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David Milleker: Der Handelskrieg und internationale Vorleistungsketten

Die Auseinandersetzung zwischen den USA und China befindet sich in der nächsten Eskalationsstufe. Beide Seiten haben sich mit weiteren Strafzöllen belegt und auch quantitative Ex- und Importbeschränkungen in bestimmten Gütergruppen verhängt.

Intuitiv würde man nun folgendes Reaktionsmuster für sinnvoll halten: Die vom Handelskonflikt betroffenen Unternehmen weichen einfach aus, indem sie beispielsweise in Drittstaaten produzieren. Tun sie aber nicht. Warum nicht?

Es ist natürlich richtig, dass man die Sanktionen im Zweifelsfall einfach umgehen könnte, sofern sich grenzüberschreitende Produktionsketten quasi auf Knopfdruck umorientieren ließen. Dafür müssten die Vorleistungsketten hinreichend flexibel sein. Heißt: Produktion aus China müsste sich problemlos nach Indien verlagern lassen.

Dies ist nicht der Fall. Heutige Vorleistungsketten sind anders organisiert. In China etwa findet sehr viel Veredelungsproduktion im Verarbeitenden Gewerbe statt und in Indien haben sich viele Call-Center angesiedelt. Warum ist nicht in beiden Staaten von jedem ein bisschen vertreten, was mehr Flexibilität eröffnen würde?.

Tatsächlich betreten wir in der derzeitigen Situation gewissermaßen Neuland. Handelsstreitigkeiten zwischen den beiden größten nationalen Volkswirtschaften auf der Welt haben in jüngerer Vergangenheit nicht stattgefunden. Zudem kam die (Hyper-)Globalisierung durch grenzüberschreitende Vorleistungsketten erst im Verlauf der 1990er Jahre in Gang.

Als Basishypothese kann man vielleicht auf die Clusteransätze aus der ökonomischen Geographie zurückgreifen. Im Endeffekt ballen sich in bestimmten Regionen ähnliche wirtschaftliche Aktivitäten zusammen. Diese Zusammenballung schafft auf verschiedenen Wegen wie etwa über Skalen- und Know How-Effekte eine höhere Produktivität gegenüber anderen Standorten, die dieses Merkmal nicht aufweisen. Die Autoindustrie in Baden-Württemberg ist hierfür ein gutes Beispiel.

Es scheint plausibel, dass Regionen wie Guangdong (Konsumgüter, Elektrotechnik, Plastikverarbeitung) oder das Jangste-Delta (Chemie, Maschinenbau, Textil) nicht einfach per Zufall so große Bedeutung in Vorleistungsketten internationaler Konzerne haben, sondern weil dies ökonomisch sinnvoll ist. Das vermutlich augenfälligste Beispiel hierfür sind Produkte einer US-Firma mit der Aufschrift „Designed by Apple in California – Assembled in China“. Oder kurz: Vermutlich hat die Produktion von Zwischen- und Endprodukten in bestimmten Bereichen in China wesentliche Kosten- und/oder Qualitätsvorteile.

Und nun zurück zur Ausgangsfragestellung, warum sich Vorleistungsketten nicht flexibel verlagern lassen. Die vermuteten Kosten- und/oder Qualitätsvorteile müssten – zumindest einmal vorübergehend – aufgegeben werden, wenn man die Produktion an anderen Stellen der Welt vornehmen wollte. Außerdem ist nicht klar, ob überhaupt und in welchen zeitlichen Dimensionen ein Aufbau ähnlicher Produktionscluster wie derzeit in China in anderen Teilen der Welt möglich wäre.

Die logische Konsequenz: Die betroffenen Firmen geraten zwischen zwei Mühlsteine. Entweder sie tragen die höheren Einfuhrzölle oder sie nehmen die teurere, schlechtere Produktion an anderen Stellen des Globus in Kauf. Damit ist nur eines nicht plausibel, nämlich dass der Unternehmenssektor die Sanktionen quasi „kostenlos“ umgehen könnte.

Zum Autor: David Milleker ist Senior Economic Advisor bei Union Investment.

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