob und wie (harte) Arbeit Wert schafft und sich das messen lässt, so Mazzucato. Seit ein paar Jahrzehnten nun gelte in Lehre und Praxis das Dogma, dass alles Wert hat, solange jemand bereit ist, dafür Geld zu zahlen. Was zu teils absurden Phänomenen führt: weil etwa Eltern für Medikamente natürlich Unsummen zahlen würden, wenn es ihr Kind rettet – obwohl die eigentlichen Kosten für das Medikament womöglich verschwindend gering sind.

Das Tückische ist, dass fast zeitgleich in den Siebzigern und Achtzigern das Paradies für alle öffnete, die mit Finanzgeschäften Geld machen. Wofür damals Ronald Reagan und Margaret Thatcher mit etlichem Abbau von Regeln für die Banken sorgten. Und seither (auch) all das – logisch – als Wertsteigerung gilt, was an den Finanzmärkten Geld macht. Selbst wenn es, wie etwa das tägliche Hin- und Herschießen von mehreren Billionen Dollar Devisen, mit der Schaffung von Werten für die Gesellschaft nur noch mit sehr viel Phantasie in Zusammenhang zu bringen ist.

In der Finanzwelt gilt: Wenn alle glauben, dass etwas Wert hat, hat es das auch – solange alle daran glauben. Was auch gagaesk-irreale Phänomene wie den kürzlichen Hype um Bitcoins erklärt. Oder einst die New Economy samt Volksaktienillusion. Und alle sehr viel reicher gemacht hat, die oben mitspielen, nur das gemeine Volk nicht. Die (vermeintliche) Wertschöpfung über reine Finanzgeschäfte hat sich seit 1970 um ein Vielfaches stärker erhöht als das reale Bruttoinlandsprodukt.

Merz wirkt wie eine Karikatur

Seither entwickelten sich Firmen, die wie besagter Weltvermögensverwalter Blackrock unfassbar viel Geld damit machen, nur das Vermögen anderer zu verwalten. Was, klar, auch wichtig ist und Politikern in Auszeit gelegentlich eine schöne Beschäftigung eröffnet. Nur einfach nichts mit der Wertschöpfung im früheren Sinne zu tun habe, wie Mazzucato darlegt. Kein Auto, das am Ende vom Band rollt. Keine Frisur, die sitzt. Und gemessen daran erstaunlich gut bezahlt wird.

So wie etliche Nebentätigkeiten in Aufsichtsräten real tätiger Konzerne, wo das Phänomen ähnlich ist – weil Konzerne heutzutage viel mehr Geld anhäufen und an Anteilseigner ausschütten, als es für Investitionen auszugeben. Sicher ist es wichtig, dass es Leute gibt, die aufpassen, was in den Chefetagen einer Firma so entschieden wird. Nur ist das ebenfalls nur bedingt als althergebracht produktive Tätigkeit einzustufen – und dafür in der Regel ebenfalls atemberaubend gut bezahlt. Was wiederum nur geht, weil die Firmen so viel Geld verdienen wie nie, ohne es zu (re)investieren – und weil betuchte Aktionäre hohe Vergütungen für Aufsichtsräte mittragen, die selbst von dem System profitieren.

In diesem Sinn wirkt Friedrich Merz wie eine Karikatur. Er ist sicher ein toller Anwalt und hat als solcher ein gutes Gehalt verdient. Zum Millionär ist er aber geworden, weil er als, Achtung, Aufsichtsratschef bei einem, Achtung, Vermögensverwalter beschäftigt ist. In bedingt realwertschöpfender Tätigkeit bei einem bedingt realwertschöpfenden Laden.

Ganz anders als Ludwig Erhard

Dazu noch in diversen anderen Aufsichtsräten (die sich, wie der Fairness halber erwähnt werden sollte, teils sogar mit realem Toilettenpapier und Flugbetrieb beschäftigen). Das ist an sich nicht verboten. Und auch nicht per se verwerflich.

Es zeigt nur auf groteske Art, was schiefgelaufen ist. Weil es miterklärt, warum seit Jahren in Deutschland wie anderswo zu wenig Geld in wichtige Investitionen gesteckt wird; und warum Reich und Arm sowie Profiteure und Verlierer gesellschaftlich derart gefährlich auseinanderdriften.

Zufall? Heute poltern in allen Ländern, die das Dogma praktiziert haben, Populisten gegen das System.

All das kommt einem Zeitenwechsel gegenüber der Epoche des guten alten Ludwig Erhard gleich, auf den sich CDU-Politiker wie Friedrich Merz so gern berufen – als es im Land ein Wirtschaftswunder ohne großes Finanzbohei und mit richtig viel realen Investitionen gab. Und es wahrscheinlich befremdlich gewirkt hätte, wenn jemand als wirtschaftlich erfolgreich gelobt worden wäre, der ein Vermögen mit derart unproduktivem Schaffen gemacht hat.

Finanzgeschäfte zurück auf das Niveau, das sie mal hatten

Gut fürs Land wäre, wenn Friedrich Merz daraus Lehren ziehen, die eigenen Kenntnisse des Finanzdusels einbringen und beim selbstdeklarierten Kampf gegen die soziale Spaltung als Ziel ausgeben würde, die Logik zu stoppen – und es zum Leitmotiv künftiger Wirtschaftspolitik der CDU zu machen, den Anteil virtueller Finanzgeschäfte wieder auf das Niveau zu bringen, das es mal hatte – zugunsten sehr viel mehr realer Investitionen. Es ist natürlich nicht alles schlecht, was die Finanzwelt macht.

Okay, das ist jetzt nicht das, was wir von unserem Friedrich Merz spontan erwarten würden. Eher Bierdeckel-Analysen. Aber wer weiß. Sonst wäre er auch eher ungeeignet, das Land in eine schöne Zukunft zu führen.

Für Mariana Mazzucato hat die Sache höchste Dringlichkeit: Ohne eine Neudefinition dessen, was wirklich Wert für den Menschen schafft, werden wir die großen Dramen unserer Zeit nicht beheben. Weder die Ungleichheit abbauen, noch den Klimakollaps verhindern. Wäre nicht gut.

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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