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David Milleker: Ist der Zins in den USA bereits zu hoch?

Seit Beginn des aktuellen US-Konjunkturzyklus im Jahr 2009 ist eine Hintergrundmelodie der ökonomischen Diskussion, wieviel Geldpolitik praktisch bewirken kann. Vertreter der „säkularen Stagnation“ haben darauf hingewiesen, dass an der Nullzinsgrenze ein vermehrter Einsatz der Fiskalpolitik sinnvoll und notwendig ist. Mit Einleitung von zaghaften Zinsanhebungen im Dezember 2015 durch die US-Notenbank trat dann die Frage in den Vordergrund, welches Zinsniveau die US-Wirtschaft eigentlich würde verkraften können.

Etwas akademischer ausgedrückt gab es eine Diskussion über das „neutrale Zinsniveau“ – im Sprech vieler US-Notenbanker r* (gesprochen R-Star). Dahinter steht das theoretische Konzept, es gäbe irgendein Zinsniveau, bei dem sich wie durch Zauberhand gleichzeitig Vollbeschäftigung und Preisstabilität einstellen. Leider lässt sich dieses in der Praxis nur durch Ausprobieren herausfinden. Nach Einschätzung der US-Notenbankmitglieder liegt das neutrale Zinsniveau derzeit irgendwo in der Bandbreite zwischen 2,5 und 3,5 Prozent. Aber wo genau, weiß man nicht.

Der Herangehensweise des US-Notenbankchefs Jerome Powell, weniger auf theoretische Konzepte, sondern auf die Beobachtung des Datenkranzes zu setzen, hatten wir an dieser Stelle schon im Sommer als erfrischend anders und auch zielführend eingestuft.

Allerdings hat sich seither auch unser eigener Blick auf den Datenkranz deutlich verändert. Das betrifft insbesondere die Entwicklungen, die den US-Markt für Wohnimmobilien beeinflussen. Dieser Sektor reagiert häufig besonders sensibel auf Zinsänderungen und läuft zudem der allgemeinen Konjunktur um einige Quartale voraus. Seit etwa vergangenem März zeigt sich dieser Sektor in den USA in einem moderaten Sinkflug. Und zwar quer über alle Indikatoren: Preise, Bauaktivität und Transaktionen. Zuletzt schätzten auch die Bauunternehmen die Konjunktur deutlich schwächer ein.

An dieser Stelle sei ausdrücklich betont: Der US-Wohnimmobilienmarkt zeigt aktuell keinerlei größere Schieflagen oder Exzesse. Weder, was den Immobilienbestand oder die Hypothekenverschuldung angeht. Auf Schwächen hinzuweisen, ist also nicht damit gleichzusetzen, dass sich ein ähnlich tiefer Absturz abzeichnet wie im Jahr 2008.

Während sich die US-Notenbank mindestens noch  knapp unterhalb des neutralen Zinses wähnt, deutet bereits ein wichtiger Sektor darauf hin, dass die Zinsen vielleicht schon stärker angehoben worden sind, als der Konjunktur gut tut.

Das gilt besonders vor dem Hintergrund, dass die Impulse aus Steuersenkungen und Ausgabenprogrammen demnächst auslaufen. Wie man im angelsächsischen Raum gerne formuliert: Wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer keine Badehose anhat.

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