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Wirtschaftsdienst exklusiv: Wie sich Einkommensungleichheit auf das BIP auswirkt

In der April-Ausgabe des Wirtschaftsdienst analysiert Thieß Petersen von der Bertelsmann-Stiftung den Einfluss der Einkommensungleichheit auf das Bruttoinlandsprodukt. Ein steigendes Maß an Einkommensungleichheit kann sowohl positive als auch negative Wachstumseffekte erzeugen. Falls steigende Ungleichheit zu höherem Wachstum führt, kann von „produktiver Ungleichheit“ gesprochen werden. Ob positive oder negative Wachstumseffekte zu erwarten sind, hängt davon ab, ob die jeweilige Volkswirtschaft den theoretischen Punkt „optimaler Ungleichheit“ bereits überschritten hat. Sobald dieser Punkt überschritten ist, würde sich eine Senkung der Ungleichheit positiv auf das Wirtschaftswachstum auswirken.

Wesentlicher Wirkungskanal von Einkommensungleichheit auf das Wirtschaftswachstum sind Anreizeffekte. „Die Aussicht auf ein höheres Einkommen kann einen Anreiz darstellen, den eigenen Arbeitseinsatz zu erhöhen, Investitionen in das eigene Humankapital zu tätigen und unternehmerisches Risiko zu übernehmen. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sind dies wachstumsfördernde Effekte.“, erörtert Petersen zu möglichen positiven Anreizeffekten von Einkommensungleichheit. In Bezug auf negative Anreizeffekte äußert Thieß Petersen: „Eine zu hohe Einkommensungleichheit kann jedoch auch demotivieren, wenn sich Leistung aus Sicht einzelner Bürger nicht lohnt. Bei einer sehr hohen Ungleichheit der Einkommensverteilung fließen große Anteile des gesamtwirtschaftlichen Einkommens an eine kleine Gruppe. Wenn daher viele Menschen nur über ein geringes Einkommen verfügen, kann sich dies negativ auf ihre Leistungsbereitschaft auswirken.“ Negative Wachstumseffekte aus hoher Einkommensungleichheit können sich auch aus zu geringen Bildungsausgaben einkommensschwacher Haushalte ergeben. Darüber hinaus kann ein extremes Maß an Einkommensungleichheit zu politischen und gesellschaftlichen Spannungen führen, die das Wachstum reduzieren können. Ebenfalls denkbar sind negative Wachstumseffekte durch die höhere Sparneigung einkommensstarker Haushalte, die die Nachfrage reduzieren und so das Wachstum bremsen.

Eine wesentliche Schwierigkeit besteht nun darin zu beurteilen, ob in der jeweiligen Volkswirtschaft höhere Einkommensungleichheit eher wachstumsfördernde oder wachstumshemmende Effekte zeitigt. Für Deutschland sind die empirischen Befunde nicht eindeutig: Die OECD schätzt für Deutschland, dass durch den Anstieg der Einkommensungleichheit seit den 1990er Jahren das BIP heute um 6% niedriger ist. Forscherinnen des Instituts der deutschen Wirtschaft kommen zu Ergebnissen, die im Widerspruch dazu stehen. Die Ergebnisse von Kolev und Niehues legen nahe, dass die Einkommensungleichheit in Deutschland sich nicht negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Neben dem wissenschaftlichen Dissens gibt es methodische Schwierigkeiten, die eine eindeutige Beurteilung der Lage erschweren. So muss die Frage geklärt werden, ob Einkommensungleichheit mithilfe verfügbarer Einkommen oder anhand von Markteinkommen bestimmt werden soll. Ein weiteres Problem betrifft die Frage wie Ungleichheit von den Bürgern wahrgenommen wird. Es gibt empirische Evidenz dafür, dass sowohl die Wahrnehmung der Ungleichheit als auch die Bewertung der wahrgenommen Ungleichheit sehr unterschiedlich ein können. „Wegen der genannten methodischen Probleme fällt die exakte Quantifizierung der Einkommensungleichheit, ab der der Bereich der ‚produktiven Ungleichheit‘ endet, schwer.“, resümiert Petersen.

„Insgesamt ist daher davon auszugehen, dass es für jedes Land einen eigenen UG*­Wert [optimales Maß an Ungleichheit] gibt, der zudem im Zeitablauf keinesfalls konstant sein muss.“, konstatiert Thieß Petersen. Aus seiner Sicht lässt sich nicht belastbar abschätzen, ob in Deutschland das optimale Maß an Ungleichheit bereits überschritten wurde und daher wirtschaftspolitische Maßnahmen angezeigt sind, die die Ungleichheit reduzieren.

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