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Thomas Fricke: 30 Jahre Sieg des Kapitalismus – Abstieg eines Superstars

Hochmut kam nach dem Mauerfall: 30 Jahre nach dem vermeintlichen Triumph wird offenbar, in welch dramatischer Glaubwürdigkeitskrise der Kapitalismus mittlerweile steckt.

Als im Sommer vor 30 Jahren der Kommunismus zu kollabieren begann, deklarierte der US-Politologe Francis Fukuyama, nun sei die Geschichte zu Ende. Die Menschheit hatte sozusagen den Idealzustand erreicht – Demokratie und Kapitalismus.

Heute wirkt der Befund wie eine bizarre intellektuelle Irrung. Drei Jahrzehnte nach dem Ableben des Kommunismus erscheint die Erde etwas glücklos:

  • Es drohen Klimakrisen;
  • das Auseinanderdriften von Reich und Arm hat vielerorts nur schwer tragbare Ausmaße erreicht;
  • bizarre Präsidenten einstmals marktwirtschaftlich vordenkender Nationen drohen mit Handelskriegen;
  • und mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung wird von autokratisch oder populistisch Regierenden geführt, wie Nobelpreisträger Joseph Stiglitz jüngst ätzte.

Was ist da schiefgelaufen? Die Antwort könnte in jener Siegessicherheit liegen, die den Kapitalismus in den Jahrzehnten nach Überwindung des Kommunismus zu dem einen oder anderen Exzess trieb. Im Hochmut nach dem Mauerfall, sozusagen. Von wegen Ende der Geschichte.

Bittere Ironie

Die Ironie selbiger: Jetzt stecken Demokratie und Marktwirtschaft so tief in der Krise, wie es ohne den Übermut, der im Herbst 1989 seinen Lauf nahm, womöglich nie geschehen wäre.

Mit dem Fall der Mauer wurde dereinst ein Trend beschleunigt, der Anfang der Achtzigerjahre mit dem Antritt von Ronald Reagan in den USA und Margaret Thatcher in Großbritannien begonnen hatte. Demnach ist es wirtschaftlich per se immer gut, wenn der Staat sich zurückzieht; wenn jeder erst einmal an sich denkt, statt über Gesellschaft zu sinnieren; wenn jeder für sich vorsorgt, statt auf Hilfe vom Staat zu zählen; wenn alles dem strengen Wettbewerb ausgesetzt ist; wenn Reiche von Steuern entlastet werden; und wenn Banken wie andere Finanzjongleure so frei wie möglich mit Geld spekulieren können.

All das hatte als neues Dogma bis zum Mauerfall schon Risse bekommen – ob durch den Aktiencrash 1987 oder das Schuldenmachen von Reagan. Als der Kommunismus weg war, wirkte nur die normative Kraft des Faktischen viel stärker – und der sehr menschliche Gedankengang: Wer gewinnt, hat Recht.

Gewonnen ja – aber grenzenlos gut?

Was das heißt, haben Ostdeutsche zu spüren bekommen, als ihnen blühende Landschaften durch Umschalten auf glorreiches Marktwirtschaften versprochen wurden. Und dann die Treuhand dem Gedanken freien Lauf ließ, wonach alles, was nicht auf Anhieb der Konkurrenz standhält, einfach nicht zu halten ist. Auch wenn das zu Massenarbeitslosigkeit führte.

In den Jahren danach machten Regierungen weltweit immer irrere Reformen zugunsten von Finanzwelt, Schattenbanken und Derivatejunkies; wurden unter dem Motto des glorreichen Wettbewerbs über Nacht Märkte für Billigkonkurrenz aus China geöffnet. Und selbst eine rot-grüne Regierung setzte durch, dass Reiche weniger Steuern zahlen und Schlechtergestellte sanktioniert werden.

Widerspruch? Zwecklos

Wer in diesen Zeiten Zweifel äußerte, ob denn gleich alles privatisiert werden müsse, dem wurde beschieden, dass ja wohl keiner zum Sozialismus zurückwolle. Totschlagargument. Wer will denn schon wieder den Honecker? Klar.

Was derlei Selbstgewissheit anrichten kann, ist heute zu beobachten. Wenn Reich und Arm in so vielen Ländern so dramatisch auseinandergehen, hat das natürlich mit Finanzmärkten zu tun, wo nur wenige zu den großen Gewinnern zählen – oder damit, dass Reichensteuern gesenkt wurden. Wenn in den USA ganze Regionen wirtschaftlich abstürzten, weil sie chinesischer Billigkonkurrenz so wenig standhalten konnten wie einst das eine oder andere Werk im Osten Deutschlands der Westkonkurrenz, hat auch das mit einer naiven Vorstellung von selbstregulierenden Märkten und menschlicher Anpassungsschnelle zu tun.

Als es 2008 zur Jahrhundertfinanzkrise kam, war auch das ja kein Ergebnis von Sozialismus, sondern von entfesselten Finanzmärkten – und den naiven Annahmen darüber, dass die immer effizient sind. Wenn bisher nicht mehr gegen den Klimawandel getan wurde, dann auch deshalb, weil viele Regierungen zu lange auf irgendwelche heiligen Signale von den Märkten vertraut haben, statt sehr viel früher aktiv dafür zu sorgen, dass sich etwa Elektromobilität durchsetzt. Wenn heute Bahnlinien, digitale Netze oder Kapazitäten in Bauämtern fehlen, dann deshalb, weil es lange als urschick galt, wenn der doofe Staat sich überall zurückzieht, weil alles Private angeblich besser war.

Es mag eine Menge Gründe geben, warum Leute heute Trump oder Brexit oder AfD oder andere rechte Populisten wählen – und gegen alles und jeden wettern. Ein Grund für das Phänomen scheint doch im Kern in den neuen Umständen zu liegen, die der Siegeszug des Kapitalismus so mit sich gebracht hat.

Darauf deuten Studien zunehmend hin. Trump gewann 2016 auffällig viele Stimmen im Rust-Belt, der durch die Billigkonkurrenz verrostete. Für den Brexit wurde dort überdurchschnittlich viel gestimmt, wo wirtschaftlicher Abstieg alter Industrien und staatliches Kürzen von Leistungen zusammenfielen. Und in Deutschland bekam die AfD bei den jüngsten Europawahlen besonders viel Unterstützung in Regionen, die im strammen Wettbewerb wirtschaftlich eher abgehängt wurden.

Nur ein paar Verliererregionen? Von wegen. Wie verheerend all die Nebenwirkungen der marktliberalen Siegesgewissheit gewirkt haben, lässt jene Umfrage von Forsa von vergangener Woche* vermuten, nach denen jeder Dritte in Deutschland heute daran zweifelt, dass es allen im Land zugutekommt, wenn es der Wirtschaft gut geht. Und fast 80 Prozent sagen, dass die Privatisierung staatlicher Leistungen in den vergangenen Jahrzehnten zu weit gegangen ist. Und nicht einmal 30 Prozent der Befragten sind noch dafür, die Globalisierung von Wirtschaft und Finanzwelt weiter zu vertiefen.

Ob es für all das objektive Gründe gibt – oder es ein subjektives Gefühl spiegelt: Wenn knapp 60 Prozent der Menschen im Land dagegen sind, die Globalisierung unter Aufgabe nationaler Eigenständigkeit weiterzutreiben, dann ist das kein Genörgel an Details. Ebenso wenig, wenn fast 90 Prozent finden, dass die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen den Zusammenhalt der Bevölkerung zunehmend gefährdet. Wobei zwei von Dreien zweifeln, dass Reiche ihren Reichtum wirklich verdienen.

All das spiegelt vielmehr eine fundamentale Vertrauenskrise. Und es erklärt womöglich besser als alles andere, warum drei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer so viel Unmut über Politik und Zweifel an Eliten und gefühlter Kontrollverlust herrschen.

Natürlich heißt das nicht, dass wir jetzt wieder Kommunismus bräuchten. Blödsinn. Es würde schon helfen einzusehen, wie fatal es war, das Ende des Kommunismus mit einem Freischein für wirtschaftsliberale Experimente am menschlichen Wesen zu verwechseln.

Es gibt ja Zwischenlösungen. 80 Prozent der Deutschen sagen der Umfrage zufolge, dass die Regierung Menschen stärker schützen sollte, wenn durch Globalisierung oder Digitalisierung in größerem Umfang der Abbau von Arbeitsplätzen drohe. Fast 90 Prozent wollen, dass wieder mehr in Schulen, Klimaschutz oder Bahn investiert werden sollte. Zum Beispiel.

Sonst könnten jene noch lange Zeit zu den Gewinnern zählen, die gerade mit viel Unsinn den Unmut im Volk auszunutzen versuchen.


* Die Umfrage wurde vom Forum New Economy in Auftrag gegeben, einem Ökonomen-Netzwerk, das von SPIEGEL-Kolumnist Thomas Fricke mitgegründet wurde.

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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