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Thomas Fricke: Corona, Flüchtlinge, Bankencrash – Die Mutter unserer Krise

10. Oktober 2020

In jeder Krise heißt es, dass nichts mehr so sein wird wie vorher. Unsinn. Wirklich epochal ist allerdings die Finanzkrise. Das zeigt der Zusammenbruch der marktliberalen Rhetorik.

Der Mensch kehrt schnell wieder zu altem Verhalten zurück

Nur: Im (wirtschaftlichen) Alltag von Amerikanern oder bei uns ist dann doch nicht so endlos viel anders geworden. Die USA überwanden so gut wie sofort ihre kleine Rezession, an den Börsen ging es bald historisch munter weiter. Es wurde auch bald wieder geflogen, als wenn nichts gewesen wäre – und mehr noch: sogar mit jährlich neuen Rekorden (bis Corona).

Wobei angesichts des Partygeschehens der vergangenen Wochen auch in Sachen Corona zu  vermuten ist, wie schnell der Mensch nach Ende der Pandemie wieder das macht, was er vor der Pandemie gemacht hat. Handschlag.

Selbst nach der Flüchtlingskrise von 2015 – damals ebenfalls als Danach-wird-alles-anders-Ereignis eingestuft – ist trotz aller Probleme das allermeiste im Land immer noch wie vorher. Auch da musste erst Corona kommen, um etwa die schwarze Null zu kippen. Und es ist ja auch eher Quatsch, dass just seither der Populismus Einzug gehalten hat, wie gelegentlich geleitartikelt wird – den gab es zeitgleich ja auch in den USA und Großbritannien, wo es wiederum gar kein 2015 gab. Das muss andere Gründe haben. Hat es auch.

Womit wir bei der großen Finanzkrise sind. Wer die heutige Krise der Demokratien verstehen wolle, müsse beim Crash 2008 anfangen, schreibt Philip Stephens von der „Financial Times“ in einer eindrucksvollen Analyse diese Woche.

Karriere der Begriffe

Zwar habe es schon vorher eine Menge Bruchstellen und soziale Ungleichheit gegeben. Der Crash habe aber kristallisiert, was sich „durch den Laissez-faire-Kapitalismus, die technologischen Brüche und die Globalisierung“ an mangelnder Fairness schon über Jahre gesammelt habe. Damit sei in den USA der American Dream und in Europa das Versprechen der sozialen Marktwirtschaft gekippt, spätestens als etliche Regierungen auf den Bankencrash auch noch damit reagiert hätten, Austerität zu betreiben, also Leistungen für Leute zu kürzen, die an der Krise keine Schuld hatten.

Wie schnell das auch in Deutschland den bis dahin herrschenden Glauben an die Wunderwirkung einer möglichst freien Wirtschaft und Finanzwelt gekippt hat, lässt sich via Sprachdiagnose erahnen – etwa wenn man mittels Google Ngram über längere Zeiträume ermittelt, wie häufig neuralgische Wörter aus der marktliberalen Hochzeit im Laufe der Jahre in Büchern vorkommen – ob Begriffe wie Eigenverantwortung und Deregulierung oder einfach MarktWettbewerb und Aktien. Mit atemberaubendem Ergebnis.

Für fast alle Zauberwörter gilt, dass sie seit etwa Anfang der Achtzigerjahre und mit dem Durchbruch von Ronald Reagan und Margaret Thatcher zu regelrechten Höhenflügen ansetzten. Was nicht nur fachliche  Debatten spiegeln dürfte, sondern auch, wie sehr solche Begriffe dann in Alltagsgebrauch und Kultur eingehen.

Noch eindrucksvoller ist: dass es bei allen ziemlich exakt in ein und demselben Jahr zum Bruch kam – und zum Abstieg: just in jenem Jahr 2008, als nach etlichem Kriseln mit der Pleite von Lehman Brothers die große Systemkrise begann – und überall die Wirtschaft zu kollabieren drohte. Mehr noch: Seither ist es auch vorbei mit den einstigen Starbegriffen. Seither ist out, von Eigenverantwortung und Deregulierung oder Markt und Aktien zu quasseln. Kulturbruch.

Ein Modephänomen? Eher unwahrscheinlich. Es spricht mehr dafür, was Philip Stephens auch für die USA und andere Länder diagnostiziert: dass das Dogma von der marktliberalen Wunderwirkung eh damals schon wankte, angesichts etlicher Aktien- und Asienkrisen und auseinanderdriftender Einkommen wie Vermögen. Der Finanzcrash von 2008 war demnach dann der Schock, der das Leitbild endgültig kollabieren ließ. Ohne dass lange Zeit spürbar war, wie sehr dies im kollektiven Bewusstsein schon durch war.

Die Erfahrung lehrt: Große Paradigmen kippen dann, wenn die Wirklichkeit zu sehr mit dem kollidiert, was die Heilslehre beschreibt. Was 2008 der Fall war, als klar wurde, dass die bis dahin als so effizient geglaubten Banken und Finanzmarktakteure die größte Krise seit Jahrzehnten verbockt hatten. Und dass, just ein paar Jahre nachdem in Deutschland unter dem marktliberalen Label Agenda 2010 noch Leistungen für Leute gekürzt worden waren, die ohnehin eher weniger hatten, plötzlich Geld zur Rettung von Leuten da war, die ein Vielfaches verdienten.

So bricht das Vertrauen in politische Systeme und herrschende Institutionen.

„Historiker werden den Kollaps des Bankensystems als das wichtigste geopolitische Ereignis zu Beginn des Jahrhunderts werten“, schreibt Philip Stephens. Und es wird eine Menge Anstrengungen brauchen, allen wieder eine Chance zu geben, um das Vertrauen in Politik zurückzugewinnen.

Ein wirklich historischer Moment.

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