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Thomas Fricke: Schülerstreiks für Klimaschutz – Lindner und die wundersame Welt der Profis

FDP-Chef Lindner meint, junge Leute seien noch nicht so weit, um bei komplizierten Fragen der Welt mitzureden. Das müssten Profis regeln. Und die freien Kräfte des Marktes. Eine wunderbar kindlich-naive Vorstellung.

Der Befund klingt einleuchtend. Kindern und Jugendlichen fehle einfach noch die Erfahrung und das Wissen, komplizierte globale Dinge zu verstehen. Das sei eben eine Sache für Profis. Hat Lindner diese Woche gesagt, der FDP-Führungsprofi. Und dass Kinder jetzt nicht so naiv für die Rettung des Klimas zu streiken hätten, stattdessen sollten sie sich in der Schule mal informieren über naturwissenschaftliche Sachen und so.

Jetzt haben schlecht gelaunte Leute dem armen Mann schon vorgehalten, dass er doch vor einiger Zeit noch ganz junggeblieben damit geworben habe, dass Schulranzen die Welt verändern würden. Oder, ganz früher, dass ihm in der Schule immer langweilig war. Spaßbremsen.

Die wichtigere Frage ist möglicherweise, was nach Christian Lindners Definition Profis sind. Die mehr als 100 professionell in ihrem Bereich tätigen Lungenärzte, die kürzlich etwas unvermittelt Schadstoff-Grenzwerte für Quatsch befanden? Was der FDP-Chef gleich zur Forderung nutzte, auf jedwede Dieselfahrverbote jetzt erst einmal zu verzichten. Dabei hat sich der Profi-Aufruf seither doch als etwas irrlichternd erwiesen.

Tricky. Immerhin gilt der Grundsatz, dass es für so ziemlich jede Quatschthese auf der Welt auch irgendeinen Professor gibt, der sie vertritt. Ein Glück für alle Freunde des Fachbereichs Verschwörungstheorie. Umgekehrt ist wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt keine Mehrheitsfrage – sonst gäbe es ihn nicht. Neue Ideen stammen im Grunde per Definition von Einzelnen – bis sie sich durchsetzen. Logisch. Und in der Konsequenz ziemlich kompliziert. Nicht nur für Kinder.

Der Markt soll entscheiden – der Oberoberprofi

Was der FDP-Chef unter Profitum klimapolitisch versteht, hat auf den ersten Blick etwas Bezauberndes (also intellektuell). Da muss im Wettbewerb der Ingenieure die beste Technologie herauskommen. Weshalb die Kinder im entsprechenden Unterricht jetzt auch gut aufpassen sollen, damit sie da künftig mitmachen können (vorausgesetzt das Klima ist so freundlich, mit dem Kollabieren bis dahin noch zu warten).

Das bedeutet nach Lindners Logik, dass die Regierung, wenn überhaupt, ganz „technologieoffen“ (FDP-Sprech) Geld für die Forschung verteilen sollte, etwa zur Erforschung der zukünftigen Antriebstechnologie für Autos. Den Rest entscheidet der Markt. Wie auch beim Handel mit Emissionsrechten für Kohlendioxid (CO2), wo der Preis über Angebot und Nachfrage entstehen und so lange steigen sollte, bis keiner mehr schädliche Sachen produziert. Wer braucht da noch komplizierte Regeln? Markt eben: so eine Art Oberoberprofi im wirtschaftsliberalen Grundverständnis.

Der Haken daran: So viel Glaube in Marktkräfte wirkt nach Stand der Erkenntnis anno 2019 bizarr überholt. Davon sind selbst ehemalige Anhänger der Lehre abgekommen. Wie neuere Forschungen zeigen, sind die Händler am Markt menschlich eher überfordert, mit Dingen zu handeln, die sich erst in weiter Zukunft auswirken – was nach Diagnose etwa von Ottmar Edenhofer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung dazu führt, dass eher die Spekulation über künftige politische Entscheidungen den Preis bestimmt. Für Edenhofer muss der Staat deshalb dringend Mindest- und Höchstpreise festlegen. Da helfen die schönsten Marktsprüche nichts.

Als ebenso wackelig hat sich mittlerweile die Vorstellung erwiesen, dass sich große Technologien wie märchenhaft durch feinen Wettbewerb fleißiger Ingenieure ergeben. Klar, Konkurrenz wirkt grundsätzlich auch in der Forschung. Ökonomen wie die Italo-Amerikanerin Mariana Mazzucato haben in den vergangenen Jahren allerdings eindrucksvoll dargelegt, dass hinter größeren Innovationen doch ziemlich oft gezielte politische und im Kern militärische Planung steckt – selbst bei Dingen wie der Siri-Spracherkennung eines größeren US-Konzerns. „Apple hat in weiten Zügen auf Technologien zurückgegriffen, die der Staat auf den Weg gebracht und über Jahre geduldig gefördert hat“, so Mazzucato.

Ohne Staat wird es mit dem E-Auto nichts

Was für solche Innovationen zutrifft, gilt noch mehr für den Wechsel ganzer Energiesysteme oder die Umstellung etwa der Autoindustrie. Für richtig große Innovationsschübe fehlten einzelnen Unternehmen meist die Mittel, schreibt Mazzucato. Und es sei auch ein Mythos, dass Wagniskapitalgeber hier sehr viel helfen. Die seien in der Regel auf schnelle Gewinne aus – die bei großen Umbrüchen erst einmal nicht zu erwarten sind.

Genau das ist laut der Forscherin auch das Problem, wenn es jetzt gilt, zur Rettung des Klimas ganze Produktionswege oder Verkehrssysteme neu zu definieren. Nach Mazzucatos Diagnose hat die (technologieoffene) Breitenförderung von Forschung meist dazu geführt, dass Innovationen eher ganz ausblieben – schon weil keiner allein überschauen kann, wohin die Entwicklung geht, und deshalb der Mut zu Neuem fehlt. So wie das in den USA in den vergangenen Jahrzehnten der Fall gewesen sei – mit dem Ergebnis, dass dort vor lauter Allesförderung nur sehr bescheidene Fortschritte beim Umbau des Energiemix gemacht wurden.

Oder in Deutschland, wo seit ewigen Zeiten darüber sinniert wurde, ob für die Zukunft des Autos nun Elektro oder Wasserstoff oder was auch immer am besten sei. Mit dem Ergebnis, dass über ewige Jahre so gut wie nichts passiert ist und sich keine der möglichen Technologien durchgesetzt hat – kein Wunder: ein Teufelskreis, weil ohne Durchbruch auch kein Geld investiert wird. Das hat sich erst zu ändern begonnen, seit chinesische Planwirtschafter und Tesla (ebenfalls mit staatlicher Hilfe) mit den Elektroautos losgelegt haben. Und jetzt laufen die Deutschen hinterher.

Wenn das stimmt, braucht es nicht (nur) Ingenieure, die im Wettbewerb lustig Technologien ausprobieren. Sondern früher oder später eine Regierung und Experten, die strategisch planen und entscheiden müssen, wo es langgeht – so sehr das die märchenhafte Vorstellung von den tüftelnden Wissenschaftlern und den freien Kräften des Marktes auch entzaubert.

Es braucht halt erst enorme Investitionen etwa in ein Tankstellennetz oder den Ersatz schädlicher Stromquellen (die dann getankt werden), bevor sich das Bauen etwa von E-Autos rechnen und dem Klima helfen kann. Sonst können die Ingenieure noch ewig vor sich hin basteln. Da wird sich nichts durchsetzen.

Historische Erfahrung sei, dass Energietechnologien immer erst lange entwickelt und staatlich unterstützt wurden, schreibt Mazzucato. Es gebe eben keine ‚genialen‘ Unternehmer, die losgelöst von der Gesellschaft agierten.

Womit wir wieder bei der Frage sind, welchen Profis unsere Kinder das Retten des Klimas überlassen sollten, während sie Herrn Lindner folgend in der Schule fleißig Naturwissenschaften lernen. Und ob das überhaupt das Sinnvollste ist. Es spricht zumindest einiges dagegen, dass es das Klima retten wird, auf Profis aus der Kategorie Markt und Ingenieurswesen (allein) zu setzen. Das scheint eher naiv. Es könnte sogar sein, dass das Klima dann noch schneller kippt.

Was uns zum Merksatz führt, liebe Kinder: Es ist im Zweifel besser, auf junge Menschen zu hören, die den richtigen Profis gelauscht haben, als auf Erwachsene, die Altprofis mit Hang zu nostalgischer Marktromantik vertrauen.

Wenn gut 90 Prozent der Wissenschaftler auch nur ansatzweise recht damit haben, was uns an Klimaschäden droht, wirkt die Frage, ob Schüler sich zu so etwas nun äußern dürfen oder nicht, ohnehin ein bisschen kleinkariert. Was meinen Sie?

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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