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Thomas Fricke: Bundesverdienstkreuz – Wer den Draghi nicht ehrt, ist des Euros nicht wert

31. Januar 2020

Wolfgang Schäuble hat vor zehn Jahren dazu beigetragen, dass die Eurokrise ausufert. Mario Draghi hat die Eskalation gestoppt. Wer von beiden hat das Bundesverdienstkreuz verdient?

Es gibt derzeit Fragen, die sind eigentlich mehr oder weniger unwichtig: Was ist jetzt mit Rezession? Wird Donald Trump wiedergewählt? Oder was wird aus unserer Autoindustrie?

Und es gibt die wirklich wichtigen: Ob, sagen wir, der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank nun das Bundesverdienstkreuz zu Recht bekommt. Oder eher nicht, weil er angeblich deutsche Sparer enteignet hat.

Ganz klar, darum geht es zur Zeit. Jedenfalls haben manche Zeitungen hierzulande damit in den vergangenen Tagen ganze Seiten mit Pro und Contra gefüllt. Und es gab dazu etliche Statements. Von etlichen Politikern.

Das Verdienstkreuz ist kein Leistungsabzeichen
Jetzt wollen wir der Sachlichkeit halber darauf hinweisen, dass so ein Bundesverdienstkreuz weder als eine Art Nobelpreis gedacht ist, mit dem besonders überzeugende ökonomische Leistungen geehrt werden. Da könnte manches Kreuz im Nachhinein vom langen Band fallen (und auch so mancher Nobelpreis). Noch ist es so, dass das Kreuz als besondere Ausnahme an Mario Draghi geht. Eher als Ehrung von Amts wegen, die fast automatisch an so hochrangige Leute verliehen wird, wie es Chefs von Zentralbanken nun einmal sind. Also eher nach gutem Brauch leistungsunabhängig.

Dass die Würdigung Draghis anno 2020 überhaupt bei uns noch wutbürgerliche Emotionen auslöst, lässt dabei vor allem eins erahnen: wie wenig Chancen selbst recht simple Fakten haben, wenn es gegen ein so schönes Narrativ geht – in diesem Fall um jenes des ewig unsoliden Italieners, der den aufrichtigen deutschen Sparer enteignet – und wenn sich die Erzählung durch so wunderbare Klischees nährt. Ob Pizza oder mangelnde Währungsstabilität. Krise.

Dabei ist schon die Grundthese wackelig, wonach (allein) die EZB an Null- und Minuszinsen schuld ist. Klar, die EZB hat dazu beigetragen, neue Zinsanstiege zu verhindern. Dass die Zinsen an sich so historisch niedrig sind, hat aber nichts mit der EZB zu tun. Sonst wären sie ja nicht überall, auch in Nicht-Euro-Land, so niedrig. Da müsste man eigentlich nur mal in internationale Zinsstatistiken sehen.

Die Zinsen liegen in Nicht-Euro-Ländern wie der Schweiz sogar noch niedriger – und noch stärker im Minus. Ganz ohne Draghi. Und ohne Südländerklischee.

Wer keinen Job mehr hat, kann auch nichts sparen

Wenn es auf deutsche Staatsanleihen Negativzinsen gibt, hat das noch weniger mit der EZB zu tun, sondern damit, dass diese Anleihen in turbulenten Zeiten als sichere Anlagen enorm nachgefragt werden. Da sind die niedrigen Zinsen sozusagen die Kehrseite des Erfolgs. Und das war früher auch nicht anders. In Deutschland gab es schon immer niedrigere Zinsen als anderswo. Auch dafür musste nicht erst Draghi kommen. Es ist sogar wahrscheinlich, dass es in Deutschland ohne Draghi und den Euro noch weniger Zinsen gäbe. Wie in der Schweiz.

Keine hohe Mathematik braucht es auch für die Erkenntnis, dass für Sparer am Ende zählt, was nach Abzug der Inflation übrigbleibt, also real, und dass diese Realzinsen heute kaum niedriger sind als früher: Zwar gibt es nominal wenig, dafür ist aber auch kaum Inflation da. Und es braucht auch keine hohe Lehre der Logik für die Feststellung, dass die Finanzkrise gar nicht per se durch hohe Staatsschulden in den Südländern ausgelöst worden sein kann – wenn es in späteren Krisenländern wie Spanien am Anfang gar keine hohen Staatsschulden gab.

Egal, ist einfach zu schön, darüber zu rhabarbern, dass die Südländer nicht mit Geld umgehen können – sondern nur wir Deutschen.

Alle Erfahrung mit eskalierenden Finanzkrisen drängt den Schluss auf, dass, hätte Draghi 2012 die Eskalation der Krise nicht mit einem ordentlichen „wir machen alles, um die Krise zu stoppen“ gestoppt, es zu einer noch größeren Krise gekommen wäre – in der auch viele Deutsche ihren Job verloren hätten. Was den meisten Sparern noch weniger geholfen hätte. Denn wer kein Geld hat, kann auch nichts sparen.

Wer kann hier nicht mit Geld umgehen?

Es lässt sich manches kritisieren daran, was Mario Draghi im Detail getan hat. Und es wäre womöglich besser gewesen zuzusehen, dass das Geld, das die EZB zur Rettung rausgehauen hat, auf den Konten der Menschen landet – zum Ausgeben im realen Leben und nicht so viel in der Finanzwelt. Dann wäre die Euro-Wirtschaft viel früher aus der Krisengefahrenzone herausgekommen und es hätte nie Negativzinsen geben müssen.

Nur ändert auch das wenig an der Absurdität des Narrativs vom bösen Draghi.

In Wahrheit müsste die Erzählung eine andere sein: Wenn überhaupt, dann haben wir Mario Draghi, dem Italiener, zu verdanken, dass wir heute noch so eine stabile Währung haben. Weil er das korrigiert hat, was ein deutscher Finanzminister falsch gemacht hat: der nämlich in der akut eskalierenden Krise nicht richtig mit dem Geld umging, als er den Griechen zu Beginn der Krise, ziemlich genau vor zehn Jahren, jede Hilfe erst einmal stur versagte – was die Zweifel am Willen zur Krisenbewältigung erst nährte und die Panik an den Finanzmärkten erst eskalieren ließ.

Guter Italiener, ökonomisch überforderter Deutscher? Klar, das erzählt sich im Wahlkreis nicht so gut. Und noch weniger in unser aller Zentralorgan für einfache Wahrheiten. Das wäre ja völlig klischeewidrig.

Wenn inhaltlich zu begründen wäre, wer hierzulande ein Verdienstkreuz bekommt oder besser nicht, spräche das eher für Draghi – und gegen seinen Vorgänger, Jean-Claude Trichet, oder Wolfgang Schäuble. Weil Trichet 2008 die eskalierende Global-Finanzkrise unterschätzte, anders als die Kollegen in den USA und Großbritannien, und damit für die Euro-Zone alles schlimmer gemacht hat.

Alle Erfahrung mit einsetzenden Finanzpaniken lehrt nun einmal, dass es in solchen Krisen darauf ankommt, zu schwören, dass alles getan wird, um die Panik nicht gewinnen zu lassen. So wie es eben der gute Mario Draghi dann 2012 tat – und damit die Krise stoppte. Nur dass letztere in der Zwischenzeit schon furchtbar eskaliert war.

Ein deutsches Drama. Und womöglich eine der gravierendsten Fehleinschätzungen, die ein bundesdeutscher Finanzminister in der Nachkriegszeit getroffen hat.

Kontrollfrage: Wenn die Diagnose stimmt und es nur noch ein einziges Bundesverdienstkreuz zu vergeben gäbe – wem würden Sie es verleihen? Wolfgang Schäuble? Oder Mario Draghi? Eben.

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