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Posts Tagged ‘Lexikon’

… Insolvenzen

16. Juli 2008 Kommentare aus

Angesichts der Rekordpreise für Energie und Rohstoffe fürchten sich tausende Unternehmen in Deutschland vor der Pleite. Was eine Insolvenz ausmacht, wen sie trifft und welche Auswege es aus der Krise gibt.

 

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In den vergangenen Tagen kletterte der Ölpreis über die Marke von 145 Dollar je Barrel (159 Liter). Superbenzin kostete erstmals 1,60 Euro. Nicht nur Autofahrer geraten unter Druck. Mehrere Branchen warnen angesichts der hohen Energie- und Rohstoffpreise sogar vor Insolvenzen.

Bei Insolvenz kann ein Unternehmen oder eine Person die fälligen Zahlungsverpflichtungen nicht erfüllen. Als Gründe kommen akute oder drohende Zahlungsunfähigkeit sowie Überschuldung in Frage. In Deutschland häuften sich im Jahr 2007 durch Insolvenzen von Unternehmen und natürlichen Personen Forderungen von insgesamt 31,5 Milliarden Euro an.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts traten im Jahr 2003 rund 40.000 Unternehmen den Gang zum Insolvenzrichter an – so viele wie noch nie. Seit Anfang 2005 hat sich die Situation verbessert; 2007 sanken die Insolvenzen mit rund 29.000 Fällen auf den niedrigsten Stand seit 2001. Die meisten Pleiten betreffen kleine oder mittlere Firmen.

Im europäischen Vergleich der EU-15 rangiert Deutschland im oberen Mittelfeld. Im Jahr 2007 gingen nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform von 10.000 Firmen 90 Pleite. Das liegt zwar über dem europäischen Durchschnitt von 67 pro 10.000 existente Unternehmen. Vorzeigeländer wie Norwegen, Schweden und Schweiz weisen jedoch ebenfalls ähnlich hohe Insolvenzquoten auf. Am schlechtesten sieht es in  Luxemburg (256 Insolvenzen pro 10.000 Unternehmen), Österreich (240) und Frankreich (166) aus.

In Deutschland sind dafür immer mehr Verbraucher mit ihrer finanziellen Situation überfordert. Für das Jahr 2007 meldeten die Amtsgerichte über 105.000 Verbraucherinsolvenzen – neun Prozent mehr als im Vorjahr. Einschließlich der Insolvenzen anderer natürlicher Personen – dazu zählen Ex-Selbstständige, Gesellschafter größerer Unternehmen sowie  Nachlassinsolvenzen – mussten die Gerichte im Jahr 2007 rund 164.000 Insolvenzfälle bewältigen. Damit hat sich die Zahl der Insolvenzanträge seit 1999 fast verfünffacht.

So dramatisch eine Insolvenz auch ist, so eröffnet sie vielen Unternehmen und Bürgern auch die Perspektive für einen Neuanfang. Nach der 1999 eingeführten Insolvenzordnung können die Geschäfte weiterlaufen und der Betrieb saniert werden, sofern dies der Insolvenzverwalter für möglich und sinnvoll hält. Stimmen die Gläubiger mehrheitlich zu, wird das Unternehmen so entschuldet.

Nach neuem Recht können auch Verbraucher einen Antrag auf Insolvenz stellen. Redliche Schuldner können sechs Jahre nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens ihre alten Verbindlichkeiten los sein (Restschuldbefreiung). Früher hatten Privatpersonen dazu praktisch keine Chance – ein Leben an der Pfändungsgrenze war programmiert.

Sagen Sie, eine Insolvenz sei zwar ein großer Rückschlag, aber nicht unbedingt das finanzielle Ende.

… Direktinvestitionen

9. Juli 2008 Kommentare aus

Direktinvestitionen gelten als ein wichtiges Merkmal der Globalisierung. Sie belegen auch, wie Entwicklungs- und Schwellenländer immer stärker in die Weltwirtschaft integriert werden.

 

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Eine Direktinvestition (Foreign Direct Investment; FDI) ist eine finanzielle Beteiligung eines Investors an einem Unternehmen in einem anderen Land. Meistens geht es dem Investor darum, sich einen dauerhaften Einfluss auf die Geschäftspolitik der anderen Firma zu sichern.  Unternehmen investieren aus verschiedenen Gründen ihr Kapital im Ausland. Sie können sich so eigene Rohstoffquellen sichern, neue Absatzmärkte erschließen, von billigen Arbeitskräften profitieren, ihre Produktion verlagern.

Direktinvestitionen gelten als wichtiger Indikator für die Globalisierung. Sie bilden ab, wie stark Volkswirtschaften ökonomisch miteinander verflochten sind. Im Jahr 2006 stieg der Zufluss der grenzüberschreitenden Direktinvestitionen um 38 Prozent – auf 1306 Milliarden Dollar. Im Jahr 2007 tätigten allein die Unternehmen der 30 OECD-Mitgliedstaaten grenzüberschreitende Investitionen in Höhe 1820 Milliarden – 50 Prozent mehr als im Vorjahr.

Der Anstieg der weltweit steigenden Direktinvestitionen wurde teilweise von wachsenden Unternehmensgewinnen und dadurch kletternden Aktienkursen getrieben. Sie erhöhen den Wert der Fusionen und Übernahmen, die einen großen Anteil an den globalen Investitionsflüssen haben. In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurden auch viele Entwicklungs- und Schwellenländer zunehmend in die Weltwirtschaft einbezogen. Gleichzeitig öffneten sie sich für internationale Kapitalzuflüsse. Ausländische Direktinvestitionen machen den größten Teil an diesen externen Kapitalströmen aus.

Im Jahr 2006 zogen Entwicklungsländer 380 Milliarden, Schwellenländer 69 Milliarden Dollar aus dem Ausland an – mehr als je zuvor. Zu den attraktivsten Ländern zählten dabei China (69 Milliarden), Hong Kong (43 Milliarden), Singapur (24 Milliarden) und Indien (17 Milliarden). Heiß begehrt bei den Konzernen sind generell Länder mit reichen Rohstoffvorkommen. Durch ihre Beteiligungen bringen multinationale Konzerne auch neue Technologien, Wissen und verbesserten Marktzugang in diese Länder. So werden Direktinvestitionen zu einem Motor der Entwicklung.

Noch dominieren die großen Weltkonzerne der Industriestaaten im Kosmos der ausländischen Direktinvestitionen. Doch durch den Aufstieg einzelner Schwelllen- und Entwicklungsländer ändert sich das Bild. Auf der Liste der 100 größten Unternehmen außerhalb der Finanzbranche tummeln sich immer mehr Firmen aus Entwicklungsländern. Zwischen 2004 und 2005 stieg ihre Zahl von fünf auf sieben. Und zwischen 1992 und 2007 ist die Zahl der transnationalen Unternehmen von 4000 auf 31000 gestiegen – schneller als die der Industriestaaten.

Sagen Sie bei der nächsten Diskussion über Globalisierung, dass man auch an Direktinvestitionen gut ablesen kann, wie sich die Kräfteverhältnisse in der Weltwirtschaft verschieben.

… Mikrokredite

2. Juli 2008 Kommentare aus

Mikrokredite werden als wirkungsvolle Waffe gegen Armut gefeiert. Woher sie kommen, wie sie funktionieren und warum sie auch deutschen Unternehmensgründern und Mittelständlern helfen können.

 

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Unter Mikrokrediten versteht man in der Entwicklungspolitik Kleinstkredite von einem bis zu 1000 Euro. Spezialisierte Finanzdienstleister und nichtstaatliche Organisationen vergeben sie üblicherweise an Kleingewerbetreibende in der Dritten Welt. Weltweit wird die Zahl der Mikrofinanz-Institute auf über 70.000 geschätzt.

Mangels finanzieller Sicherheiten haben Arme in Entwicklungsländern meist keine Chance auf die klassischen Bankkredite. Sie geraten daher oft in die Abhängigkeit von örtlichen Kredithaien und können sich nicht aus der Armut befreien. Mikrokredite sollen diesen Teufelskreis durchbrechen. Denn oft reichen schon kleine Beträge, um den Weg in eine selbstständige Existenz zu ebnen oder sichern.

Das Erfolgsrezept der Minikredite: Sie werden überwiegend an Gruppen vergeben. Fällt ein Kredit aus, werden keine weiteren mehr gewährt. Das erhöht den Druck, das Geld zurückzuzahlen. Außerdem sind die Kredite an eine Geschäftsidee gekoppelt und mit einer Laufzeit von 6-36 Monaten recht kurz. Viele Mikrofinanzinstitute erzielen Rückzahlungsquoten von 95 bis 100 Prozent.

Die Geldmittel stammen aus Spareinlagen der lokalen Bevölkerung oder von internationalen Kapitalgebern. Inzwischen können auch Privatpersonen Mikrokredite an einen selbst ausgesuchten Kreditnehmer in einem Entwicklungsland gewähren – über das Internet.

Mikrokredite haben eine langen Geschichte. Den ersten erfand Friedrich Wilhelm Raiffeisen. 1862 gründete der damalige Bürgermeister einer Gemeinde im Westerwald eine Darlehenskasse. Mit kleinen Krediten wollte er die Wirtschaft ankurbeln. Seine Philosophie: Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Nachhaltigkeit, keine Almosen.

Muhammad Yunus verfolgt die gleichen Prinzipien. Der Ökonomie-Professor aus Bangladesch hat die Mikrokredite weltweit bekannt gemacht. 1976 hatte er in einem Dorf nahe seiner Heimatstadt Chittagong einige Dutzend Arbeitslose gefragt, wie viel Startkapital sie für den Aufbau einer Existenz benötigten. Fast niemand brauchte mehr als einen Dollar. Yunus lieh daraufhin 42 Familien insgesamt 27 Dollar. 1983 gründete Yunus die Graheem-Bank, die auf die Vergabe von Mikrokrediten spezialisiert ist. Im Jahr 2006 erhielten Yunus und seine Bank den Friedensnobelpreis.

Seit den 1990er Jahren ist die Idee der Mikrokredite nach Europa zurückgekehrt. Viele Existenzgründer wollten den Weg aus der Arbeitslosigkeit schaffen, doch fehlte ihnen das nötige Startkapital. In vielen europäischen Länder entstanden die ersten Mikrokreditinstitute.

Der Leitgedanke der Minikredite hat sich auch nach Deutschland übertragen. Nach der Definition der EU sind Mikrofinanzierungen gewerbliche Finanzierungen mit einem Volumen von bis zu 25.000 Euro. Insgesamt haben nach Angaben der staatlichen Förderbank KfW im Jahr 2006 rund 61.000 Gründer und mittelständische Unternehmen einen Mikrokredit aufgenommen. Dies entspricht einem Gesamtvolumen von 5,28 Mrd. Euro.

Die Zahl der Mittelständler, die eine Mikrofinanzierung in Anspruch genommen haben, ist im Zeitraum von 2003 bis 2006 um 155.000 auf zuletzt 407.000 gewachsen. Von den rund eine Millionen Unternehmensgründern hat nahezu jeder vierte seine Firma mit Hilfe eines Mikrokredits gegründet. Die Mehrheit brauchte dafür weniger als 10.000 Euro, die meisten sogar maximal 3.000 Euro.

Sagen Sie bei Gesprächen über Mikrokredite, dass sie nicht nur Armen in Entwicklungsländern, sondern auch deutschen Mittelständlern einen möglichen Ausweg aus schwierigen finanziellen Situationen bieten können.
 

… Steuerautonomie

26. Juni 2008 Kommentare aus

Der deutsche Föderalismus muss reformiert werden, sagen Experten. Den Bürgern ist es ziemlich egal. Viel hängt dabei von der Steuerautonomie der Bundesländer ab.

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Deutschland ist ein Bundesstaat, so steht's auch im Grundgesetz. Das heißt, es gibt Bundesländer, die eigene Aufgaben haben und darüber teilweise auch selbstständig bestimmen können. 
 
Allerdings ist es mit der Selbstständigkeit nicht weit her.  Das sieht man an der Finanzautonomie. Vollständige Finanzautonomie würde heißen, eine Regierung kann über 100 Prozent seiner Einnahmen selbst bestimmen, also über Art und Höhe der Steuern. Das kann in der EU nicht einmal eine nationale Regierung.
 
Im Bundesstaat Deutschland haben aber die Bundesländer besonders wenig Finanzautonomie. Nach OECD-Berechnungen können sie zusammen mit den Kommunen gerade einmal über vier Prozent der gesamten deutschen Steuereinnahmen  bestimmen. Zum Vergleich: Die Schweizer Kantone und Kanadas Provinzen verfügen über rund die Hälfte des jeweiligen nationalen Steueraufkommens.
 
Wenn Sie Ökonomen über den deutschen Föderalismus reden hören, dann sagen Sie ihnen: Wenn es um Geld geht, ist Deutschland gar kein föderalistischer Staat. 
 

… Produktivität

11. Juni 2008 Kommentare aus

Oft heißt es, ein bestimmtes Land oder Unternehmen habe seine Produktivität gesteigert. Wie man sie misst, was sie aussagt und welche Nationen dabei besonders stark abschneiden.

 

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Produktivität ist eine Kennzahl für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. In der Ökonomie bezeichnet sie das Verhältnis zwischen hergestellten Gütern und den dafür eingesetzten Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Höhe und Wachstum der Produktivität fließen als Schlüsselgrößen in viele nationale und internationale Vergleichsstudien ein.

Je nach Zweck und Datenlage stehen verschiedene Wege zur Auswahl, um Produktivität zu messen. Zu den meist genutzten Maßen zählt die sogenannte Stundenproduktivität. Sie gibt an, wieviel ein Erwerbstätiger im Schnitt pro Arbeitsstunde zum preisbereinigten Bruttoinlandsprodukt beisteuert. Daneben wird die Arbeitsproduktivität oft auch als Pro-Kopf-Produktivität gemessen, also als preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigen.

Insgesamt gilt die Stundenproduktivität als aussagekräftiger, weil flexible Arbeitsverhältnisse wie Teilzeit-, Mini- oder Ein-Euro-Jobs zunehmen. Für den Produktionsfaktor Kapital lässt sich ebenfalls berechnen, wieviel er zur Wirtschaftsleistung beiträgt. Nach OECD-Angaben machte der Kapitaleinsatz zwischen 1985 und 2006 rund ein Drittel des Wirtschaftswachstums aus.

Das Wachstum kann jedoch nicht allein durch den Einsatz von Arbeit und Kapital erklärt werden. Es bleibt ein Rest. Diesen Teil der Wachstumsrate nennt man totale Faktorproduktivität. Sie wird auch als Maß für den technischen Fortschritt verstanden, der das Wachstum unabhängig von den Produktionsfaktoren antreibt.

Im internationalen Vergleich gehört Deutschland zu den hoch produktiven Nationen, ohne jedoch einen Spitzenposition zu erklimmen. Nach OECD-Schätzungen erwirtschaftete ein Erwerbstätiger im Jahr 2006 hierzulande 47 Dollar pro Arbeitsstunde. Den ersten Platz belegte Luxemburg (72,2 Dollar), dicht gefolgt von Norwegen (71 Dollar). Auf die Ränge drei und vier schafften es Belgien (52,6 Dollar) und Irland (51,6 Dollar). Im Schnitt brachten es die Länder der Euro-Zone auf 43,3 Dollar pro Erwerbstätigenstunde.

Auch das Wachstum der Arbeitsproduktivität unterscheidet sich in den 30 OECD-Ländern deutlich. Während Ungarn, die Slowakische Republik und Korea Zuwächse von bis zu fünf Prozent erreichten, konnten Italien und Mexiko nur um weniger als 0,5 Prozent zulegen.

Insgesamt gilt: Wer wirtschaftliche Situationen richtig beurteilen und vergleichen will, muss neben der Produktivität auch die Lohnkosten berücksichtigen. Denn eine vergleichsweise niedrige Produktivität kann sich beispielsweise bei sehr niedrigen Stundenlöhnen stärker rentieren als eine hohe Produktivität gepaart mit noch höheren Löhnen. 

Wenn Sie jemanden über Produktivität reden hören, haken Sie nach: Welche ist überhaupt gemeint?

… den Realzins

4. Juni 2008 Kommentare aus

Der Realzins ist negativ – nicht nur als Ausreißer, sondern offenbar dauerhaft und in den großen Wirtschaftsnationen der Welt, wie den USA und China.

 
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Negativ kann der Realzins gar nicht werden, hieß es an der Universität. In manchen Modellen ist der Realzins die Rentabilität der Maschinen, und die würde man in so einem Fall ja abstellen. Kann also nicht sein.
 
Oder der Realzins ergibt sich aus der Vorliebe für heutigen Genuss gegenüber künftigem – ein wichtiger Glaubenssatz der Ökonomie. Wäre er negativ, wollten die Menschen lieber morgen als heute konsumieren, was auch nicht sein kann.
 
Es scheint doch zu gehen. Derzeit liegen in vielen Ländern der Welt die Leitzinsen niedriger als die Inflationsrate, vor allem in den USA: Leitzins bei zwei, Inflation fast bei vier Prozent. In fast einem Dutzend Ländern Asiens liegt die Inflation inzwischen ebenfalls höher als der Leitzins. Das gleiche gilt für fast die Hälfte der Länder der Euro-Zone.
 
Der Realzins ist also der Zinssatz, der dem Gläubiger nach Abzug des Kaufkraftverlustes des Geldes bleibt. Ist etwa der Sparzins niedriger als die Inflation, lohnt sich das Sparen eigentlich nicht: Man hat am Ende weniger als vorher. Dennoch kann es sinnvoll sein, weil ja auch reale Gegenstände meist an Wert verlieren. 
 
Streng genommen sollte man für den aktuellen Realzins vom aktuellen nominalen Zins die künftige Inflationsrate abziehen, also die Inflationserwartungen. Diese kann man natürlich nur schätzen.
 
Außerdem spielt bei längerfristiger Betrachtung die Berechnung der Inflationsrate eine wichtige Rolle. Viele Fachleute vermuten, dass die offizielle Rate zu niedrig liegt, weil Qualitätsverbesserungen von Gütern allzu großzügig veranschlagt werden. Das hieße, dass der Realzins in Wirklichkeit noch niedriger ist als aus den offiziellen Zahlen hervorgeht.
 
Wenn Sie wieder einmal mit Ökonomen über den Realzins reden, dann fragen Sie doch mal, wie lange der Realzins eigentlich negativ bleiben kann.
 

.. den Internationalen Währungsfonds

28. Mai 2008 Kommentare aus

Ob Schuldenerlass, Nahrungsmittelpreise oder Finanzkrise: Bei wichtigen Wirtschaftsfragen hat auch der Internationale Währungsfonds viel zu sagen und entscheiden.

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Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist eine der mächtigsten Finanzinstitutionen der Welt mit Sitz in der US-Hauptstadt Washington DC. Die Sonderorganisation der Vereinten Nationen wurde am 22. Juli 1944 zusammen mit der Weltbank gegründet. An diesem Tag beschlossen 44 Staaten auf der Konferenz von Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire, ein möglichst stabiles Währungssystem zu errichten. Damals tobte noch der Zweite Weltkrieg, doch am Verhandlungstisch einte die Staatenlenker ein gemeinsames Ziel: den Welthandel nach den Wirren der Weltwirtschaftskrise durch feste Wechselkurse zu stabilisieren und von Handelsbarrieren zu befreien.  

Ursprünglich begrenzte der IWF die Schwankungen der Wechselkurse, indem der Dollar an Gold gekoppelt wurde. In den 1970er Jahren wurden die festen Wechselkurse jedoch abgeschafft. Preisverhältnisse von Währungen regeln sich seitdem weitgehend frei über Devisenmärkte. Zeiten ändern sich. Seine wichtigste Rolle sieht der Währungsfonds deshalb heute darin, die Wirtschaft in Entwicklungsländern zu unterstützen: Er entwickelt Wirtschaftskonzepte und vergibt Kredite, allerdings unter oft strengen Reformauflagen für die Nehmerländer. Der IWF fördert außerdem die internationale Zusammenarbeit in der Währungspolitik, überwacht die Geldpolitik, will den Welthandel ausdehnen und Handelsbeschränkungen beseitigen. 

Um diese Ziele zu erreichen, beschäftigt der IWF etwa 2700 Mitarbeiter aus 165 Staaten, vorwiegend Volkswirte, Statistiker, Forscher sowie Wirtschafts- und Finanzexperten. Geleitet wird der IWF von einem geschäftsführenden Direktor. Nach einer informellen Vereinbarung zwischen den USA und einigen westeuropäischen Ländern ist der Direktor des IWF immer ein Europäer, während die einflussreiche Position des ersten stellvertretenden Direktors von einem US-Amerikaner besetzt wird. 

Zu den in Deutschland bekanntesten IWF-Bossen zählt Horst Köhler. Im Jahre 2000 hatte es mit ihm erstmals ein Deutscher an die Spitze des Währungsfonds geschafft. Als Köhler 2004 zurücktrat, um Bundespräsident zu werden, nahm der ehemalige spanische Wirtschaftsminister Rodrigo de Rato den Chefsessel ein. Im Oktober 2007 legte de Rato aus privaten Gründen sein Amt vorzeitig nieder. Seitdem leitet der frühere französische Finanzminister Dominique Strauss-Kahn die internationale Großbehörde. 

Zurzeit hat der IWF 185 Mitgliedsländer. Wer beitreten will, zahlt eine gewisse Geldsumme als eine Art Einlage, die sogenannte Quote. Quoten sind zum einen Geldreserven, auf die der Fonds zurückgreifen kann, um Kredite zu gewähren. Je mehr ein Mitgliedsland einzahlt, desto mehr kann es sich borgen oder durch die sogenannten Sonderziehungsrechte als Gutschrift erhalten. Außerdem entscheiden Quoten über die Stimmrechte der Länder. Prinzipiell gilt: Je reicher das Land, desto höher die Quote. Zu den mächtigsten Mitgliedsstaaten zählen daher die USA, Japan, Deutschland, Frankreich und Großbritannien.  

Seit Gründung des IWF haben die Industrieländer des Westens eine klare Mehrheit der Stimmrechte. Kleine westeuropäische Länder wie Belgien oder die Niederlande haben dadurch bisher mehr Gewicht als etwa die boomende asiatische Regionalmacht Indien.Inzwischen hat die Finanzinstitution auf die Verschiebung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse reagiert. Im April 2008 verabschiedete der IWF eine Reform, die Schwellen- und Entwicklungsländern etwas mehr Einfluss einräumt. Bereits im September 2006 waren die Quoten einzelner aufstrebender Wirtschaftsnationen wie China oder Mexiko erhöht worden. 

Wenn Sie demnächst Volkswirte über den IWF diskutieren hören, sagen Sie, dass sich auch große und alte Institutionen an tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandel anpassen.

… Ifo-Jobbarometer

27. Mai 2008 Kommentare aus

Seit Oktober 2006 berechnet das Ifo-Institut monatlich exklusiv für die FTD, wie sich die Personalpläne der deutschen Unternehmen entwickelt – ein Frühindikator für die Entwicklung am Arbeitsmarkt, den es in Deutschland so bis dahin nicht gab. Jetzt haben die Ifo-Experten selbst gecheckt, wie gut das Barometer funktioniert. Hier ist – ausnahmsweise in unserer Expertenrubrik – die kurze Studie: IfoJobbarometer.pdf.

 

Kurzer praktischer Hinweis: der jeweils neue Monatswert des Ifo-Barometers erscheint in FTD und WirtschaftsWunder jeweils kurz vor der Veröffentlichung des Arbeitsmarktberichts der Bundesagentur für Arbeit, also gegen Monatsende. Anders als der BA-Bericht, der Bilanz des abgelaufenen Monats zieht, enthält der Ifo-Index auf Basis der Unternehmensumfragen auch Indizien für die Entwicklung der nächsten Monate.

… flexicurity

21. Mai 2008 Kommentare aus

Arbeitsmarktexperten bekommen feuchte Augen, wenn von flexicurity die Rede ist. Flexibilität und Sicherheit zu kombinieren – das klingt verlockend. Inzwischen ist das Konzept mehr oder weniger offizielles Programm der Europäischen Union. Und es gibt Länder, die das Konzept bereits verwirklicht haben.

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Dabei klingt es ein bisschen nach der eierlegenden Wollmilchsau. Sollte es möglich sein, auf dem Arbeitsmarkt Flexibilität (flexibility) und Sicherheit (security) zu kombinieren? Handelt es sich doch dabei um offensichtlich unvereinbare Gegensätze. Das scheint nicht ganz zu stimmen.

Die Idee von Flexicurity ist es, Flexibilität mit Sicherheit zu verbinden, weil sie sich gegenseitig begünstigen. Flexibilität heißt in diesem Fall, dass es für Arbeitgeber einfach ist, Beschäftigte zu entlassen, und für Beschäftigte einfach, den Job (innerhalb des Unternehmens und in ein anderes) zu wechseln, sowie die Arbeitszeit auszuweiten oder zu reduzieren. Sicherheit heißt in diesem Fall, dass Beschäftigte nicht befürchten müssen, dass sie plötzlich Einkommen und Status verlieren können, wie das etwa in den USA in der Regel der Fall ist.

Arbeitsmarktexperten verweisen auf das Beispiel Dänemark. Hier herrscht ein hohes Maß an Flexibilität derart, dass es keinen wirklichen Kündigungschutz gibt. Statt dessen bekommen Entlassene eine hohe Arbeitslosenunterstützung und zudem viele Möglichkeiten der Fortbildung. Diese drei Elemente machen den Kern der Idee der flexicurity aus: kein Kündigungsschutz, hohe passive Arbeitsmarktausgaben und eine aktive Arbeitsmarktpolitik samt lebenslangem Lernen. 

Die Folge ist, dass die Dänen laut Umfragen ein komfortables Gefühl der Beschäftigungssicherheit empfinden – ohne Kündigungsschutz. Statt Arbeitsplatzsicherheit gibt es Beschäftigungssicherheit, weil die Chancen, nach einer Entlassung einen neuen Job zu finden, sehr hoch sind und die Zeit der Überbrückung nicht besonders weh tut. Die Arbeitslosenquote lag in Dänemark im Februar 2008 bei 3,1 Prozent.

„Erfunden“ wurde die Kombination von Flexibilität und Sicherheit Mitte der 90er Jahre in den Niederlanden, die damit ähnliche Erfolge erzielt haben wie die Dänen: ein hohes Beschäftigungswachstum und hohe wirtschaftlicher Dynamik. Hier war es vor allem die Teilzeitarbeit, die den Arbeitsmarkt flexibler machen sollte, indem ein schrittweiser Ein- und Austritt in den Arbeitsmarkt möglich werden sollte.

Wenn Sie in Zukunft das Wort flexicurity hören, können Sie immer gut einwerfen: In Dänemark mag das ja ganz gut funktionieren, aber ist das auch übertragbar?

… Stagflation

8. Mai 2008 Kommentare aus

In vielen Industrieländern steigen die Preise deutlich, während gleichzeitig die Konjunktur an Kraft verliert. Manche Experten warnen daher vor Stagflation, also vor wachsender Inflation bei wirtschaftlichem Stillstand. Für Notenbanker und Regierungen ein fataler Mix.

 

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Das Tückische: Senken Notenbanken die Zinsen oder erhöhen Regierungen ihre Staatsausgaben, kann das normalerweise die Konjunktur wieder ankurbeln. Doch bei Stagflation galoppieren dadurch die Preise davon. Werden hingegen Geld und Staatsnachfrage verknappt, bricht die Konjunktur weiter ein. Ein Dilemma.

Den Kunstbegriff aus „Stagnation“ und „Inflation“ prägte bereits 1965 der britischen Finanzminister Iain Macleod. Erstmals beobachtet wurde das Phänomen während der Ölkrise Anfang der 70er Jahre. Wegen politischer Spannungen in Nahen Osten drosselte die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) die Förderung des schwarzen Goldes. Der Ölpreis jagte in die Höhe, was die Kosten in den westlichen Industrieländern empor schnellen ließ.

Bei solchen Preisschocks müssen Unternehmen die höheren Produktionskosten auf den Preis ihrer Waren aufschlagen. Sie können dann aber nur weniger verkaufen, stellen daher weniger Produkte her und entlassen Mitarbeiter. Als Ausgleich für die hohen Inflationsraten von bis zu knapp sieben Prozent setzten die Gewerkschaften deutliche Tariferhöhungen durch. In den Jahren 1973 und 1974 wuchsen die Löhne im Schnitt um jeweils mehr als 12 Prozent. Mit diesem Anstieg konnte der Produktivitätsfortschritt nicht mithalten. Das Wirtschaftswachstum fiel auf unter ein Prozent.

Auch heute scheint die Situation alarmierend: 2007 stiegen die Verbraucherpreise in den USA um 4,1 Prozent und damit so stark wie seit 17 Jahren nicht mehr. Im ersten Quartal 2008 und im Vorquartal wuchs die US-Wirtschaft dagegen aufs Jahr hochgerechnet nur um 0,6 Prozent. Auch in der Euro-Zone treiben hohe Rohstoffpreise die Lebenshaltungskosten in die Höhe, während sich die Konjunktur abschwächt. Im März erreichte die Inflationsrate mit 3,6 Prozent ein Rekordniveau seit Einführung der Gemeinschaftswährung. Das Bruttoinlandsprodukt legte im vierten Quartal 2007 um 0,4 Prozent und damit nur halb so schnell zu wie im Quartal davor.

Doch Experten warnen vor Panikmache. Denn diesmal sind die Preissteigerungen bei Öl auf die anziehende Nachfrage auf dem Weltmarkt, nicht auf politische Maßnahmen zurückzuführen. Außerdem liegen die Inflationsraten weit unter denen der siebziger Jahre. So ist allenfalls von „Stagflatiönchen“ oder „Stagflation light“ die Rede.

Sagen Sie bei der nächsten Diskussion über die derzeitigen Wirtschaftsturbulenzen, dass steigende Preise und schwächelnde Konjunktur nicht gleich Stagflation bedeuten muss.

Abkoppelung

1. Mai 2008 Kommentare aus

Optimisten setzen derzeit vor allem auf den Begriff Abkoppelung. Wenn die USA in die Rezession rauschen, hieße das noch nicht, dass andere Länder nachfolgen. Ist da etwas dran?

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Immer wieder gerne gebraucht: Wenn Ökonomen von Ansteckungsgefahren reden, dann hat ein Land einen Schnupfen und ein anders bekommt dann eine Lungenenzündung. Seit Jahrzehnten ist  die Weltwirtschaft von den USA abhängig wie von keinem anderen Land: von ihren Zinsen, von ihrer Produktivität, von ihrer Nachfrage.

All zu oft wiederholte sich das gleiche Spiel: Fiel die Nachfrage in den USA aus, kam der Konjunkturzyklus dort zu einem Ende, bekamen das die Exporteure in Europa und Asien zu spüren.

Dieses Mal soll es anders sein, erklären die Optimisten. Vor allem hätten sich die Volkswirtschaften Asiens so weit emanzipiert, dass ihnen nicht mehr viel passieren könne. Ihre Inlandsnachfrage sei inzwischen robust genug, um Rückgänge beim Export auszugleichen. Davon könnten dann auch wiederum deutsche Exporteure profitieren, die nicht mehr so sehr an den USA hängen, sondern sich nach Osten orientiert haben. Daran könnte etwas dran sein, allerdings erinnert die These doch all zu sehr an das „Diesmal ist alles anders“, das schon so oft in die Irre geführt hat.

Der britische Ökonom Paul Ormerod hat gezeigt, dass sich die Konjunkturzyklen in den großen Volkswirtschaften erst 1973 bis 2006 einigermaßen synchron verhalten. Da sich der Anteil des Welthandels an der weltweiten Wirtschaftsleistung immer noch weiter erhöht, kann man vermuten, dass die Zyklen in Zukunft eher noch stärker synchron gehen werden.

Abkopplung kann aber auch noch ganz andere Dinge meinen. So können sich Börsenkurse von der Realwirtschaft abkoppeln, oder auch der Energieverbrauch vom Wirtschaftswachstum. Auch diese Thesen sind jedoch umstritten. Wie bei vielen anderen Trends auch, kommt es eben auf den betrachteten Zeitraum an.

Wenn Sie einmal Volkswirte über Abkoppelungreden hören, dann fragen Sie lieber nach: was soll sich denn wovon abkoppeln?

… Staatsverschuldung

17. April 2008 Kommentare aus

Wer mehr Geld ausgibt als einnimmt, macht Schulden. Beim Staat ist das nicht anders. Doch woher bekommt er überhaupt das Kapital und wie revanchiert er sich dafür?

 

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Staatsverschuldung bezeichnet die angehäuften oder jährlich neu entstehenden Verbindlichkeiten eines Staates. Neuverschuldung heißt, dass in einem Haushaltsjahr neue Schulden aufgenommen werden.

Wichtig ist zu unterscheiden, ob sich der Staat aus konjunkturellen oder strukturellen Gründen verschuldet. Ein konjunkturelles Defizit ist auf geringere Steuereinnahmen und höhere Sozialausgaben während einer Wirtschaftsflaute zurückzuführen. Ein strukturelles Defizit hingegen zeigt das Ausmaß einer dauerhaften Überlastung des Haushalts mit nicht finanzierten Aufgaben an.

Mit rund 1495 Milliarden Euro steht derzeit der deutsche Staat in der Kreide. Und in jeder Sekunde kommen 474 Euro hinzu, wie der Bund der Steuerzahler errechnet hat. Der durchschnittliche Bundesbürger steckt daher mit über 18.000 Euro in den roten Zahlen.

Der größte Batzen der Staatsschulden entfällt mit 62 Prozent auf den Bund. Danach folgen die Länder mit 33 und die Gemeinden mit 5 Prozent. Im Jahr 2006 belief sich der Gesamtschuldenstand der öffentlichen Haushalte mit 1481 Milliarden Euro auf fast 68 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das sind also mehr als zwei Drittel der jährlichen Wirtschaftsleistung.

Generell verteilt sich die Verschuldung eines Staates auf inländische und ausländische Gläubiger. Bei inländischen Gläubigern ist Deutschland zu etwa 60 Prozent verschuldet, bei ausländischen zu 40 Prozent. Zwei Drittel der inländischen Schulden werden von heimischen Kreditinstituten bereitgestellt, der Rest stammt von Versicherungen, Unternehmen und Privatpersonen.

Wer sich Geld leiht, muss Zinsen zahlen. Momentan gibt der deutsche Staat daher etwa jeden siebten Steuer-Euro für Zinsen aus. Für das Jahr 2008 entspricht das Zahlungen von über 68 Milliarden Euro. In der Geschichte der Bundesrepublik hat der Bund seit 1962 mit Ausnahme von 1989 jedes Jahr neue Schulden aufgenommen. Lediglich zwischen 1950 und 1961 war es in acht Jahren möglich, die Bundesschuld zu tilgen.

Die Gesamtverschuldung der öffentlichen Haushalte ist daher kontinuierlich gewachsen. Waren es Ende des Jahres 1950 noch 10 Milliarden Euro, hatte sie sich 25 Jahre später verzwölffacht. Insbesondere im Zuge der deutschen Einheit verdoppelte sich der Schuldenstand zwischen 1990 und 1995 beinahe – auf über 1000 Milliarden Euro.

Dem Gesetzgeber zufolge soll sich der Staat allerdings nicht unkontrolliert verschulden können. In Artikel 115 (1) des Grundgesetzes steht, dass die Krediteinnnahmen nicht größer sein dürfen als die im Haushaltsplan veranschlagten Investitionen. Ausnahmen sind möglich, um eine „Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts“ abzuwehren. Diese Störung kann die Bundesregierung selbst feststellen. Außerdem besteht bei der Kreditaufnahme ein Parlamentsvorbehalt.

Weltweit am höchsten sind übrigens die USA verschuldet. Seit George W. Bushs Amtsantritt vor über sieben Jahren ist die Gesamtverschuldung der Vereinigten Staaten um 65 Prozent auf fast 9500 Milliarden Dollar angeschwollen. An einem einzigen Tag unter Bushs Führung türmen sich damit im Schnitt fast 1,4 Milliarden Dollar neue Schulden auf. Setzt sich das Tempo fort, ist in etwa einem Jahr die 10-Billionen-Marke durchbrochen. Die Schuldenuhr am Times Square in New York würde das überfordern: Ihr fehlt eine Ziffer, um eine solche Summe anzuzeigen.

Sagen Sie bei der nächsten Diskussion über die Schulden des Staates doch einfach, dass auch hier der Satz gilt: Im Leben gibt es wenig umsonst – besonders Geld nicht.

Vertrauen

10. April 2008 Kommentare aus

Die Bevölkerung hat das Vertrauen in die Politiker verloren. Die Banken vertrauen sich untereinander nicht mehr. Auch die Anleger haben offenbar Vertrauen verloren. Vertrauen ist auch in einer Welt voll gesichertem Wissen plötzlich wieder Mangelware geworden – gerade dann, wenn es am Nötigsten wäre.


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Vertrauen ist nötig, wenn nicht alles bekannt ist. Wer vertraut, akzeptiert die Unsicherheit und geht dennoch vom Positiven aus. Es ist zwar eine Fiktion, aber nur so sind Menschen handlungsfähig, denn die Zukunft ist unsicher. Die Marktwirtschaft ist zwar ein offensichtlich guter Mechanismus, um mit Unsicherheit umzugehen. Gewisse Dinge müssen aber klar sein und fest liegen: Regeln, wie man Schulden eintreibt, etwa. Wer weiß, dass er sein Geld auch von einem Fremden wieder bekommt, kann das nötige Vertrauen mitbringen, das die Wirtschaft braucht. 

Ein Grund für die aktuelle Bankenkrise ist, dass die Banken sich offenbar nicht mehr richtig vertrauen. Die Unsicherheit über den Abschreibungsbedarf ist hoch – da ist man vorsichtig damit, Geld zu verleihen, zumal man selber bald vielleicht viel Geld braucht, weil die anderen Banken wiederum einem selbst nicht ganz vertrauen. Hier zeigt sich, wie wichtig das Vertrauen ist, es ist ein Schmiermittel der Wirtschaft. Wie entsteht es überhaupt? Vor allem durch langjährige gute Erfahrungen, durch Routine und durch Interessenabwägung: Man vertraut jemandem eher, wenn man weiß, dass er ein Interesse hat, einen nicht zu betrügen.  

Wie kehrt das verlorene Vertrauen zurück? Staatlich verordnet werden kann es nicht, aber der Staat oder andere große Organisationen können helfen. Wenn Finanzminister und Notenbankchefs Handlungsbereitschaft signalisieren, kann das Vertrauen schaffen – über die Substanz der Regeln hinaus. Ähnlich ist es, wenn der Vorsitzende des Weltbankenverbandes, Josef Ackermann, Reaktionen auf die Krise ankündigt: eine Taskforce etwa, und mehr Transparenz. Schon bevor diese Änderungen wirksam wirken, wirkt das Symbol – das in der Krise deshalb oft wichtiger ist, als die Substanz der Änderungen.  Irgendwann kommt das Vertrauen zurück, aber es kann dauern. Denn die Einzelakteure sind in der Vertrauenskrise oft überfordert, weil jeder nur dann Grund zum Vertrauen hat, wenn er weiß, dass der andere auch vertraut. Dieses Dilemma kann der Staat entschärfen – und sei es durch symbolische Aktionen. 

Dass Transparenz Vertrauen schafft, ist in der Wissenschaft übrigens umstritten. „Transparenz kann ja nie vollständig sein“, sagt Guido Möllering vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. „Die Transparenzregeln definieren erst die Fassade, die ein Unternehmen dann aufbaut. Dann besteht die Gefahr, dass sich das Unternehmen mehr um die sichtbaren Daten kümmert, als um die Substanz.“ Das gelte vor allem dann, wenn man weiß, dass ein Unternehmen zu Transparenz  gezwungen wurde, anstatt aus eigenem Antrieb Verantwortung zu übernehmen. „Vertrauen beginnt dort, wo die Transparenz aufhört“, so Möllering. Denn wer alles weiß, braucht ja nicht zu vertrauen.  

Wenn Sie wieder einmal Ökonomen zum Thema Vertrauenskrise diskutieren hören, und jemand sagt, das ist ja völlig irrational – dann sagen Sie: Das Vertrauen selbst ist ja auch nicht rational. Es beginnt dort, wo die Rationalität aufhört.

… Wechselkurse

26. März 2008 Kommentare aus

Seit Monaten zwingt die Finanzkrise den US-Dollar in die Knie, während der Euro mit atemberaubenden Höhenflügen glänzt. Warum Wechselkurse schwanken und wie sie die Weltwirtschaft beeinflussen.

 
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Die Gemeinschaftswährung scheint derzeit nicht zu bremsen. Erst am 17.März erreichte sie ein neues, bisheriges Rekordhoch: Ein Euro kostete da 1,5908 US-Dollar. Der Wechselkurs ist zunächst der Preis einer Währung ausgedrückt in einer anderen Währung. Doch Kursänderungen sagen viel darüber, wie Marktakteure ganze Volkswirtschaften einschätzen. Die derzeitige Stärke des Euro nämlich ist besonders eine Schwäche des Dollar und damit der US-Konjunktur, die durch die Krise auf dem Immobilienmarkt in Gefahr geraten ist.

Generell schwanken Wechselkurse, wenn sich Angebot und Nachfrage nach den entsprechenden Währungen ändern. Als Marktakteure treten Zentralbanken und internationale Großbanken, Unternehmen und Hedgefonds, aber auch Kleinanleger auf. Sie verkaufen eine Währung, wenn sie Kurs- und damit Wertverluste erwarten, etwa aufgrund einer kränkelnden Konjunktur. Und weniger Nachfrage verbilligt die Währung auf dem Devisenmarkt.

 
Insgesamt ist auch viel Spekulation im Spiel, die sich von realen Warenströmen entkoppeln kann. Sinken außerdem die Leitzinsen, wie zuletzt in den USA, werden Anlagen in der Währung dieses Landes generell unattraktiver. Auch in diesem Fall fällt die Nachfrage, die Währung wertet ab. 

Wechselkursänderungen sind jedoch mehr als ein Spiegel der ökonomischen Lage eines Landes. Sie beeinflussen dessen gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Die aktuelle Dollar-Schwäche könnte der stotternden Konjunktur in den Vereinigten Staaten wieder in einen festen Sattel helfen. Denn eine Abwertung verbilligt amerikanische Güter im Ausland und verbessert dadurch die internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Schon deshalb lohnt sich für Einkaufswütige aus Euro-Ländern zurzeit oftmals ein Shoppingtrip in die USA. Vielen US-Unternehmen kann der schwache Greenback so helfen, mehr Produkte im Ausland zu verkaufen. Ein bedeutsames Gegengewicht für die abflauende Nachfrage im Heimatland. Möglicherweise schafft es die US-Wirtschaft ja auch auf diesem Weg bald aus ihrer Schwächephase heraus.

Doch nicht jeder hat Grund zur Freude. Deutsche Firmen fürchten um ihre Exporte, weil der Euro im Verhältnis zum Dollar so teuer geworden ist. Ein Auto, in Deutschland für 40.000 Euro hergestellt, müsste in den USA für mehr als 60.000 Dollar verkauft werden, um einen ähnlich hohen Gewinn einzufahren. Manchem Unternehmen dürfte der Rekordflug der Gemeinschaftswährung die Bilanz verderben. Da wirkt es wohltuend, dass immerhin die hohen Rohstoffpreise traditionell in Dollar abgerechnet werden.

Sagen Sie bei der nächsten Diskussion über Wechselkurse, dass auch in der Wirtschaft manchmal die Weisheit gilt: Des einen Freud ist des anderen Leid.

… Moral Hazard

19. März 2008 Kommentare aus

Deutsche Bank-Chef Ackermann ruft den Staat in der Bankenkrise zu Hilfe – und die Empörung ist noch größer als die Aufregung. Nun liest man viel von eingebrockten Suppen und im Dreck befindlichen Karren. Trifft aber nicht das Bild der Feuerwehr besser, die ja auch kommt, wenn die Kinder gezündelt haben?

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Wer versucht, den Begriff zu übersetzen, merkt, warum er doch besser englisch verwandt wird. „Sittliche Gefährdung“ lenkt etwas ab von dem, was gemeint ist. Es bezeichnet in der Tat ein moralisches Problem, das entsteht, wenn einem die Kosten eines Risikos abgenommen werden. Beispiel: Eine Vollkasko-Versicherung führt zu leichtsinnigem Fahrverhalten und die Reparaturkosten zahlen dann alle. 

 

Dabei ist nicht die Versicherung per se das Problem, sondern die Verhaltensänderung des Einzelnen durch den Versicherungsschutz gegenüber der Situation ohne Versicherung. Das Problem daran ist, dass die Gemeinschaft Kosten für den Einzelnen übernimmt. Damit sind die Kosten für alle Individuen zusammen höher, als sie ohne Versicherung wären. Leute, die anspruchvolle Formulierungen mögen, sagen dazu: die individuelle Rationalität weicht von der kollektiven ab. Die Lösung heißt im Ökonomenjargon "ineffizient". Das spricht nicht automatisch gegen Versicherungen, aber für spezielle Anreize wie zum Beispiel Selbstbehalte.

 

Derzeit ist der Begriff im Zusammenhang mit Rettungsaktionen von Banken im Gespräch. Wenn die US-Notenbank Fed über die Bank JP Morgan Chase die gescheiterte Investmentbank Bear Stearns rettet, sei das ein „Bail Out“ und erzeuge ein Moral Hazard Problem. In Zukunft würde damit nämlich Bankern signalisiert, man könne Risiken eingehen, denn wenn es schief geht, helfe ja der Staat. Ansatzweise trifft das wohl zu. Andererseits verlieren jetzt viele Leute in der Bank ihre Jobs, Eigentümer verlieren Millionen und Milliarden.

 

Man kann nicht sagen, dass die Verantwortlichen bei Bear Stearns viel zu lachen haben, selbst wenn der Staat, also die Fed, jetzt hilft, weil er den Ausfall von Bear Stearns-Verbindlichkeiten für das größere Übel hält. Ob das Moral-Hazard-Problem im Falle von Bears Stearns wirklich in relevantem Maße existiert, ist daher sehr fraglich. Wenn es stimmt, dass ein Flächenbrand droht, wenn eine Bank abfackelt, dann spricht das trotz  Moral Hazard weniger gegen die Feuerwehr, als dafür, die Bank für den Einsatz zahlen zu lassen. Man sieht: Der Weg zwischen dem problematischen Bail Out und den legitimen und notwendigen Feuerwehraktionen der Notenbanken als „Lender of Last Resort“ ist eine schwierige Gratwanderung.

 

Wenn Sie wieder einmal unter Volkswirten sind, die über Moral Hazard diskutieren, dann sagen Sie: Klar, die Zeche zahlen die anderen, das sei immer schon so gewesen. Aber die Party habe ziemlich vielen ziemlich lange auch viel Spaß gemacht.