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Thomas Fricke: Kampagne gegen Nullzinsen – Der deutsche Spargroschen-Trump

Der deutsche Sparkassenchef macht die Europäische Zentralbank zum Sündenbock, weil sie Sparer enteigne. Dabei kämen die ohne Draghi und Euro heute schlechter weg.

Populisten sind Männer mit hellen Haaren, die wütend tönen, dass irgendwer schuld ist, wenn es im Land schlecht läuft – mal Mexikaner, mal Polen oder Syrer. Und die vor der nahenden Apokalypse warnen – um dann darzulegen, wie sie ebendiese durch einfach zu verstehende Dinge heroisch abwenden würden. Mauer bauen. Brexit machen. Syrer raus. Wobei die Rezepte sich dann in der Regel als untauglich erweisen – und als doch nicht so einfach. Siehe Boris Johnson.

Bei uns bewirbt sich gerade Helmut Schleweis, der oberste Vertreter des Sparkassengewerbes, um Aufnahme in die Kategorie. Schuld: der Italiener, also Mario Draghi. Unheil: die Negativzinsen. Apokalypse: dass der Sparer enteignet wird.

Wogegen nur hilft, den Italiener und seine Europäische Zentralbank zu stoppen (und wenn es nach dem einen oder anderen älteren Mitbürger im Land geht, am besten gleich die D-Mark wieder einzuführen). Dann kriegt der deutsche Sparer wieder Zins. Apokalypse abgewendet.

Dabei könnte in Wirklichkeit das Gegenteil eintreten. Es spricht eine Menge dafür, dass es ganz andere Gründe für die Nullzinsen gibt – und der deutsche Sparer ohne Europäische Zentralbank (EZB) und den Italiener nicht besser wegkäme, sondern noch schlechter. Wie der Brite mit dem Brexit. Ökonomie für Spargroschen-Trumps.

Für seine Mission verfasst unser Sparchef offene Briefe, in denen er theatralisch an den EZB-Chef appelliert – um das Anliegen dann in der „Bild“ auf Seite eins durchdröhnen zu lassen. Und den Eindruck zu vermitteln, dass es ohne den Draghi gar keine niedrigen Zinsen gäbe – und der das nur macht, um Finanzministern vermeintlich kriselnder Euro-Staaten zu helfen, ihre Staatsfinanzen zu sanieren. Und der Deutsche zahlt.

Richtig ist, dass die Banken schon seit geraumer Zeit so eine Art Gebühr auf Einlagen bei der EZB zahlen müssen. Aber das hat einen Grund: Sie sollen stärker zur Vergabe von Krediten und zur Ankurbelung der Wirtschaft animiert werden, statt Geld zu horten. Richtig ist auch, dass die EZB seit 2015 Staatsanleihen kauft, um die Zinsen auf die langfristigen Papiere noch ein bisschen mehr zu senken.

Dass dies des Deutschen Sparerdrama erklärt, ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil die Notenbanker gemessen am Marktvolumen gar nicht so entscheidend viele Bundesanleihen kaufen: selbst zu Hochzeiten lediglich zwischen zehn und zwanzig Milliarden monatlich – bei zuletzt knapp 400 Milliarden Euro gehandelter deutscher Staatsanleihen im Monat insgesamt. Gegen die Polterthese von der bösen EZB spricht auch, dass es sehr viel mehr andere Gründe gibt, die auch so für niedrigere Zinsen sorgen.

Warum die Zinsen niedrig sind

Wenn wie seit Jahren schon die Zinsen so ungewöhnlich niedrig sind, liegt das an ebenso ungewöhnlichen Umständen. Dazu gehört, dass:

  • erstmals seit Jahrzehnten die Wirtschaft per Saldo mehr spart als ausgibt, was eher irre ist. Unternehmer sollen ja unternehmen und nicht Geld horten. Gemessen am deutschen Bruttoinlandsprodukt stecken die Firmen heute weniger Geld in Ausrüstungen (7,1 Prozent) als vor Ausbruch der Finanzkrise (7,9 Prozent) – und das nach zehn Jahren Wachstum und bei deutlich gestiegenen Gewinnen. Entsprechend geringer ist die Nachfrage nach Krediten – und sind es die Zinsen;
  • erstmals seit Jahrzehnten in Deutschland Überschüsse in den öffentlichen Haushalten eingefahren werden. Das klingt zwar toll, bedeutet für den geneigten Sparer aber, dass seit Jahren keine neuen Staatsanleihen zusätzlich mehr ausgegeben werden, die man kaufen könnte. Anders gesagt: Auch der Staat spart mehr als er ausgibt – vergangenes Jahr netto gut 60 Milliarden Euro – knapp zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Folge: Der Finanzminister muss auch nicht mit hohen Zinsen werben, der Zins fällt;
  • in vielen Länder nach etlichen Jahren des Überschwangs die Leute ihre (privaten) Schulden abzubauen versuchen – in den USA, wo einst die Verschuldung zur Krise beitrug, liegt die Sparquote mittlerweile bei immerhin acht Prozent des BIP; vor dem Crash war sie bei nur zwei Prozent;
  • seit Jahren gerade bei denen die Einkommen und Vermögen am stärksten zulegen, die vor lauter Geld ohnehin einen relativ hohen Teil ihrer zusätzlichen Einkünfte sparen – was nach Berechnungen von Bundesbank und Internationalem Währungsfonds ebenfalls zu mehr Ersparnis und weniger Ausgabendynamik geführt hat;
  • zur erhöhten Sparneigung nach Analysen mancher Experten auch beiträgt, dass die Deutschen, wie andere auch, demografisch älter werden und daher mehr Vorsorge betreiben. Das habe die Zinsen seit Jahren gegen null tendieren lassen, sagt Wirtschaftsprofessor Carl Christian von Weizsäcker.

All das reicht, um zu erklären, warum die Zinsen gegen null oder darunter tendieren. Dafür braucht es weder Euro noch Draghi. Historisch niedrig sind die Zinsen auch anderswo.

Ein Großteil dessen, was die Zinsen hat fallen lassen, lässt sich, wenn überhaupt, als mehr oder weniger direkte Folge der Finanzkrise und ihrer Nachschocks und politischen Nachwehen à la Trump und Johnson deuten. Seither sind Unternehmen, wie in ähnlichen Krisen früher, vorsichtig geworden mit größeren Investitionen. Sparsamkeit gilt als Gebot. Auch wenn faktisch die Altschulden nach wie vor hoch sind.

Wenn Deutschlands Sparer noch weniger Zins bekommen als andere, hat das auch damit zu tun, dass Anleger in so global turbulenten Zeiten mehr als sonst nach den möglichst sichersten Anlagen suchen – wozu deutsche Staatsanleihen zählen. Oder Gold, auf das es in den vergangenen Wochen ebenso einen Run gab. Kein Zufall. Den meisten ist egal, ob sie noch draufzahlen. Hauptsache, das Geld scheint sicher. Logische Kehrseite: Für deutsche Sparer gibt es dann auch weniger Zinsen – und jetzt tendenziell negative.

Beispiel Schweiz

Wie wenig das Zinsdrama mit Herrn Draghi oder dem Euro oder mangelnder Stabilitätskultur bei irgendwelchen Sündenböcken zu tun hat, lässt sich heute ganz toll am Beispiel der Schweiz studieren – ein Land, das weder den Euro hat noch Italo-Banker oder hohe Staatsdefizite und dem ja durchaus ein Hang zur Stabilität nachgesagt wird. Da liegt der Zins für Staatsanleihen seit Jahren unter null und derzeit sogar bei minus ein Prozent. Weil der Schweizer plötzlich zum Hallodri geworden ist? Oder Herr Draghi dort geheime Agenten hat?

Blödsinn. Weil in der Schweiz all die Punkte eben auch wirken, die überall seit Jahren die Zinsen fallen lassen. Und das stärker als anderswo, weil Schweizer Anleihen ebenso als sichere Anlagen gelten wie deutsche – und seit Jahren alle Panikanleger die Dinger kaufen. So irre, dass die ehrwürdige Notenbank nachhalf, um mit noch niedrigeren Zinsen den Run zu stoppen.

Es hat etwas von Populismus, den Deutschen weiszumachen, sie bekämen auf ihr Erspartes Zinsen, wenn es nur den Draghi nicht gäbe. Das Schweizer Drama lässt erahnen, was in Deutschland in Zeiten von Trump und Johnson los wäre, wenn es Herrn Draghi und den Euro gar nicht gäbe. Dann würden noch sehr viel mehr Anleger in deutsche Staatsanleihen flüchten. Und die Bundesbank könnte gar nicht anders, als die Zinsen deutlicher unter null zu senken, so wie die werten Schweizer Kollegen. Ohne dass Herr Schleweis dafür den Italiener verantwortlich machen könnte.

Wenn stimmt, dass ein Großteil der Zinsimplosion Spätfolge der großen Finanz- und Bankenkrise ist, dann hat das Poltern unseres Spargroschen-Trumps sogar eine gewisse Dreistigkeit. Ebenso wie die Aussage des Deutsche-Bank-Chefs diese Woche, dass „die Niedrigzinsen unser Finanzsystem ruinieren“. Dann muss es korrekt heißen: Die Exzesse des Finanzsystems haben die Zinsverhältnisse ruiniert. Und dazu haben ja auch Deutsche Bank und Sparkassen ordentlich beigetragen.

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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