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Thomas Fricke: Brexit, Trump & Co. – Globaler Siegeszug der Gaga-Politiker

18. Januar 2019

Brexit-Lustspiel, Trump-Trara, Italo-Dramen, AfD-Gepolter: Was wie eine wundersame Häufung irrer Unfälle aussieht, hat gemeinsame Ursachen. Und die drohen auch den Deutschen bald Chaos zu bescheren.

Spätestens seit dieser Woche steht fest: der Brite müht sich dieser Tage eifrig, eine neue Form des absurden Humors zu entwickeln – aye, no, no, aye. May weg. May doch nicht weg. Wozu der Sprecher des Unterhauses „Order, Order“ brüllt – das Einzige, was die Briten politisch gerade nicht haben. Dafür hat das Brexit-Blöken den Briten nach Expertenschätzungen jetzt schon mehr wirtschaftlichen Schaden zugefügt, als die EU-Gegner ihnen als Gewinn eines Austritts vorgegaukelt hatten. Gaga.

Die Stilform scheint gerade im Kommen. Was den Briten ihr Brexit, ist den Amis ein Rumtata-Präsident, der sich im Wettschimpfen übt – ohne dass immer ganz klar ist, was er eigentlich so will. Außer Mauerbauen. Dazu die Italiener, die einen Clown gut finden. Und die Franzosen? Blockieren mal wieder die Straßen. Alle irre?

Möglich. Könnte allerdings sein, dass die anderen das über uns auch bald sagen. Was aussieht, als würden sich in allen möglichen Ländern gerade wie zufällig gagaeske Polit-Unglücke mit landestypisch-folkloristischen Variationen häufen, hat bei näherer Betrachtung eine gemeinsame Ursache. Und die könnte auch bei uns bald sehr viel fataler zu wirken beginnen.

Für die USA stellten Forscher schon nach den Trump-Wahlen 2016 fest, dass der vor allem dort gewonnen hatte, wo es in den Jahren davor die größten wirtschaftlichen Desaster infolge des Einzugs billiger chinesischer Konkurrenz gab. Ähnliche sozio-ökonomische Ursachen fanden Experten für Frankreich heraus. Und für Deutschland, wo in der Vergangenheit rechte Parteien besonders dort gut abschnitten, wo etwa die Globalisierung schwindende Industrien hinterließ.

Größeres Absturzrisiko für viele

Was wiederum zu anderen Studien passt, nach denen die Wahrscheinlichkeit für jeden Einzelnen stark gewachsen ist, im Laufe des Berufslebens finanziell abzustürzen. Heißt: Für Politiker mit einfachen Weltbildern stimmen nicht unbedingt nur Arme, sondern auffällig oft Menschen, die Angst haben abzusteigen – und das auch deshalb, weil Politiker vor lauter Globalisierung und Deregulierung und Staatsentzug selber nicht mehr den Eindruck vermitteln, alles unter Kontrolle zu haben.

Dass hier auch der Ursprung für das Brexit-Desaster dieser Tage liegt, lässt eine kürzlich veröffentlichte Studie zum Wahlverhalten der Briten in Sachen EU-Austritt vermuten. Wie Thiemo Fetzer von der University of Warwick darin herausfand, legte die Austrittspartei Ukip schon über Jahre auffällig stark in strukturell schwachen Regionen zu – dort, wo besonders viele Menschen in relativ einfachen Jobs arbeiten oder eher schwach ausgebildet sind. Allerdings erst seit 2010. Was Fetzer näher zu verstehen versuchte – und ihn auf eine weitere Spur brachte.

Bei näherem Hinsehen fiel auf, dass in den geschwächten Regionen vor allem eine Gruppe von Leuten anfällig fürs EU-Bashing war: all die, die nach der Finanzkrise besonders darunter litten, dass die Regierung überall Ausgaben und Leistungen zu kürzen begann – um das Staatsdefizit wieder abzubauen, das durch das Bankendesaster entstanden war.

Sozialhilfe gestrichen, Brexit gewählt

Alles in allem seien in dieser Zeit die Ausgaben der Distrikte für Soziales und Wohlfahrt um fast ein Viertel je Einwohner gekappt worden, so Fetzer – ein enormer Einschnitt vor allem für die ohnehin eher Geschwächten. In Distrikten, wo viel gekürzt wurde, gewann Ukip seither besonders. Und dort gab es auch beim Brexit-Votum auffällig viele Ja-Stimmen.

Der Fiskal-Coup scheint für die Briten wie eine Zeitenwende gewirkt zu haben. Bis 2010 habe der britische Sozialstaat offenbar ausgeglichen, was die Leute an Frust über Globalisierungsschocks und wachsende Ungleichheit spürten, so Fetzer. Dieser Frust sei mit dem Einsetzen der Austerität nach 2010 erst richtig ausgebrochen – ein Unmut, der dann in politischer Unzufriedenheit und wirrem Brexit-Wunsch kulminierte.

Mit fatalen Folgen. Aus dem statistisch ermittelbaren Effekt, den die staatlichen Kürzungen auf das Brexit-Wahlverhalten Einzelner hatten, lässt sich nach Fetzers Schätzungen ableiten, dass es ohne den kürzungsbedingten Frustschub beim Referendum fast zehn Prozentpunkte weniger Brexit-Voten gegeben hätte. Heißt: Dann gäbe es heute gar kein Brexit-Gaga – und könnten sich die Briten wieder mit Sinnvollerem beschäftigen.

Der Befund könnte zu dem passen, was Forscher zum Wahlverhalten der Trump-Wähler für die USA festgestellt haben. Und er scheint auch zu einer der gängigen Klagen hiesiger Wutbürger zu passen – wonach jahrelang kein Geld für die Deutschen da war (German Sparkurs), dann aber (angeblich) für die Flüchtlinge. Wofür aber die Leute nichts können, die von irgendwo geflüchtet sind, sondern eher Wolfgang Schäuble. Vielleicht gäbe es in Deutschland auch viel weniger AfD-Anhänger, die Leuten wie Alice Weidel zujubeln, wenn die Leute in Regionen, in denen es ohnehin nicht ganz einfach ist, nicht zuvor jahrelang auf Geld hätten verzichten müssen, weil es die heilige schwarze Null so wollte.

Schwarze Null – rote Zahlen bei den Bürgern

Fetzer fand für Großbritannien auch heraus, dass jene, die von Kürzungen am stärksten betroffen waren, in Umfragen mehr als andere darüber klagen, dass „Politiker sich nicht (für sie) interessieren“ oder sie ohnehin nicht ernst nehmen. Etwa die, die als unfreiwilligen Beitrag zur Erreichung der nationalen Schwarzen Null am Ende des Monats jetzt öfter mal rote Zahlen auf dem Konto haben.

Noch wirkt für uns ziemlich befremdlich, was politisch derzeit in einst hoch geschätzten Demokratien wie Großbritannien und den USA abgeht – also bei denen, die uns beim Globalisieren und Deregulieren und Staatskürzen so angeblich toll voraus waren. Und jetzt vielleicht nicht ganz zufällig den größten Polit-Gaga erleben.

Dass das Drama bei uns ebenfalls angelegt ist, lassen die Studien vermuten, die zeigen, dass auch hierzulande vor allem dort laut polternde rechte Parteien gewählt werden, wo es in den vergangenen Jahren den größten Frust über Umbrüche und Kontrollverlust gab. Ein gefährlicher Trend, wie sich bei Briten wie Amerikanern gerade beobachten lässt: Ist das Vertrauen der vermeintlich alten Garde einmal dahin, poltert es sich politisch ziemlich ungeniert. Und lassen sich so manche vor lauter Unmut selbst mit dem größten Blödsinn plötzlich locken. Ob mit Brexit ohne erkennbaren Sinn. Oder Mauerbau. Hauptsache: Schimpfen auf andere.

Fetzers Befund zu den Brexit-Ursachen ähnelt auf gruselige Art den Schätzungen von Historikern, die einen vergleichbaren – und am Ende noch weit fataleren – Effekt von Kürzungsorgien für die Zeit in Deutschland vor rund 90 Jahren herausfanden. Auch damals nach einer großen Bankenkrise. Demnach gewannen die Nationalsozialisten Anfang der Dreißigerjahre vor allem in den Regionen Deutschlands Stimmen, in denen in der Panik nach dem Crash besonders viel staatlich gekürzt worden war – so viel, dass es sonst womöglich gar nicht zur Machtergreifung gereicht hätte, wie die Forscher berechneten.

Kleiner Warnruf an all die, die angesichts schwächelnder Wirtschaft schon wieder poltern, dass bei uns zu viel für Soziales ausgegeben wird.

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

  1. Robert Lucke
    19. Januar 2019 um 07:28

    Interessante (und eigentlich zwingend logische) Korrelation zwischen Austerität und extremem Wahlverhalten. Immer gut, wenn das nicht nur als linke Stammtischparole in den Raum posaunt wird, sondern auch in Form von wissenschaftlichen Untersuchungen belegt werden kann. Das Paper von T. Fetzer ist ja verlinkt – können Sie die anderen Belege (USA, Frankreich, Weimarer Republik) vielleicht auch bereitstellen, soweit online verfügbar? Wäre großartig!
    Ein allgemeines Danke! für die SPON-Kolumne – die ist für mich immer Lesepflicht.

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