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Thomas Fricke: Designierte EZB-Chefin Lagarde – Vielleicht doch die bessere Partie

5. Juli 2019

Christine Lagarde soll die EZB leiten. Viele meinen, sie sei zu politisch für den Posten – man brauche einen neutralen Ökonomen, aus Deutschland. Ein typischer Fall von deutscher Selbstüberschätzung.

Manchmal könnte man meinen, unsere Kanzlerin macht das extra. Da wurde tagelang befunden, Frau Merkel fehle es mittlerweile an Gespür. Das sei jetzt wirklich das Ende. Keiner höre mehr auf sie. In ganz Europa nicht. Schlimmer noch: In 14 Jahren habe sie jetzt überhaupt gar keinen einzigen Deutschen zum Anführer einer Weltgroßinstitution gemacht. Armes Land.

Wir können davon ausgehen, dass die Frau Kanzlerin gerade amüsiert ist. Teile und herrsche. Mit Raute.

Nicht viele Deutsche, die infrage kommen

Klar hat das, was da in Brüssel in den vergangenen Tagen so verhandelt und entschieden wurde, einen Hauch von Gaga. Wie eine Satire auf Deutschtümelei liest sich nur auch das eine oder andere, was drumherum bei uns so kommentiert worden ist.

Geht gar nicht? Eher Zeit, die Maßstäbe ein wenig zurechtzurücken.

Zu wehklagen, dass Deutschland in Europa mangels Topposten zu bemitleiden ist (oder war), ist schon originell. Und lässt ahnen, wie sehr die Deutschtümelei mit manchem durchzugehen scheint. Kaum ein Land hat ja seit der Eurokrise so viele wichtige Jobs in Europa besetzt wie Deutschland (siehe meine Kolumne von vergangener Woche). Und: als Kriterium zur Erlangung von Spitzenposten wirkt es eben auch ein bisschen mager, nur deutsch zu sein.

Wenn es eine tagelange Brüsseler Irrung brauchte, um nach besagten 14 Jahren endlich eine deutsche Ursula von der Leyen zur Kandidatin für einen solchen Welt-Topposten zu machen, liegt das womöglich auch ein bisschen daran, dass es nicht so viele Deutsche gibt, die sich für solche Aufgaben aufdrängen. Was wiederum daran liegen könnte, dass in Deutschland vor allem ältere Politiker auf Topposten nach Europa geschickt werden, die im Inland jetzt nicht kurz davorstehen, Kanzlerin zu werden. Oder sonst was Wichtiges.

Dass nicht alle nach den Deutschen rufen, könnte dabei auch daran liegen, dass unsere Landsleute in Sachen Krisenmanagement in den vergangenen Jahren nicht immer so berauschend gut dastanden. Um es vorsichtig auszudrücken.

Der Hang früherer Finanz-Schäubles, der Welt Austerität zu empfehlen, gilt in Fachkreisen international heute als grober Fehler, weil zu viel Gespare mehr kaputt gemacht als geholfen hat. Als ziemlich dumm hat sich mittlerweile auch der Widerstand mancher hiesiger Ökonomiepäpste gegen Anleihekäufe durch Notenbanken in akuten Panikkrisen erwiesen.

Das heißt nicht, dass Minderheitspositionen per se falsch sind. Nur stehen die besagten Kritiker nicht richtig gut da, wenn so ziemlich alles dann doch darauf hindeutet, dass es richtig war, wie Draghi zu reagieren. Weil sein Vorgehen die Eskalation der Eurokrise gestoppt hat.

Es lässt einfach, sagen wir, die eine oder andere analytische Schwäche vermuten, wenn fast ein Jahrzehnt nach Ausbruch der Krise in Deutschland immer noch behauptet wird, dass der EZB-Chef die deutschen Sparer enteignet – was für ein Blödsinn. Oder dass es furchtbar ist, wie oft die Drei-Prozent-Regel des Stabilitätspakts gebrochen wurde.

Politisch sind die anderen auch

Die deutschen Sparer sollten froh sein, dass Draghi den Kollaps unserer Währung verhindert zu haben scheint. Zumal die Zinsen fast überall auf der Welt so niedrig sind: weil eine weltweit wirkende Krise herrscht – nicht, weil es Herrn Draghi gibt. (Was ja nicht heißt, dass der Mann alles richtig gemacht hat.)

Wir sollten auch froh sein, dass selbst die Bundesregierung irgendwann aufgehört hat, Defizitziele auf Teufel komm raus einzufordern. Weil es die Krise nur noch schlimmer gemacht hätte. So zu tun, als sei das alles ganz anders, ist natürlich ok. Nur braucht man dann verdammt gute Belege. Sonst darf man sich nicht wundern, dass man unter den Kollegen international nicht richtig ernst genommen wird – und von der Welt keinen Topjob geschenkt kriegt.

Womit wir bei Christine Lagarde sind. Sicher kann man kritisch anmerken, dass die Frau gar keine studierte Ökonomin ist, sondern Juristin. Und ja, sie hat viel Zeit in der Politik verbracht, einst als französische Finanzministerin und dann als Chefin des Internationalen Währungsfonds. Nur wirken beide Anmerkungen bizarr, wenn sie aus Deutschland kommen, wo durchgewunken wird, wenn sowohl der derzeitige Wirtschafts- als auch Finanzminister (wie sein Vorgänger) Juristen sind – und es einen Bundesbankchef gibt, der vorher über Jahre wichtigster Wirtschaftsberater der Kanzlerin war.

In Deutschland konnten einst Poltergeister wie Thilo Sarrazin Bundesbankvorstand werden. Oder Leute wie Jürgen Stark zum deutschen Chefökonom der Europäischen Zentralbank. Die zwar Ökonomie studiert haben, dann aber fast nur noch in der Politik beziehungsweise in Ministerien waren. Was selbst für hoch angesehene Bundesbanker wie Hans Tietmeyer galt. Gänzlich unpolitisch? Der Mann hat nach eigenem Bekunden dereinst maßgeblich am Wendepapier gearbeitet, das für 16 Jahre Schwarz-Gelb und Helmut Kohl sorgte – einer der gravierendsten politischen Momente der Nachkriegszeit.

Vielleicht ist Lagarde die bessere Partie

Dass Notenbanker gotthaft neutral über allem schweben und gelegentlich nur wichtige Reden über ordnungspolitische Grundsätze halten, ist eine Vorstellung von Geldpolitik, die aus Zeiten stammt, als die Welt der Finanzmärkte noch heil und weise und effizient schien. Da brauchte es Währungshüter in der Tat eigentlich nur, um hier und da mal ein bisschen den Zins anzupassen.

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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