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Thomas Fricke: Gespenst aus den Siebzigern – Stagflation bekämpfen, nur diesmal besser

11. März 2022
Putins Krieg produziert bei uns gerade einen heiklen Mix aus Inflation und Stagnation wie zuletzt in den Siebzigern. Ein Desaster wäre, das mit den Mitteln von damals zu bekämpfen.

Ein Anti-Stagflations-Paket

Wenn in der Stagflation die Preise bei schrumpfender Wirtschaftsleistung steigen, braucht es Maßnahmen, die diese Entwicklung bremsen – und die Wirtschaft idealerweise noch stützen helfen. Das Gute ist: Die gibt es.

Zu einem solchen Anti-Stagflations-Paket könnten gehören:

  • jene Senkung der Mehrwertsteuer, die jetzt schon gelegentlich gefordert wird. Wobei am besten die größte Entlastung auf alles gelegt werden müsste, was mit Gas und Energie zu tun hat. Nur dass die Wiederanhebung dann zeitlich an eine tatsächliche Entspannung bei den Energiekosten gebunden werden sollte – um nicht wieder so einen Mist zu bekommen wie Anfang 2021. Da wurde die Mehrwertsteuer wieder angehoben, als die Energiekosten ohnehin schon hochzuschießen begannen.
  • Ein Aussetzen der nächsten CO₂-Steueranhebung, solange die tatsächlichen Preise für fossile Energien durch die Krise ohnehin weit über dem liegen, was die Regierung klimapolitisch avisiert hatte; das wäre auch klimapolitisch schlau, da bei wieder sinkenden Kursen an den Weltmärkten die Steuer auch wieder angehoben werden könnte – was die auf Dauer gewünschte Verteuerung weniger erratisch und damit planbarer macht.
  • Vor allem ein Gaspreisdeckel, wie ihn die Ökonomen Sebastian Dullien und Isabella Weber vorgeschlagen haben. Dann würden die Gaspreise für den Grundverbrauch bei 7,5 Cent je Kilowattstunde festgelegt – nur wer mehr verbraucht, müsste dafür dann die höheren Kosten tragen. Wobei die Regierung den Versorgern dann die entgangenen Einnahmen erstatten würde.

Die Liste lässt sich sicher ergänzen und jede Maßnahme im Zweifel optimieren. Es spricht auch viel dafür, dass so ein Gashöchstpreis gezielter wirken würde als etwa eine Senkung der Mehrwertsteuer – schon weil ein Großteil der Inflation derzeit einfach von der Panik an den Gasmärkten kommt; und die Deckelung bis zu einem bestimmten Verbrauch zugleich den Anreiz aufrechterhielte, nicht unnötig mehr Gas zu verbrauchen. Allen Vorschlägen wäre nur gemein, dass sie dafür sorgen, den Kostenschock für Verbraucher aufzufangen, damit Umsatzausfälle für die Wirtschaft vermeiden – und zugleich die ausgewiesene Teuerung geringer ausfallen lassen. Sprich: gegen beide Teile der Stagflation wirken. Das wiederum würde den Druck verringern, dass Inflation zu einer übermäßigen Preis-Lohn-Spirale führt, auf die auch die Notenbanken reagieren müssten – und von der am Ende keiner etwas hätte.

All das wäre auch hilfreicher als ein Großteil dessen, was die Bundesregierung in ihrem Hilfspaket bisher vorsieht. Darin erfüllt ja nur die Abschaffung der EEG-Umlage die doppelte Anforderung, sowohl für eine Entlastung der Haushalte als auch über sinkende Strompreise für eine gedämpfte Inflation zu sorgen. Eine großzügigere Pendlerpauschale mag Fahrern helfen, reduziert aber weder die Gasrechnung noch die Preise. Der Zuschuss zu den Heizkosten ist gut, aber auf die Ärmeren beschränkt – und wird die Inflation insgesamt daher kaum dämpfen.

Wenn so ein Anti-Stagflations-Paket sitzt, könnte es als Vorlage für die Gewerkschaften dienen, bei anstehenden Tarifverhandlungen zwar einen Energieschock-Ausgleich einzufordern, den aber eher über Einmalzahlungen zu machen. Dann bräuchten Unternehmen die (vorübergehend) höheren Kosten auch nicht in dauerhaft höhere Preise zu verwandeln.

Noch effektiver gegen die aktuelle Panikinflation wäre neben aller möglichen Diplomatie zur Beendigung des Kriegs nur noch: so eine Art Panikstopp für abgedrehte Märkte für Gas, Öl oder Weizen. Wenn sich dort Preise binnen Tagen vervielfachen, hat das ja mit der Idee sachter Abwägung zwischen Angebot und Nachfrage nicht mehr viel zu tun. Eher mit Kriegsängsten, Irrlichtern und Spekulation. Dann müsste es vielleicht auch Stoppmechanismen geben – und Regierungen, die im Zweifel mit Interventionen gegenhalten. So wie die Notenbanken es machen. Oder die Verantwortlichen für Aktienbörsen: Wenn Anleger mal wieder in Panik flüchten, wird der Laden zur Beruhigung auch mal geschlossen. Klar, das lässt sich für die globalen Rohstoffmärkte nicht so schnell umsetzen. Eher in Zukunft.

Aber wann, wenn nicht jetzt, wäre der Moment, auch mal darüber nachzudenken, für welche nächsten Pandemien, Krisen und Kriege der Mensch sich noch besser vorbereiten sollte. Besser als die alte Stagflationskampf-Romantik allemal.

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