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Archive for the ‘Klassiker kompakt’ Category

Vilfredo Pareto – Handbuch der politischen Ökonomie

16. Oktober 2007 Kommentare aus

Vilfredo ParetoViele haben seinen Namen schon einmal irgendwo gehört: Das "Pareto-Optimum" und die "Pareto-Verteilung" dürfen schließlich in keinem Grundkurs der Volkswirtschaftslehre fehlen. Doch das umfangreiche Werk des kontrovers diskutierten Ökonomen und Soziologen ist nur wenigen bekannt.

Dabei war Vilfredo Pareto einer der Ersten, die den Versuch unternahmen, wirtschaftswissenschaftliche Theorien in den Kontext der Gesellschaft einzubetten. Im Manuale di Economia Politica steht die Theorie des wirtschaftlichen Gleichgewichts im Mittelpunkt.

Der Autor zeigt sich als begeisterter Anhänger der mathematisch-naturwissenschaftlichen Methode – doch ergänzt er diese um eine gänzlich unwissenschaftliche, beißende Gesellschaftskritik, in der er sämtliche Ideale und Ideologien seiner Epoche in Grund und Boden stampft.

Paretos sozialdarwinistische und antidemokratische Ansichten ließen ihn zu einem gefeierten Theoretiker der Faschisten werden. Dennoch ist die Lektüre aufschlussreich: Das Manuale zeigt unmissverständlich, wie nah geniale wissenschaftliche Theorien und gefährliche praktische Schlussfolgerungen beieinanderliegen können.

Über den Autor

Vilfredo Pareto wird am 15. Juli 1848 in Paris geboren. Sein Vater, der aus einer angesehenen Familie aus Genua stammt, ist als Liberaler und Republikaner ins Exil nach Frankreich geflohen. Seine Mutter ist Französin. 1854 kehrt die Familie aufgrund einer Amnestie nach Italien zurück.

Bereits mit 22 Jahren promoviert der mathematisch begabte Pareto an der Turiner Universität als Ingenieur und arbeitet anschließend rund 20 Jahre lang in diesem Beruf, zunächst bei den Römischen Eisenbahnen und dann als Generaldirektor eines Montanunternehmens. Während dieser Zeit beschäftigt er sich bereits intensiv mit ökonomischen und soziologischen Themen und hält an der Wirtschaftsakademie in Florenz wirtschaftspolitische Vorträge.

Zahlreiche Geschäftsreisen führen ihn durch ganz Europa, wo er viele Eindrücke der verschiedenen Kulturen und Gesellschaftsformen sammelt, die sich später in seinen Werken niederschlagen werden. 1880 und 1882 kandidiert der überzeugte Demokrat und Liberale in zwei toskanischen Wahlkreisen erfolglos für das Parlament. Entmutigt von den festgefahrenen politischen und wirtschaftlichen Strukturen in Italien scheidet Pareto 1890 aus seinem Beruf aus.

Um die Jahrhundertwende, enttäuscht von den politischen Entwicklungen in Italien und Frankreich, wandelt sich der einstige radikale Demokrat zum entschiedenen Gegner der Demokratie. Auf Empfehlung seines Freundes Maffeo Pantaleoni wird der Autodidakt 1893 als Nachfolger von Léon Walras auf den Lehrstuhl für Nationalökonomie an der Universität Lausanne berufen. Bereits mit seinem ersten Werk, dem Cours d'économie politique (1896/97), erreicht er internationale Bekanntheit.

Nach einer stattlichen Erbschaft von seinem Onkel entschließt er sich 1898, die Lehrtätigkeit aufzugeben und sich nur noch der Wissenschaft zu widmen. Er kauft in Céligny (Schweiz) eine Villa. 1902 legt er mit Les systèmes socialistes eine tief greifende Kritik des Sozialismus vor, 1906 erscheint das Manuale di Economia Politica und 1916 sein soziologisches Hauptwerk, das vierbändige Trattato di Sociologia Generale. Kurz vor seinem Tod am 19. August 1923 ernennt Mussolini ihn zum "Senator des Königreichs Italien".

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Alfred Marshall – Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

14. Oktober 2007 Kommentare aus

Alfred Marshall"Egal was du forschst, egal was du erarbeitest – bei Marshall steht es schon drin", lautet die Einschätzung vieler Volkswirtschaftler. Obwohl er relativ wenig publiziert hat, blieb Marshalls Hauptwerk Principles of Economics mehrere Jahrzehnte auf Platz eins der Liste der Ökonomieklassiker.

Ausgehend von dem Wunsch, die dringenden sozioökonomischen Fragen seiner Zeit zu lösen, entwickelte Marshall eine volkswirtschaftliche Theorie (der Begriff "Volkswirtschaftslehre" bzw. "Economics" geht sogar auf ihn zurück), die so umfangreich war, dass er sie selbst nicht abschließen konnte.

Der geplante zweite Band seines Werkes erschien nie. Der erste wurde dafür umso positiver aufgenommen. Marshall systematisierte das Schaffen seiner Vorgänger, mathematisierte das Modell von Angebot und Nachfrage, führte das Konzept der Nachfrageelastizität ein und berücksichtigte die zeitliche Dimension beim Zustandekommen eines Marktgleichgewichts.

Darüber hinaus verhalf er der Betriebswirtschaftslehre zu neuen Erkenntnissen, befasste sich mit der Theorie des Unternehmens und erörterte die Arbeitsbedingungen der Lohnarbeiter. Bis ihn sein Schüler John Maynard Keynes mit seiner "keynesianischen Revolution" ablöste, waren Marshalls Principles das einflussreichste Buch der englischen Volkswirtschaftslehre.

Über den Autor

Alfred Marshall wird am 26. Juli 1842 in Clapham (London) geboren. Sein Vater ist Kassierer bei der Bank von England. Weil ihm eine geistliche Laufbahn für seinen Sohn vorschwebt, paukt er mit ihm Hebräisch, Griechisch und Latein, obwohl sich der kleine Alfred eher für Mathematik interessiert. Sein Onkel finanziert ihm das Studium, und so kann Marshall 1861 an der Universität von Cambridge Philosophie studieren.

 Drei Jahre später schließt er mit einem exzellenten Examen ab und erhält ein Forschungsstipendium, mit dessen Hilfe er seine Studien fortsetzen kann. Marshall interessiert sich zunehmend für die Ökonomie und die sozialen Fragen seiner Zeit. Bei gezielten Exkursionen in die Armenviertel wird er sich über seine "Mission" klar: soziale Missstände abzubauen und die Armut zu bekämpfen.

1868 erhält er eine Berufung auf den Lehrstuhl für Morallehre am St. John's College. Logik, Ethik und politische Ökonomie gehören fortan zu Marshalls Vorlesungsthemen – auch in einem gesonderten Studiengang für Frauen. Eine der ersten Studentinnen, die bei ihm das Examen ablegen, ist Mary Paley. Marshall heiratet sie. Damit verbaut er sich ein weiteres Wirken in Cambridge, denn eine solche Heirat gilt als unschicklich.

Marshall zieht nach Bristol, wo er 1877 eine Professur übernimmt. 1882 entsteht der Rohentwurf der Principles of Economics. An diesem Buch arbeitet er mehrere Jahre, beendet es zu Zeiten seiner zweiten Professur in Cambridge, die er ab 1885 bekleidet. Marshall setzt sich dafür ein, dass seine Disziplin, die Volkswirtschaftslehre (Economics), wie er sie nun nennt, einen eigenen Studiengang erhält. Gegen manchen Widerstand setzt er diese Forderung 1903 durch und begründet die lange Zeit bedeutende Cambridge School of Economics.

1908 erfolgt seine Emeritierung, aber Marshall zieht sich deswegen trotzdem nicht aus der Welt der Wissenschaft zurück. Es erscheinen die Abhandlungen Industry and Trade (1919) und Money, Credit and Commerce (1923). Marshall stirbt am 18. Juli 1924 in Cambridge.

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John M. Keynes – Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes

8. Oktober 2007 Kommentare aus

John M. KeynesWar John Maynard Keynes ein Revoluzzer? Die Antwort muss lauten: politisch nein, in der Wirtschaftstheorie sehr wohl. Sein Anliegen war es, wirtschaftspolitische Instrumente zu entwickeln, mit denen das kapitalistische System stabilisiert und vor selbstzerstörerischen Tendenzen bewahrt werden konnte.

Keynes hat zwar keine Regierungen gestürzt, wohl aber am Thron der nationalökonomischen Klassiker gerüttelt wie kein anderer. Er stellte den Glauben an die "unsichtbare Hand" des Marktes, jene von Adam Smith beschworene Kraft, die Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht bringen sollte, grundlegend infrage.

 Angesichts der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren konnte er kein Gleichgewicht mit Vollbeschäftigung erkennen. Gab es am Ende gar keines?

In seinem Hauptwerk, der Allgemeinen Theorie, führte er dann den entscheidenden Angriff gegen die klassischen Ökonomen: Der Markt versagt, es gibt ein Unterbeschäftigungsgleichgewicht, und nicht die Löhne, sondern die Investitionen, nicht das Angebot, sondern die Nachfrage sind die Bestimmungsfaktoren der Wirtschaft.

Die neukeynesianische Idee der Nachfrageunterstützung durch den Staat unter Inkaufnahme von Verschuldung (eine Idee, der Keynes selbst allerdings widersprach) läutete eine neue Ära der Wirtschaftspolitik ein. Auch wenn sich gegen Keynes' Theorie später die Neoliberalen und Monetaristen erhoben: Seine Bedeutung ist auch heute noch überragend.

Über den Autor

John Maynard Keynes hat als Volkswirtschaftler und Publizist wie kein anderer die Sichtweise der Wirtschaft in der Mitte des 20. Jahrhunderts geprägt: Er war ein brillanter Ökonom, dabei völlig unpolitisch, gleichzeitig aber auch ein Kunstliebhaber, der im elitären Bloomsbury Circle mit Virginia Woolf verkehrte.

Keynes wird am 5. Juni 1883 in Cambridge geboren. Er absolviert seine Ausbildung an der angesehenen Privatschule Eton. In der Universität belegt er Mathematik und Ökonomie. Nach dem Examen im Jahr 1905 unterzieht er sich den Prüfungen für den höheren Staatsdienst und vertieft gleichzeitig seine Ökonomiestudien, u. a. beim wöchentlichen Frühstück mit seinem Lehrer Pigou.

Von 1906 bis 1908 arbeitet er im India Office, der Verwaltung der indischen Kolonie, danach kehrt er nach Cambridge zurück und beginnt seine Zeit als Dozent – "vor einem enormen Publikum" (Keynes) von 15 Studenten. Keynes' Bekanntheit wächst, als er 1911 Herausgeber des einflussreichen Economic Journal wird. Während des Ersten Weltkriegs ist Keynes Berater des Schatzministeriums und entwickelt Pläne für die Finanzierung der britischen Kriegsausgaben.

Nach dem Krieg nimmt er an den Friedensverhandlungen in Versailles teil und veröffentlicht danach die Economic Consequences of the Peace (Krieg und Frieden), das Werk, das ihn urplötzlich berühmt macht. In diesem Traktat verwehrt er sich massiv gegen die irrsinnigen Reparationszahlungen, die Deutschland aufgebürdet werden sollen. Das Ansinnen nennt er "abscheulich und verachtenswert" und prognostiziert den Niedergang Europas mit einem bankrotten Deutschland.

1925 heiratet er die russische Balletttänzerin Lydia Lopokova, obwohl ihm homoerotische Neigungen nachgesagt werden. 1930 erscheint sein Treatise on Money (Vom Gelde), das prompt als sein wichtigstes Werk gefeiert wird. Aber nur so lange, bis das Nachfolgewerk vorliegt: die General Theory of Employment, Interest, and Money (Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes), die Grundlage des späteren Keynesianismus. Nach Tätigkeiten im Schatzministerium und seiner Erhebung in den Adelsstand nimmt Keynes 1944 in Bretton Woods an den Verhandlungen zur Einrichtung eines neuen Weltwährungssystems teil. Am 21. April 1946 stirbt er in Firle (Sussex) an Herzversagen.

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David Ricardo – Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung

8. Oktober 2007 Kommentare aus

David RicardoAdam Smith sah in seinem Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen das wirtschaftliche Wachstumspotenzial als unbegrenzt an. David Ricardo begegnete dieser Haltung skeptisch. Unendliches Wachstum? Nein, Ricardo sah vielmehr das Menetekel des wirtschaftlichen Stillstands an der Wand.

Was er mit seiner Abhandlung Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung vorlegte, ist ein Handbuch der Allokation, der Verteilung von Gütern. Seine Theorie: Weder Kapitalgeber noch Lohnarbeiter profitieren am meisten vom gesellschaftlichen Wohlstand – stattdessen können sich vor allem die Eigner von Grund und Boden saftige Profite in die Tasche stecken.

Auf den Gebieten der Geldtheorie, Steuerpolitik und Werttheorie brachte Ricardo neue Impulse in die Volkswirtschaftslehre ein. Berühmt geworden ist vor allem seine Theorie der komparativen Kostenvorteile, die er anschaulich an den beiden Tuch- und Weinproduzenten England und Portugal demonstriert – allerdings unter der Prämisse von recht unwahrscheinlichen Rahmenbedingungen.

Ricardos Arbeitswertlehre (der Wert eines Gutes bestimmt sich aus der in ihm eingeschlossenen Arbeit) wurde später von Karl Marx aufgegriffen. Die Wirkung von Ricardos Hauptwerk war durchschlagend: Es gehört zu den "Klassikern der Klassiker" der Nationalökonomie.

Über den Autor

David Ricardo wird am 18. April 1772 als drittes von 17 Kindern seiner strenggläubigen jüdischen Eltern in London geboren. Davids Vater ist ein erfolgreicher Börsenmakler, und sein Sohn wird in seine Fußstapfen treten. Schon ab seinem 14. Lebensjahr arbeitet er im Geschäft des Vaters mit. Dann jedoch kommt es zum Bruch mit der Familie: Der Junge verliebt sich in ein christliches Mädchen.

Da er mit der Heirat das jüdische Gesetz verletzt, wird er im Alter von 21 Jahren aus der Familie ausgestoßen. Durch sein Geschick als Börsenmakler gelingt es ihm, innerhalb kürzester Zeit ein beträchtliches Vermögen anzuhäufen. Doch das Börsenparkett reicht Ricardo auf Dauer nicht aus: Er interessiert sich für Mathematik und die Naturwissenschaften.

Eher zufällig gerät er an die Ökonomie. Während eines Kuraufenthaltes seiner Frau liest Ricardo Adam Smiths The Wealth of Nations (Der Wohlstand der Nationen) und ist Feuer und Flamme für dessen Themen. Als im Jahr 1797 – infolge des Krieges gegen Napoleon – der Goldstandard in England fällt und die Preise ansteigen, wendet sich Ricardo erstmals in einem anonymen Zeitungsartikel an die Öffentlichkeit: Er verurteilt den allzu freien Umgang der Regierung mit der Notenpresse.

Ricardo lernt die wichtigsten Ökonomen seiner Zeit kennen: In James Mill findet er einen väterlichen Freund und in Thomas Robert Malthus einen Menschen, mit dem er sich privat ausgezeichnet versteht, auch wenn sie auf fachlichem Gebiet zumeist gegnerische Positionen vertreten.

Mill wird die treibende Kraft für Ricardos Publikationen: Er motiviert ihn sowohl zum Essay on the Influence of a low Price of Corn on the Profits of Stock (Essay über den Einfluss eines niedrigen Getreidepreises auf den Kapitalprofit, 1815) als auch zu seinem Hauptwerk On the Principles of Political Economy and Taxation (Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung, 1817).

Den Beschreibungen seiner Zeitgenossen zufolge ist Ricardo ein freundlicher, nie rechthaberischer, überlegter und etwas zurückhaltender Mensch, der während der letzten Jahre seines Lebens als radikaler Reformer im britischen Unterhaus sitzt. Er stirbt am 11. September 1823 in Gatcombe Park.

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Knut Wicksell – Geldzins und Güterpreise

6. Oktober 2007 Kommentare aus

Knut WicksellSpielt Geld eine wesentliche Rolle im Wirtschaftskreislauf? Oder ist es nur ein "Schleier", ein neutrales Tauschmittel, das den Handel nicht wirklich beeinflusst? Das sind Fragen, die die Wissenschaftler des 19. und auch noch des 20. Jahrhunderts beschäftigten.

Für den schwedischen Ökonomen und Freidenker Knut Wicksell war Geld nicht neutral. In seinen Augen spielte es durchaus eine Rolle, und zwar eine gewichtige.

Die Geldmenge, damit war er sich mit den Vertretern der so genannten Quantitätstheorie einig, hat einen großen Einfluss auf das Preisniveau. Will man Inflation oder Deflation in den Griff bekommen, kann dies nur über den Geldmarkt geschehen – aber nicht mit der Notenpresse, sondern über die Höhe des Kreditzinses.

Wicksell rückte das immer wichtiger werdende Bankensystem ins Zentrum seiner Theorie, die heute als "kumulativer Prozess" bekannt ist: Über die Beobachtung der Preise und die Veränderung der Kreditzinsen lässt sich demnach das Preisniveau steuern. Ein Unternehmer wird nur dann eine (kreditfinanzierte) Investition tätigen, wenn er sieht, dass die Kosten für den Kredit unter dem zu erwartenden Gewinn der Investition liegen.

Dadurch wird eine Investitions-, Angebots- und Nachfragekaskade ausgelöst, welche die Preise erhöht. Sind die Preise zu hoch, geht das Ganze auch umgekehrt: indem die Kreditzinsen erhöht werden. Wicksells Buch Geldzins und Güterpreise gilt heute als Grundlagenwerk zur Geldpolitik.

Über den Autor

Johan Gustaf Knut Wicksell wird am 20. Dezember 1851 als jüngstes von fünf Kindern eines Lebensmittelhändlers in Stockholm geboren. Vater und Mutter sterben früh, sodass Knut bei Verwandten aufwächst. 1865-1869 besucht er das Gymnasium und tritt einer Gruppe von Freidenkern bei, die in einem literarischen Zirkel gegen das Establishment andichten, singen und texten.

Nach dem Abitur studiert Wicksell bis 1872 Philosophie, Geschichte, Latein, skandinavische Sprache, Mathematik und Astronomie an der Universität von Uppsala. Während der Studienzeit kapselt sich Wicksell von Freunden ab, aus dem frommen jungen Mann wird ein Atheist. Er wendet sich den Sozialwissenschaften zu und wird Hauslehrer, um seine weiteren Studien finanzieren zu können.

Ein Vortrag über die Trunksucht, der in der Forderung der Geburtenkontrolle gipfelt, um die soziale Verelendung in den Griff zu bekommen, bringt ihm einen öffentlichen Skandal ein. Wicksell begibt sich 1885 auf eine Studienreise nach London, wo er die englischen Klassiker der Ökonomie liest und an politischen Diskussionen teilnimmt. Es folgen weitere Studien- und Vortragsreisen durch Europa.

In Kopenhagen lernt er die norwegische Feministin Anna Bugge kennen, mit der er 1889 zusammenzieht. Gemäß seiner Überzeugung heiratet er sie nicht, sondern schließt mit ihr lediglich einen "Unterhaltsvertrag für die Aufzucht der Kinder" und eine Regelung der Erbverhältnisse. Nachdem seine beiden Kinder Sven und Finn geboren sind, widmet sich Wicksell in den 90er Jahren seiner akademischen Arbeit.

In rascher Folge erscheinen die Schriften Über Wert, Kapital und Rente (1893), Zur Lehre von der Steuerincidenz (1895), Finanztheoretische Untersuchungen (1896) und Geldzins und Güterpreise (1898). Erst mit 50 Jahren, im Jahr 1901, erhält er eine Professur an der Universität von Lund.

Jahre der Lehre und gelegentlichen Publikation, vor allem in Zeitschriften, schließen sich an; in diese Zeit fällt auch der eine oder andere Skandal (u. a. zwei Monate Haft wegen Blasphemie). Nach der Emeritierung im Jahr 1916 kehrt Wicksell nach Stockholm zurück. Hier berät er die Bank von Schweden und tritt Regierungsausschüssen bei. Am 3. Mai 1926 stirbt er an einer Lungenentzündung.

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Amartya Sen – Armut und Hungersnöte

4. Oktober 2007 Kommentare aus

Amartya SenWarum müssen heute noch Menschen verhungern? Die Standardantwort auf diese Frage lautet: Weil es nicht genügend Nahrung gibt. Doch mit dieser Erklärung wollte sich der indische Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen Anfang der 80er Jahre nicht mehr zufrieden geben.

Aus eigener Erfahrung wusste er, dass bei einer Hungersnot nicht alle Menschen gleich stark vom Nahrungsmangel betroffen sind. Als Kind erlebte er die Not der Menschen in Bengalen: Drei Millionen Menschen verhungerten dort in den Jahren 1943/44, aber Sen und seine Klassenkameraden, Angehörige einer privilegierten Schicht, bekamen hiervon so gut wie gar nichts mit. Dieses Kindheitserlebnis bestimmte Sens Arbeit.

In Poverty and Famines sucht er eine plausible Erklärung dafür, warum bestimmte Bevölkerungsgruppen verhungern, während es anderen in der gleichen Region viel weniger schlecht ergeht. Mehr noch: Hungersnöte können sogar ausbrechen, obwohl die Nahrungsmenge und die Bevölkerungszahl im Vergleich zu den Vorjahren gleich geblieben sind.

Sens Erklärung: Nicht nur auf die Nahrungsmenge, sondern auch auf die Zugangsrechte zur Nahrung kommt es an. Macht, Kaufkraft und Zugehörigkeit zu bestimmten Bevölkerungsgruppen spielen also eine Rolle. Für seine Beiträge zur Wohlfahrtsökonomie wurde Sen 1998 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt.

Über den Autor

Amartya Sen sagt über sein Selbstverständnis als Wirtschaftswissenschaftler: "Wenn die Leute hören, dass ich Ökonom bin, fragen sie mich, wie sie ihr Geld anlegen sollen. Ich sage ihnen dann, dass ich dazu keinen Rat geben kann und dass mich vielmehr die Leute interessieren, die kein Geld haben, um es anzulegen."

Sen wird nach eigener augenzwinkernder Angabe bereits in einen Universitätscampus hineingeboren, und zwar am 3. November 1933 in Santiniketan in Westbengalen. Dort besucht er die Visva-Bharati-Universität des großen indischen Dichters und Gelehrten Rabindranath Tagore. Seine Studien in Mathematik und Wirtschaftswissenschaft setzt er 1951 am Presidency College in Kalkutta fort.

Danach zieht es ihn ins Ausland: 1953 wechselt er ans Trinity College in Cambridge – wo er erst einmal nachsitzen muss: Sein Bachelor-Abschluss aus Kalkutta wird hier nicht anerkannt. Nach einer Professur in Kalkutta, der Promotion in Cambridge 1959 und einer Forschungszeit am Massachusetts Institute of Technology in den USA wird ihm eine Professur an der Universität von Delhi angeboten. Sen nimmt an und bleibt bis 1971.

Seine weitere akademische Karriere führt nach London, Oxford, Harvard und wieder nach Cambridge. Seine Forschungsschwerpunkte: Wohlfahrtsökonomie, Social-Choice-Theorie und Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören On Economic Inequality (1973) und Poverty and Famines (1981). 1998 wird ihm der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen. Das jüngste Werk des mit rund 20 Ehrendoktortiteln dekorierten Wissenschaftlers ist 1999 unter dem Titel Development and Freedom (deutsch: Ökonomie für den Menschen) erschienen.

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John Rawls – Eine Theorie der Gerechtigkeit

4. Oktober 2007 Kommentare aus

John RawlsDer zentrale Gedanke in Rawls' 1971 erschienenem Hauptwerk Eine Theorie der Gerechtigkeit ist das Verständnis von Gerechtigkeit als Fairness. Rawls macht ein Gedankenexperiment: Er schafft eine hypothetische Situation, in der Menschen, die ihre künftige Stellung in der Gesellschaft noch nicht kennen, gemeinsam die Grundsätze für ihr Zusammenleben definieren.

 Dieser "Schleier der Unwissenheit" hat zur Folge, dass Einzelinteressen und Einflussnahmen keine Auswirkungen auf die Entscheidung der Bürger haben. So kann – in der Theorie – garantiert werden, dass sich auch tatsächlich die Interessen durchsetzen, die alle Bürger teilen. Obwohl Rawls lediglich die Bedingungen der Möglichkeit einer gerechten Gesellschaft aufzeigt, wird deutlich, dass er Eine Theorie der Gerechtigkeit auch als Kritik an den Staaten des real existierenden Sozialismus verfasst hat. Diese nahmen ja für sich in Anspruch, den alten Menschheitstraum einer gerechten Gesellschaft tatsächlich realisiert zu haben.

Bei Rawls schreibt aber nicht die Gesellschaft dem Einzelnen vor, wie eine gerechte Ordnung auszusehen habe, sondern die Individuen legen deren Grundsätze aus freien Stücken fest. Rawls' Werk ist der in der neuesten Philosophiegeschichte einzigartige Versuch, individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit als gleichwertige Stützen der modernen Gesellschaft zu verstehen.

Über den Autor

John Rawls wird am 21. Februar 1921 in Baltimore im amerikanischen Bundesstaat Maryland geboren. Sein Vater ist Rechtsanwalt, die Mutter setzt sich aktiv für die Gleichberechtigung der Frau ein. Rawls schreibt sich 1939 am College in Princeton ein und studiert ab 1946 an der Universität Princeton Philosophie. Sein bedeutendster Lehrer ist der Wittgenstein-Schüler Norman Malcolm.

Das Thema von Rawls' Doktorarbeit, die er 1950 veröffentlicht, ist die moralische Beurteilung menschlicher Charaktereigenschaften. 1952/53 bekommt Rawls ein Forschungsstipendium der Universität Oxford. Dort erhält er die Möglichkeit, John Austin, Isaiah Berlin und Stuart Hampshire kennen zu lernen.

Von besonderer Bedeutung in Oxford ist für Rawls aber die Bekanntschaft mit Herbert Hart. Harts Seminare über Grundfragen der Rechtsphilosophie haben auf Rawls einen großen Einfluss. Nach Professuren an der Cornell University und am MIT in Cambridge, Massachusetts, folgt Rawls 1961 einem Ruf nach Harvard.

1971 publiziert er Eine Theorie der Gerechtigkeit. In Harvard lehrt er anfangs als Philosophieprofessor. Ab 1979 ist er Professor ohne Lehrverpflichtung und folgt dem Ökonomen und Nobelpreisträger Kenneth Arrow als Harvard University Professor nach. An Rawls' zweitem Hauptwerk Politischer Liberalismus (1993) entzündet sich eine lebhafte Diskussion über demokratische Verfassungsstaatlichkeit.

In seinen letzten Jahren erleidet Rawls mehrere Schlaganfälle, die ihn aber nicht an der Arbeit hindern. Im Sinne einer Selbstinterpretation und eines Kommentars zu Eine Theorie der Gerechtigkeit folgt 2001 Gerechtigkeit als Fairness. John Rawls stirbt am 24. November 2002 in Lexington (Massachusetts).

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