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Gefühlte ökonomische Einigkeit

11. September 2014

Wenn Deutschlands Ökonomen sich zu ihrer Jahrestagung treffen, schwingt immer auch so ein ordentliches Stück Wir-Gefühl mit. Dann wird von „uns“ Ökonomen geredet, die von wahlweise „der Politik“ oder „den Medien“ nicht verstanden werden. Dann wirkt die Welt eigentlich einfach, und sie wäre es auch, wenn, ja wenn man nur endlich auf die vereinigten Ökonomen hören würde. Das war diese Woche nicht anders, als sich die Mitglieder des ehrwürdigen Vereins für Socialpolitik in Hamburg zum Klassentreffen anno 2014 versammelten – und auf einem bemerkenswerten Podium hochrangig über die Gründe für sinkende Arbeitslosigkeit, den Mindestlohn und die deshalb bald eigentlich wieder steigen müssende Arbeitslosigkeit debattierten. Mit einem kleinen Haken.

Da saß also gleich ein halbes Dutzend Präsidenten – vom Mannheimer ZEW-Institut, vom Berliner DIW-Institut, vom IAB-Institut bei der Bundesagentur für Arbeit und vom Essener RWI-Institut und vom Hallenser IWH-Institut. Und so rein gefühlt bestand eigentlich auch Einigkeit. Zumindest was den beinahe schon demonstrativ abfälligen Tonfall angeht, wenn’s um den, hüstel, Mindestlohn geht, und die Entgeisterung darüber, wie die Politik nur auf die Idee kommen konnte, so einen Mindestlohn überhaupt einzuführen.

Der Haken? Naja, wenn man mal genauer hinhört, hört man dann doch irgendwie nicht so ganz dassselbe von der vereinigten Weisengilde. Da lässt Markt-Ayatollah Christoph Schmidt, zugleich Chef von RWI und Sachverständigenrat, unzweideutig Untergangsgefühle aufkommen. Botschaft: bei Markteingriffen wie diesen Minddestlöhnen ist mindestens unser Wohlstand gefährdet, wenn nicht, naja, noch mehr oder so. Kann ja nicht anders sein. Worauf ein anderer anmerkt, dass es wohl so sei, dass die Folgen negativ seien, aber nur im Osten. Und IWH-Interimschef Holtemöller wiederum anmerkt, dass die Frage nach den positiven und den negativen Wirkungen ohnehin nicht richtig gestellt sei.

Darauf wiederum trägt IAB-Chef Joachim Möller vorsichtig vor, dass alle möglichen Studien international zeigten, dass der Mindestlohn Folgen hat – allerdings manchmal positive und manchmal negative (im Ökonomendeutsch: positives oder negatives Vorzeichen), vor allem aber durchweg vernachlässigbare. Achso. Worauf Schmidt immerhin einräumt, dass man es eigentlich nicht so genau weiß, da alle Studien aus Erfahrungen von anderen Ländern abzuleiten versuchen, die mit den unsrigen nun nicht so ganz vergleichbar sind. Was Schmidt nicht von dem Schluss abhält, dass es natürlich trotzdem nicht gut ist, einen Mindestlohn einzuführen.

Mal ehrlich. Wenn da jetzt zufällig einer im Publikum gesessen hat, der eben frisch vom Mars gekommen ist, noch nie etwas von links und rechts, von Sozis und Merkel-Sozialdemokratie, von Keynesianern und von Neoklassikern gehört hat – und der einfach nur versucht hat zu verstehen, ob dieser irdische Mindestlohn nun gut oder nicht gut ist – der wird wahrscheinlich die Frage auf der Zunge gehabt haben: Jungs (Mädels saßen auf dem Podium keine), wollt ihr euch nicht einfach erstmal untereinander einig werden? Statt darüber herumzuorakeln, warum wohl die Politik, die Medien und überhaupt alle anderen nicht auf „uns“ hören.

Interessante Notiz zum Schluss noch: nach der heute veröffentlichten Prognose des Kieler Instituts für Weltwirtschaft – sozusagen inhärent allergisch gegen Mindestlöhne und so was – wird die Arbeitslosigkeit in Deutschland 2015 „trotz Mindestlohn weiter fallen“. Na, sowas.

PS: nur zur Sicherheit – das zitierte Podium gehörte zu den auffälligsten und am meisten diskutierten der diesjährigen Jahrestagung. Auf der Tagung gab es darüber hinaus aber auch etliche Veranstaltungen, in denen es um eine Menge Einzelfragen der Ökonomie ging, und sei es die Financial Fairplay Regel im europäischen Topfußball (was in der Tat eine spannende Veranstaltung gab).

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