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Thomas Fricke: Ende des Booms – 2019 droht die Zeitenwende für die Konjunktur

4. Januar 2019

Seit einem Jahrzehnt scheint die deutsche Wirtschaft immun gegen noch so große Erschütterungen auf der Welt. Ein Hoffnungswert, der sich dieses Jahr als Trugschluss erweisen könnte.

Es gab in den vergangenen Jahren reichlich Eurokrise und Banken-Crashs, Brexit-Votum und Abstürze in Schwellenländern, einen wütenden Donald Trump und monatelanges Nichtregieren in Berlin, dazu Dieselskandal und italienischer Wahlschock. Alles geeignet, von Historikern einmal als historische Krisen mit wirtschaftlich gravierenden Folgeschäden eingestuft zu werden.

Nur die deutsche Wirtschaft scheint nichts davon so richtig zum Mitkriseln gebracht zu haben. Seit 2010 wird hierzulande zum Jahreswechsel gemeldet, dass wieder mehr produziert wurde, es wieder mehr Jobs im Land gibt – und seit einiger Zeit auch mehr Überschüsse im Staatshaushalt. Trotz all der Krisen.

Konjunktur nach kölschem Grundgesetz? Et hätt noch immer jot jegange.

So ähnlich klingen deshalb wohl auch die Prognosen für 2019. Dabei könnte das Gesetz erstmals versagen. Die guten Daten verdecken, dass die deutsche Wirtschaft seit den Zeiten der Agenda 2010 sehr viel anfälliger geworden ist für globale Schocks. Nur hat das in den vergangenen Jahren (noch) nicht zur Krise geführt, weil zur wirtschaftlichen Stärke auch eine Menge Glück kam. Kein gutes Omen für das begonnene Jahr. Die Schocks könnten diesmal eine Nummer zu groß ausfallen.

Es könnte bald fatal nachwirken, dass Deutschland vor lauter Gepolter um die dereinst angeblich schwindende Wettbewerbsfähigkeit in den Zweitausendern vor allem darauf gesetzt hat, über sinkende Kosten und mehr Export statt Konsum und Investitionen im Inland aus der Krise zu kommen. Jetzt hängt ein spektakulär großer Teil der Wirtschaftsleistung daran, wie gut sich deutsche Waren im Ausland verkaufen lassen – was nur zum Teil mit deutscher Qualität zu tun hat, sondern vor allem damit, wie gut im Rest der Welt die Konjunktur läuft.

Noch Anfang der Nullerjahre machten die Exporte weniger als ein Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus – was von den Leuten für Konsum im Inland ausgegeben wurde, stand für 56 Prozent. Im abgelaufenen Jahr lag die Exportquote bei knapp 47 Prozent und der Konsumanteil bei nur noch 52,5 Prozent.

Soviel auch zur Frage, wie gut der Aufschwung bei den Leuten im Land ankommt. Bedingt halt. In hiesige neue Ausrüstungen investierten die Firmen zum Höhepunkt des Aufschwungs im Jahr 2000 Geldbeträge in Höhe von 8,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – heute sind es gerade 6,6 Prozent. Sprich: Die Wirtschaft läuft viel stärker nur noch auf Nachfrage aus dem Ausland.

So schnell kippt in keiner anderen großen Industrienation die Konjunktur

Viel zu exportieren ist prima, wenn die Konjunktur weltweit läuft. Wie fatal die Exportabhängigkeit in schlechteren Zeiten wirken kann, zeigte sich, als sich die Eurokrise 2012 zuspitzte. Damals meldeten die deutschen Exportfirmen in Umfragen drastisch nachlassende Absatzaussichten – es folgten zwei Quartale, in denen die gesamte Wirtschaft schrumpfte. Ähnliches passierte 2014/15 und in noch jüngerer Zeit, seitdem erneut stark nachlassende Geschäfte vermeldet wurden: Die Exportaussichten haben sich seit einem Jahr rasant verschlechtert – und siehe da: Die Wirtschaft wuchs 2018 am Ende nur um 1,5 statt um teils anfangs erwartete fast drei Prozent.

So schnell wie hierzulande kippt in kaum einer anderen großen Industrienation die Konjunktur. Das lässt sich auch an den Börsenwerten ablesen. Der Deutsche Aktienindex Dax Chart zeigen ist im Verlauf des vergangenen Jahres stärker gefallen als der französische – und ähnlich stark wie der italienische. Im hiesigen Aktienindex sind halt auch mehr Firmen mit hohem Exportgeschäft repräsentiert als anderswo.

Dass die Sache bislang meist irgendwie gut ausging, ist kein Garant. Denn:

  • Nach der großen Finanzkrise setzte die Bundesregierung auf Konjunkturpakete.
  • Als 2012 die Eurokrise eskalierte, lief die weltweite Konjunktur zum Ausgleich prima – was deutsche Exporteure für sich nutzen konnten.
  • Dazu half Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank, indem er massig Anleihen zu kaufen versprach, um den Euro – und die Konjunktur in Europa – zu retten.
  • Als später die Schwellenländer kriselten, lief es umgekehrt in den einstigen Euro-Krisenstaaten wieder besser – was einen Großteil des enormen Schubs ausmachte, der 2016/17 folgte.
  • Dazu kommt, dass auch in Deutschland mittlerweile der Eifer zugenommen hat, die Binnenkonjunktur zu stützen – ob über Mindestlöhne oder sinkende Abgaben.

Und jetzt? Seit Anfang 2018 fallen mit den Frühindikatoren zum Export auch die Geschäftsaussichten anderer Branchen. Und dahinter steckt womöglich diesmal mehr Beunruhigendes. Wenn die Konjunktur derart abrupt zu schwächeln begonnen hat, dürfte das mit folgendem Mehrfachschock zu tun haben:

  • dass US-Präsident Donald Trump mit den Handelskriegen Ernst gemacht hat.
  • dass die Italiener die alte Regierung abstraften und das Land jetzt von Populisten regiert wird – worauf Aktienkurse und konjunkturelle Frühindikatoren in Italien rapide fielen.
  • dass die Briten in ihr Brexit-Drama gerieten – was allein wegen der großen Unsicherheit, die das schuf, für deutlich vorsichtigere Geschäfte sorgte – und Deutschlands Export auf die Insel gegenüber 2016 um fast sieben Prozent hat einbrechen lassen;
  • dass die jüngsten Proteste der Gelbwesten in Frankreich für einen Panikschub in den Firmen gesorgt haben – was die Verschlechterung des Geschäftsklimas beschleunigte.

Das Bedrohliche ist, dass seither in ganz Europa die Konjunkturindikatoren fallen. Dazu kommen akute Krisen wie in der Türkei und Argentinien. Und die Wahl eines Rechtspopulisten in Brasilien. Und der Absturz der einst glorreichen Internetaktien. Und erste ernste Zweifel, wie Trump trotz heilloser Steuergeschenke Amerikas Staatsschuldenquote mal wieder senken sollte – was in den vergangenen Wochen die US-Aktienmärkte atemberaubend hat stürzen lassen.

Sprich: Anders als etwa in der Eurokrise, als es vor allem um kleinere Volkswirtschaften wie die griechische ging, drohen 2019 gleich mehrere der Top-Absatzmärkte deutscher Exporteure in einen gefährlichen Abschwung zu geraten. Dann könnte sich die Exportmanie zum bitteren Nachteil wandeln.

Noch halten Konjunkturoptimisten dagegen, dass mittlerweile auch im Inland wieder mehr ausgegeben werde – und die Bundesregierung 2019 mehr Geld wieder an die Bürger verteile. Nach Schätzungen der führenden Forschungsinstitute dürften die strukturellen Überschüsse im Staatshaushalt in der Tat um rund ein halbes Prozent sinken: dank höherem Kindergeld, steuerlichen Freibeträgen und anderem. Auch dürften die Autokonzerne wieder mehr Autos herstellen.

Die Nervosität nimmt zu

Die Frage ist, ob das als kleines Konjunkturpaket reicht, um zu verhindern, dass sich die Abwärtsdynamik verselbstständigt, wie das in Phasen kippender Konjunktur typisch ist – wenn etwa die Schocks von außen einfach zu groß werden und Unternehmen zunehmend ihre Pläne nach unten revidieren, Ausgaben kappen und die Belegschaften abzubauen beginnen. So wie das das eine oder andere 2018 schon begonnen zu haben scheint. Vergangenen Oktober lagen die Bestellungen für Investitionsgüter aus dem Inland gut sieben Prozent niedriger als zur Hochzeit 2017 – so schnell werden Budgets gekappt, wenn die Nervosität in einer so exportlastigen Wirtschaft plötzlich wieder zunimmt. Ungut.

Da hilft auch der Verweis auf die angeblich so große Konsumfreude nicht: 2018 gaben die Deutschen real gerade ein Prozent mehr aus als 2017. Das ist alles, nur keine boomende Binnenkonjunktur – und alles andere als ein Zeichen für eine deshalb angeblich nachlassende Exportabhängigkeit. Sonst würden die Deutschen ja auch nicht immer noch für eine Viertel Billion Euro mehr im Rest der Welt verkaufen als dort einzukaufen – was auf Dauer ökonomisch nicht gutgehen kann, weil die anderen sich dazu enorm verschulden müssen. Ökonomie für die Grundschule.

Noch ist durchaus möglich, was die meisten Konjunkturexperten für 2019 derzeit noch versprechen: dass sich die Regel fortsetzt, wonach es für Deutschland schon gutgehen wird – und die Wirtschaft mal wieder wächst. Wenn die Briten doch noch ordentlich aus der EU austreten, die Italiener wieder wachsen, die Franzosen brav sind, die Deutschen einfach mal viel mehr Geld ausgeben. Oder so.

Dass es so gut kommt, ist nur noch nie in diesem Aufschwung so unsicher gewesen. Und das Risiko so groß, dass es nicht gut ausgeht. Dann wird die Arbeitslosigkeit Ende des Jahres zum ersten Mal wieder höher sein als zu Beginn. Eine Zeitenwende.

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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