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Thomas Fricke: Wirtschaftsschwäche in Deutschland – Warnung vor der Entwarnung

Deutschland steckt offiziell noch nicht in einer Rezession. Ein Grund zum Jubeln? Leider nicht. Denn sehr viele Faktoren sprechen dafür, dass es ungemütlich wird.

Die Rezession fällt erst einmal aus. Melden die Statistiker. Die Firmen blicken wieder ein bisschen positiver auf die nächsten Monate. Sagt das Ifo-Institut. Schon kursieren die ersten Frohlockungen. War all die Angst vor einer Rezession in Deutschland übertrieben? Wird alles wieder gut? Und können auch alle Konjunkturpakete an ihre Absender zurückgeschickt werden?

Eher unwahrscheinlich. Was gerade Hoffnungen weckt, könnte sich bald als nächster Trugschluss erweisen – nachdem schon die zunehmenden Warnsignale der vergangenen Monate von den Auguren lange Zeit unterschätzt wurden. Womöglich wäre gerade sogar der ideale Moment, ein großes Paket zur Rettung von Wirtschaft und Arbeitsplätzen vorzubereiten.

Richtig ist, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach amtlicher Mitteilung doch nicht zwei Quartale hintereinander geschrumpft ist – was der ökonomische Volksmund als technische Rezession einstuft. Schon weil alles andere als Definition einfach auch ein bisschen kompliziert ist.

Richtig ist auch, dass nach Befragung des Ifo-Instituts die Firmen im Land ihre Geschäftsaussichten nun etwas weniger pessimistisch einschätzen als noch im Sommer. Selbst in Umfragen zu Personalplänen scheint der Abwärtstrend erst einmal gestoppt. Die Aufträge aus dem Ausland sind nicht mehr weiter gefallen, ebenso wenig wie die Order für Vorleistungsgüter aus der Industrie – ein Frühindikator.

Gaga hinter der Zahlendeuterei

Wie viel Gaga hinter der Zahlendeuterei steckt, lässt sich schon daran ablesen, dass die Daten turnusgemäß erste vorläufige Schätzungen sind. Danach ist das BIP im dritten Quartal um 0,08 Prozent höher gewesen als im zweiten. Aller Erfahrung nach können diese Erstdeutungen später mal um ein, zwei Zehntel noch angepasst werden, wenn mehr Statistiken aus weiteren Branchen vorliegen.

Gut möglich, dass es im Frühjahr 2020 heißt, dass – huch – die deutsche Wirtschaft 2019 doch in der Rezession war – was für die Wirklichkeit hier und heute wiederum auch nichts ändert. Dadurch wird weder jemand nachträglich doch noch arbeitslos, noch gehen statistisch bedingt retrospektiv Firmen pleite.

Es ist vorgekommen, dass die Wirtschaft mal zwei Quartale hintereinander weniger erwirtschaftet hat – ohne dass deswegen eine Krise da war. Umgekehrt können die Unwägbarkeiten der Statistik mal dazu führen, dass es nach einem Minus erst einmal wieder ein (knappes) Plus gibt – und die Wirtschaft trotzdem auf dem Weg in eine tiefere Krise ist. Wie möglicherweise jetzt.

Entscheidend ist, ob sich der Trend nachlassender Umsätze breitmacht, der alle möglichen Branchen erfasst – weil sich so etwas ab einem bestimmten Moment verselbstständigt: Wenn in der Autoindustrie entlassen wird, gibt es entsprechend weniger Leute, die sich als nächstes einen Kühlschrank oder ein Bett kaufen können – was früher oder später die Hersteller von Kühlschränken und Betten kriseln lassen wird, woraufhin dort die Kosten gesenkt werden. Und so weiter.

Schleichender Prozess

Das passiert in einer so großen Volkswirtschaft nicht von einem Tag auf den anderen, sondern schleichend. Und es ist nicht einfach, den genauen Moment zu erkennen, von dem ab die Spirale an Fahrt zu gewinnen beginnt.

Dass die wirtschaftliche Schwäche – anders als in ähnlichen früheren Phasen – noch nicht zu starker Arbeitslosigkeit geführt hat, muss nicht beruhigend sein. Die deutsche Wirtschaft dürfte selten mit so vielen unerledigten Aufträgen und so viel Fachkräftemangel in eine Abwärtsphase gegangen sein wie diesmal. Das dürfte erklären, warum das Gros der Firmen bei sinkenden Aufträgen erst mal auch niemanden entlässt – im Zweifel schwindet erst mal nur die Überbelastung.

Bei anhaltend nachlassenden Aufträgen (und Umbrüchen anderer Art) wird nur früher oder später der Punkt erreicht sein, wo auch die Stammbelegschaft zu groß ist. Wie schon jetzt bei AudiBosch oder Brose.

Gut möglich, dass der Schock nach der Schonzeit umso größer wird – weil viele Unternehmen dann schon alle anderen Potenziale ausgeschöpft haben, ihre Kosten zu senken. Und weil in der Industrie die Lohnkosten je produzierter Einheit seit Anfang 2008 um zehn Prozent zugelegt haben – was an sich erst mal nicht so schlecht ist, weil es den Betreffenden ja auch mehr Geld zum Ausgeben beschert.

Wenig Optimismus

Es ist nicht auszuschließen, dass die jüngsten Hoffnungswerte tatsächlich solche sind. Zumal die Regierung einiges dafür getan hat, den Leuten im Land einiges mehr an Geld zu lassen. Allzu viel spricht allerdings nicht dafür, dass selbst dann bald alles wieder gut ist.

Dagegen spricht, dass:

  • die zarte Erholung bei manchen Stimmungswerten vor allem Ausdruck von Erleichterung darüber sein könnte, dass ein ganz großes Drama wie der Chaos-Brexit erst mal doch ausgeblieben ist. Nur ist bekanntlich ja damit das Thema an sich nicht erledigt, sondern nur verschoben. Wiedervorlage Ende Januar.
  • Ähnliches für die Stimmungswirren des derzeitigen US-Präsidenten gilt – es hat etwas Bizarres, wenn Analysten in jeder Regung von Donald Trump gerade Anzeichen dafür herauszulesen versuchen, dass jetzt doch eine Einigung in diesem oder jenem Handelsstreit erzielt werde – als ginge es um die launige Tante Erna von gegenüber; als ob der US-Präsident in Kürze brav Ruhe gäbe. Es gehört ja zu dessen bisherigem Erfolgsrezept, ständig Trouble zu machen – um zwischendurch wieder als Deal-Maker posen zu können.
  • Trump wie Brexit ja keine Zufälle sind, sondern eine tiefere Krise des Leitmotivs von der marktliberalen Globalisierung spiegeln – es gibt etliche Politrabauken, die in westlichen und anderen Demokratien nur warten, diesen Unmut (mit-)regierend populistisch auszunutzen. Ob in Italien, Spanien, Frankreich, den Niederlanden oder Österreich – um nur die wichtigsten Handelspartner zu nennen. Was für mehr als nur ein paar schwierige Monate für die Exportnation Deutschland spricht. Gut möglich, dass das schon reicht, die eine oder andere Investition hierzulande aus Vorsicht erst einmal nicht zu machen.
  • die deutsche Autoindustrie natürlich nicht nur mit den Wirrungen des US-Präsidenten zu kämpfen hat, sondern mit den Spätfolgen von Dieselskandalen und dem womöglich epochalen Bruch hin zu neuen Antriebssystemen – wovon Audis Stellenabbau nur einen weiteren vorläufigen Eindruck vermitteln könnte. Noch ist unklar, was diese Umbauten für ganze Regionen bedeuten, in denen bisher ganze Netzwerke an Zulieferern profitabel organisiert waren.

Es braucht ein gewisses Maß an Zuversicht, um sich zum Jahresende 2019 auszumalen, dass die Briten bald ein nettes Abschiedsfest geben, der US-Präsident zum netten Onkel wird, auch sonst alle Polterer zu poltern aufhören, und die deutsche Autoindustrie sich ohne weitere große Brüche ins neue Zeitalter zaubert.

Es könnte vernünftiger sein, sich auf schwierigere Zeiten einzustellen – und auf die Rückkehr des Rezessionsgespensts. Und besser heute als morgen ein Konjunkturpaket vorzubereiten.

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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