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Thomas Fricke: Jahreswechsel – Abschied von einem verpeilten Jahrzehnt

20. Dezember 2019

Vor zehn Jahren wurden die Deutschen darauf eingeschworen, dass alles schrumpfen würde. Eine spektakuläre Fehleinschätzung, die erklärt, warum es jetzt zu wenig Wohnungen, Handwerker und Fachkräfte gibt.

Jahreswechsel in ein neues Jahrzehnt. Kuriose Zeiten. Deutschland erwirtschaftet so viel wie nie. Es gibt so viele Arbeitsplätze wie nie. Und an Geld mangelt es eigentlich auch nicht.

Und doch verfallen Schulgebäude. Kriegt man keinen Handwerker. Mangelt es an Wohnungen für alle. Gibt es endlose Wartezeiten bei Fachärzten. Und wartet man ewig, um einen neuen Ausweis zu bekommen. Überall Mangel. Fast wie zu den guten alten Zeiten im Osten. Was ja so nicht gedacht war. Wie kommt das?

Ein Grund für den Sammelmangel könnte darin liegen, was den Start in die Dekade einst prägte – eine Sparbrötchenökonomie, die sich als atemberaubende Fehleinschätzung dessen erwiesen hat, wie sich das Land tatsächlich entwickeln würde. Man könnte auch sagen: ein eindrucksvolles Versagen von Marktwirtschaft und gängiger Ökonomielehre.

Wird alles wenig

Als das Jahrzehnt startete, stand die Weltwirtschaft unter dem Schock des großen Finanzcrashs. Und in Deutschland wirkten Jahre des Kriselns und Agenda-Verzichts-Dogmas nach, in denen den Deutschen nach damals herrschender Ökonomie gepredigt worden war, dass sie einfach auf vieles künftig verzichten müssten, alles irgendwie schlanker werden müsste, sie überhaupt schrumpften, und es eben nicht mehr so viel zu verteilen gebe. Und so weiter. Weil: Globalisierung, Geburten, Bevölkerung und, überhaupt, alles eher zu teuer und zu überdimensioniert sei.

Was das Schrumpfmotiv in der Praxis bedeutete, lässt sich an ein paar Zahlen ablesen. Allein beim Staat waren zwischen 2000 und 2010 knapp eine halbe Million Jobs weggefallen – unter dem Beifall handelsüblicher Ökonomen, die alles Öffentliche ohnehin blöd finden. Am Bau waren 2010 gut 650.000 weniger Leute beschäftigt als zehn Jahre zuvor. Warum auch bauen? Und die Frauen in Deutschland gebaren 120.000 weniger Babys. Warum auch mehr gebären?

Und: Warum bei solchen Trends auch davon ausgehen, dass sich daran im damals, 2010, beginnenden Jahrzehnt etwas ändert? Fataler Schluss.

Fehlprognosen in Serie

Wie schrumpfgeprägt die Erwartungen anfangs waren, lässt sich an nichts so gut ablesen, wie an den damaligen amtlichen Schätzungen zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland. Wie das Statistische Bundesamt noch 2010 prophezeite, würde die Zahl der Menschen im Land bis 2020 auf gerade noch 79,9 Millionen sinken. Was für eine Fehlprognose.

In Wirklichkeit leben heute deutlich mehr als 83 Millionen hier. Was nur zu einem geringen Teil an Flüchtlingen liegt. Auch die Geburtenquoten sind wider alle Erwartung gestiegen – von 1,39 auf zuletzt fast 1,6 Kinder pro Frau. Dazu sind etliche Menschen aus dem – teils krisengeschüttelten – Süden Europas ins einstige Krisenland Germany gewandert. Sprich: Im Land leben heute rund 3,5 Millionen Menschen mehr als einst einkalkuliert.

Sebastian Dullien und Katja Riezler vom IMK Institut haben errechnet, dass die Bahn in Deutschland 2017 gut 14 Prozent mehr Kilometer je Passagier gemacht hat als 2010. LKW fuhren um 16,6 Prozent weiter, PKW um gut sieben Prozent. In den zehn Jahren wuchs der Bestand an Kraftwagen im Land um gut ein Zehntel, ebenso wie das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Von wegen Schrumpfung.

Wie die Ökonomen von IMK und Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in ihrer gemeinsamen Studie für DGB und BDI analysieren, steckt hier ein gewichtiger Grund für den großen Nachholbedarf an öffentlichen und privaten Investitionen.

Die Deutschen wurden aufs Schrumpfen kleingeredet

Beispiel Bau: Zwar hat die Branche seit 2010 langsam auch ihre Kapazitäten wieder erweitert – nur halt ziemlich langsam. Am Bau arbeiten selbst jetzt noch rund 800.000 Menschen weniger als noch zu Hochzeiten 1995. Obwohl es überall boomt. Was allein der Staat im Laufe der Zeit in (öffentliche) Bauten investiert hat, lag 2017 gerade einmal zwei Prozent höher als 2010.

Beispiel Staat überhaupt: Im öffentlichen Dienst sind zwar ebenfalls allmählich wieder mehr Stellen geschaffen worden. Nur arbeiten beim Staat nach wie vor weniger Menschen als 2000, während die Wirtschaft seitdem kaum gewachsen ist und alles in allem in Deutschland heute gut zehn Prozent mehr Leute arbeiten als noch 2010. Und eben auch deutlich mehr Menschen überhaupt im Land leben.

Da kümmern sich heute also weniger Beamte um deutlich mehr Bürger. Und weniger Bauarbeiter oder Handwerker um mehr Leute, die gern etwas gebaut oder repariert haben wollen. Ganz nebenbei: Im Handwerk werden heute fast fünf Prozent weniger junge Leute ausgebildet als 2013.

Das konnte einfach nicht gutgehen. Wenn eine Stadt Zigtausend Leute dazubekommen hat, ohne dass es – Sparkurs hurra! – eine neue Klinik gibt, muss man sich nicht wundern, wenn die Patienten auf den Gängen liegen, als wären im Land gerade Kriegszustände ausgebrochen.

Mangelwirtschaft im Wohlstand, eine ganz neue Variante. Als fatal hat sich im ablaufenden Jahrzehnt erwiesen, wie sehr die Deutschen aufs Schrumpfen kleingeredet wurden – dabei war absehbar, dass bei besserer wirtschaftlicher Entwicklung auch mehr Menschen ins Land drängen oder für mehr Leute und Wirtschaftsleistung auch mehr gebaut werden muss. Als ebenso fatal hat sich eine Fiskalpolitik erwiesen, die nach Kassenlage agiert, wie die Forscher von IMK und IW monieren. Jetzt mangelt es überall an Kapazitäten – ob am Bau oder in den Behörden.

Ab jetzt: Mangelbeseitigung

Höchste Zeit, daraus Lehren zu ziehen und das kommende Jahrzehnt unter ein neues Motto zu stellen: die Mangelbeseitigung. Oder netter ausgedrückt: die Modernisierung. Am besten durch ein großes Investitionsprogramm über viele Jahre, das viele Mängel abstellen würde. Mehr noch, so die These der Ökonomen: Wenn so etwas über viele Jahre eine Perspektive, Bedarf und Nachfrage am Bau schafft, dürfte der eine oder andere Betrieb, der im alten Jahrzehnt noch auf Schrumpfmodus war, auch wieder Geld in neue Kapazitäten und mehr Stellen stecken. Bedarf gibt’s genug. Und das wird auch so bleiben.

Gemessen an dem, was vor Beginn der jetzt endenden Dekade erwartet wurde, dürften in zehn Jahren, also anno 2030, fast sechs Millionen mehr Menschen in Deutschland leben: Immer noch rund 83 statt der damals veranschlagten 77,4 Millionen. Da ist es jetzt höchste Zeit, sich vom Sparbrötchendogma zu verabschieden und in Deutschland so viel zu investieren, wie es der realen Entwicklung der vergangenen zehn Jahre angemessen ist. Da kann man schon mal die eine oder andere Bahnstrecke, Schule, Uni oder Gesundheitsanstalt noch zusätzlich bauen.

Frohes Fest!

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Die Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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