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Thomas Fricke: Investitionen in die Zukunft – Schluss mit der Schuldenschuld

So verwerflich wie im Deutschen klingt Schuldenmachen in kaum einer anderen Sprache. Zeit für eine positive Haltung zur Staatsschuld – jetzt, wo sie so nötig und so billig ist wie nie.

Deutschland hat ein bislang stark unterschätztes Sprachproblem. Fürs Kreditaufnehmen gibt es bei uns das Wort Schuldenmachen, was das Wort Schuld beinhaltet. Und so auf etwas moralisch höchst Unschönes schließen lässt. Obwohl ja nicht jeder Kredit gleich unmoralisch ist.

Nun ist Vorsicht in Geldangelegenheiten natürlich prima. Wer zu viele Schulden macht, macht Pleite. Was auch immer „zu viel“ ist. Die Sache mit der sprachhistorischen Moralisierung scheint sich in Deutschland derzeit nur zunehmend zum Drama zu entwickeln. Weil nicht jede Kreditaufnahme schlecht ist. Erst recht nicht für die Kinder. Im Gegenteil.

Und weil die vermeintlich bösen Schuldner heute fast gar keine Zinsen mehr aufs Schuldenmachen zahlen müssen – was wiederum auch eine Folge übereifrigen Schuldenabbaus ist.

Total sparsam, klar

Höchste Zeit, die Sache moralisch neu zu bewerten – und vielleicht auch einen schöneren deutschen Begriff dafür zu suchen, sich Geld zu leihen, wenn es darum geht, in die Zukunft des Planeten und des eigenen Landes zu investieren. Statt Schuldenmachen so etwas wie, sagen wir, Hübsch-Geldausleihen-für-gute-Zwecke.

Briten und Amerikaner bezeichnen Schulden trocken-bürokratisch als „debt“ – und Schuld mit „blame“. Der Italiener sagt fürs Schuldenmachen etwas mit „debitore“ – für die moralische Schuld „la colpa“. Beim Franzosen heißt das eine schlicht „dette“, das andere bedeutungsschwanger „culpabilité“. Selbst der Finne macht bekanntlich den Unterschied zwischen „velka“ und „syy“. Nur bei uns – und unseren nordwestlichen Nachbarn – war bei der großen Verteilung offenbar kein zweites Wort mehr übrig. Nun müssen sich beide Bedeutungen den Begriff „Schuld“ teilen. Total sparsam, klar.

Schuld ist Schuld

Jetzt heißt das nicht, dass bei uns gar keiner Schulden macht. Von wegen. Nicht lange her, dass Deutschland eine staatliche Schuldenquote von mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hatte. Die Alt-Staatsverbindlichkeiten erreichen nach wie vor Billionen. Und auch die privaten Kredite liegen gemessen an der Wirtschaftsleistung nicht zwingend niedriger als in Ländern, wo die Sprache nicht so einseitig moralisierend wirkt.

Das Sprach-Unikat könnte aber mit erklären, warum in Sonntagsreden nirgendwo so schön über den nötigen Abbau von Schulden geredet wird wie bei deutschen Finanzministern. Und warum dann gern von Sündern die Rede ist – Schuld ist Schuld. Und warum wir als (beinahe) einziges Land der Welt sogar eine „Schuldenbremse“ haben, die in die hochheilige Verfassung musste, wo sonst ja so Dinge wie die Menschenwürde stehen. Oder warum eine „schwarze Null“ zu einem sexy Kriterium für Politik werden konnte.

Es könnte auch erklären, warum Politiker gerade in Krisenzeiten gern mal in Panik geraten – und dann alles heillos gekürzt wird. Wie einst bei Gerd Schröder. Und warum wir das – noch lieber – anderen aufdrücken. Griechenland hat damit Erfahrung.

Mangelnde Investitionen sind die Kehrseite

Die Tücke ist, dass beim Moralisieren die Vernunft schon mal aussetzt. Zwar dürfte der Eifer dazu beigetragen haben, dass Deutschlands Finanzminister seit Jahren sinkende Staatsschulden vermelden. Hauptsächlich liegt es allerdings viel schnöder daran, dass die Wirtschaft wuchs, es immer weniger Arbeitslose und niedrige Zinsen gab und gibt.

Die Kehrseite sind jedoch jahrelang ausgebliebene Investitionen in Straßen, Streckennetze, Bahnhöfe, S-Bahn-Ausstattung, Schulgebäude, Lehrer, Kita-Erzieher, Notaufnahmen, Breitbandnetze, Tankstellennetze für Elektroautos, Gebäudesanierungen zum Klimaschutz, vernünftige Mindestrenten und die flächendeckende Ausstattung mit Internet. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Weil für alles angeblich kein Geld da war. In Wirklichkeit wurde eben nur politisch die Priorität auf den Abbau der bösen Schulden gelegt. Und das auch noch mit dem irren Argument des einen oder anderen Chefapostels, dass wir unseren Kindern doch nicht so böse Schulden hinterlassen dürfen. Jetzt hinterlassen wir ihnen die oben genannten Mängel. Und einen Planeten, der droht, mangels klimaschützender Investitionen auf Katastrophen zuzusteuern – wogegen bemühte Kinder nicht ganz zu Unrecht freitags Protest kundtun – nicht gegen Schulden.

So billig war es selten, die Zukunft zu sichern

Selbst eher liberal-konservative Ökonomen wie der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, schlagen mittlerweile Alarm, dass es kein Selbstzweck und sogar gefährlich ist, die Schuldenquote immer weiter abzubauen. Zumal das auch einen gravierenden ökonomischen Haken hat: Weil der deutsche Staat seine Schulden abbaut, werden derzeit so gut wie keine neuen Staatsanleihen mehr ausgegeben, sondern hauptsächlich nur noch solche, die alte Anleihen ablösen. Und das, obwohl es nach wie vor etliche Anleger gibt, die ihr Geld gern in die sicheren Papiere stecken würden. Ergebnis: Die Leute kaufen die Anleihen selbst ohne Zins. Mittlerweile werden sogar auf 30-jährige Staatsanleihen effektiv keine Zinsen mehr gezahlt – Stichwort Negativzins.

Das hat wenig mit Mario Draghi zu tun, dem hierzulande gern gescholtenen Chef der Europäischen Zentralbank. Das ist eher ein stabilitätspolitisches deutsches Eigentor. Und der beste (noch fehlende) Grund, jetzt wieder mehr auszugeben und in die Behebung der gravierendsten Probleme des Landes zu investieren: Wann, wenn nicht jetzt, wo der Finanzminister fürs Geldleihen respektive Schuldenmachen sogar noch Geld bekommt? So billig war es selten, die Zukunft zu sichern.

Und: Je schneller das wirkt und sich die Lage normalisiert, desto schneller bekommen Sparer wieder entsprechend normale Zinsen auf ihr Erspartes.

Das Ding mit der Sprache

Aber dafür haben wir ja die Demokratie und notfalls Experten.

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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