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Thomas Fricke: Eine Vision für Europa – Was von der Leyen von der Mondlandung lernen kann

29. Juli 2019

Die Mondlandung und Ursula von der Leyen? Das hat mehr miteinander zu tun, als man denkt. Die neue EU-Kommissionschefin könnte sich beim US-Weltraumprojekt abschauen, wie man eine Vision vorgibt – und erfolgreich umsetzt.

Was für ein Sommer. Zwischen Ursula von der Leyen und Neil Armstrong. Mit einem Hauch von Annegret Kramp-Karrenbauer. Und seit dieser Woche auch Boris Johnson, die real existierende Neuinterpretation des Phänomens Horrorclown. So etwas kann sich kein Regisseur so ausgedacht haben.

Was für ein Ding. Ein Präsident, der 1962 verspricht, dass bis Ende des Jahrzehnts ein Mensch (klar, ein Ami) zum Mond fliegt – als das noch völlig irre klang und die technologischen Möglichkeiten überhaupt nicht auszureichen schienen. Ein Wettlauf darum, wer als erster da ist. Bis der gute Neil seinen schönen Satz aufsagt und den Schuh in den Mondsand setzt. Als historisch einmaliges TV-Event, das alle in den Bann zieht.

Heute würden die Freunde ordnungspolitischer Zurückhaltung noch während einer solchen Ankündigungsrede hierzulande das Nahen der Planwirtschaft ausrufen. Wie kann ein Präsident derart dirigistisch vorgeben, wo’s hingeht? Die FDP würde einen technologieoffenen Wettbewerb empfehlen. Motto: Lasst mal die Ingenieure tüfteln, und dann gucken wir, wo wer landet. Im Haushaltsausschuss des Bundestags würde angesichts erster Kostenschätzungen der nationale Notstand ausgerufen (nicht, dass die Amis damals Haushaltsbedenkenträger hatten). Und Greta Thunberg würde wahrscheinlich fragen, ob das nicht auch mit der Bahn geht.

Allein die präsidiale Vorgabe, alle Voraussetzungen für die Reise zum Mond und zurück zu schaffen, hat in den Sechzigerjahren einen Schub an Innovationen ausgelöst, der höchst beeindruckend wirkt: von der Entwicklung hinreichender Antriebsraketen über die Erarbeitung kosmischer Navigationsgeräte bis zum Design entsprechend belastbarer Kleidung mit Überlebensvorrichtung. Das deutsche Patentamt hat anlässlich des Jahrestags gerade eine Liste von zig Patenten zusammengestellt mit allem, was da für den Mondflug erfunden wurde.

Die Vorgabe eines Ziels über Jahre hinaus

Und die Vermutung liegt nahe, dass bis heute kein Mensch auf dem Mond gewesen wäre, wenn es damals geheißen hätte, dass das mit der Raumfahrt mal der freie Markt entscheiden soll. Oder wenn – wie in der EU – heute hauptsächlich Gelder in Töpfe für Grundlagenforschung für dies und das gesteckt worden wären, ohne das mit einer Mission zu verbinden, wie die italoamerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato analysiert.

Was damals Innovationsschübe auslöste, war die Vorgabe eines Ziels über Jahre hinaus. Eine Mission eben. Und etwas, das die Menschen über Grenzen hinweg mitriss.

Womit wir wieder in der Jetztzeit wären – und bei Ursula von der Leyen; oder bei dem, was sie vielleicht machen sollte. Gut möglich, dass uns heute gerade so ein, zwei Missionen mitsamt entsprechend visionärem Ansatz fehlen. Es gibt ja genügend Dinge, die wir noch nicht erreichen, aber in ein paar Jahren erreichen sollten. Etwa den Klimawandel stoppen. Oder das dramatische Auseinanderdriften von Arm und Reich. Wobei der Vergleich mit der faszinierenden Monderkundung erahnen lässt, was bei dem Versuch, beides zu beheben, heute schiefläuft.

  • Beispiel Klima: Es mag politisch Druck erzeugen, Ziele für den Abbau von CO2-Emissionen bis, sagen wir, 2030 oder 2050 festzulegen. Nur ist das an Abstraktheit natürlich auch schwer zu überbieten. Sprich: Das ist nichts, was die Menschen auch nur ansatzweise so wie Neil Armstrongs Mondlandung in den Bann ziehen kann.
  • Beispiel Reich-Arm: Es ist gut, darüber nachzudenken, wie man jene Leute, die abzustürzen drohen, künftig sozial besser auffangen kann. Nur ist auch das nichts, was Faszination auslöst – wie die SPD gerade zu spüren bekommt.

Vielleicht gilt das auch für die viel besprochene Wende beim Autofahren. Oder in Sachen Flugscham, also das peinliche Gefühl, mit Flugreisen das Klima zu schädigen. Was so manch einer da als Lösung bietet, ist ja nichts, was motivierend wirkt – außer auf Masochisten. Da geht es darum, was alles nicht mehr geht. Was reduziert werden muss. Worauf wir verzichten. Und die Ingenieure sollen mal zusehen, welche Technologie sich für den künftigen Autobetrieb am besten eignet – was de facto dazu geführt hat, dass nichts wirklich vorankam. So eine Verkehrswende ist eine sozial-ökonomisch-politische Großmission, keine Technoparty.

Eine Vision bieten, wo es hinzustreben gilt

Wenn es aus dem Mondprojekt der Sechzigerjahre etwas zu lernen gibt, dann womöglich das: Es wäre gut, den Leuten eine Vision davon zu bieten, wo es hinzustreben gilt, mit vorstellbar reizvollem Ergebnis – und den Ingenieuren eine Mission mitzugeben, alles zu tun, um dahin zu kommen. Vielleicht braucht es dazu dann eben auch mehr Mut, um vorzugeben, wie die Zukunft ohne alte Autos aussehen soll – und wie cool das sein kann, wenn dann alle mit sehr viel sichereren und künftig billigeren Elektrokisten herumdüsen. Oder vorzugeben, dass bis zum Jahr X alles geforscht und entwickelt wird, damit wir bis dahin klimaneutral fliegen können – statt auf Flugscham zu setzen, die das Problem ohnehin nicht löst; und so zu tun, als wäre es im globalisierten 21. Jahrhundert toll, wenn wir physisch alle wieder nur bis Wanne-Eickel kommen.

Natürlich kann einem bei dem Gedanken auch anders werden, dass ein womöglich etwas irrer US-Präsident oder britischer Premier ausgibt, was jetzt die Mission für die nächsten Jahre ist. Da kann ja auch so etwas wie der Bau der Mauer nach Mexiko herauskommen. Oder ein Brexit-Desaster.

Nur ist deswegen das Gegenteil ja nicht richtig. Dann muss so etwas Visionäres eben auch entsprechend demokratisch legitimiert werden – was mit jeder Bewilligung weiterer Mittel damals auch die Mondmission musste. Ohne Mission und Vorgabe großer Ziele wird es wahrscheinlich ohnehin nicht klappen, wenn man so große Probleme hat wie die Menschheit derzeit, warnt Ökonomin Mazzucato.

Da kann die erste Kommissionschefin definitiv noch von dem lernen, was John F. Kennedy einst ausgab – und Neil Armstrong Jahre später auf dem Mond landen ließ.
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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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