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Fabian Fritzsche: Chinakrise setzt sich fort

7. September 2015

Nachdem ich noch vor zwei Monaten an dieser Stelle beklagt habe, dass angesichts der Dominanz Griechenlands in den Krisenmeldungen die möglicherweise viel größere Baustelle China unbeachtet bleibt, hat sich dies mittlerweile gründlich geändert. Mehr Meldungen bedeuten aber nicht mehr Klarheit. So sind etwa die veröffentlichen Zahlen nicht eindeutig; das BIP-Wachstum entsprach in den beiden ersten Quartalen genau der Regierungsvorgabe von 7% und eine plötzliche Abschwächung von einem solch hohen Niveau in die Rezession erscheint zumindest unwahrscheinlich.

Die Einkaufsmanagerindizes als Frühindikatoren für die Industrieproduktion liegen allerdings unter der Expansionsschwelle von 50 und die Importe sind regelrecht eingebrochen. Zu der eher unklaren Datenlage treten dann auch noch Missverständnisse hinsichtlich der hohen Devisenreserven Chinas. Wie David Milleker hier im Blog völlig korrekt dargelegt hat, können Devisenreserven nicht abgebaut werden, um die dann freien Mittel zur Konjunkturbelebung zu nutzen.

Die Devisenreserven erlauben allerdings möglicherweise einen genaueren Einblick in den Zustand der chinesischen Wirtschaft als die offiziellen Wirtschaftsdaten. Zwar ist die genaue Zusammensetzung der chinesischen Währungsreserven unbekannt, die Gesamthöhe wird aber monatlich ermittelt und dürfte recht genau stimmen und vor allem kann das von China gehaltene Volumen an US-Staatsanleihen sehr genau abgeschätzt werden. Denn die USA geben bekannt, in welchem Land welches Volumen gehalten wird. Bei den direkt von China gekauften US-Staatsanleihen kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass diese auch China zugerechnet werden können und dazu kommt noch ein zwar nicht exakt bekanntes, aber doch abschätzbares Volumen, welches China vermutlich über andere Länder, vornehmlich Belgien, kauft (die hohen Bestände von Ländern wie Luxemburg, der Schweiz oder den Cayman Islands dürfte eher auf westliche „Steuervermeider“ zurückgehen). Nach Schätzungen etwa der Societe Generale und verschiedenen Medienberichten hat China zuletzt US-Staatsanleihen im dreistelligen Milliardenbereich verkauft. Noch ist dies in den Zahlen nicht zu sehen, am 16. September werden die Zahlen für Juli, einen Monat später die für August veröffentlicht. Nach Schätzungen von Bloomberg sind die gesamten chinesischen Währungsreserven in den vergangenen 12 Monaten um über 400 Mrd. USD gesunken. Allerdings kann dies auch auf Wert- und Wechselkursänderungen einzelner Bestandteile zurückzuführen sein.

Sollten sich die Meldungen jedoch bestätigen, wäre das ein sehr besorgniserregendes Zeichen. Anders als viele Kommentatoren dies sehen, wäre ein solcher Abbau von Reserven weder eine Maßnahme zur Konjunkturstützung noch eine  Drohung gegenüber den USA. In beiden Fällen ist das Gegenteil richtig. Der Yuan hat im August gegenüber dem USD abgewertet. Dieser Schritt der chinesischen Zentralbank wurde bereits zu dem Zeitpunkt als negatives Zeichen interpretiert, da die Notenbank offenbar mit einer schwächeren Währung die Konjunktur stützen möchte. Im Zusammenhang mit dem recht massiven Abbau von US-Staatsanleihen (sofern sich die Meldungen als richtig herausstellen) ergibt sich aber noch ein ganz anderes Bild. Die Abwertung war dann kein bewusst geplanter Schritt zur Konjunkturbelebung, vielmehr hat die Notenbank den Marktdruck teilweise nachgegeben und durch die Verkäufe eine stärkere Abwertung lediglich verhindert. Die Verkäufe sind somit absolut im Interesse der USA, die eine weitere Aufwertung des USD fürchten müssen. Vor allem aber zeigt die Yuan-Abwertung bei gleichzeitigem Abbau von Währungsreserven, dass  China derzeit offenbar von erheblichen Kapitalabflüssen betroffen ist. Diesem Problem sahen sich die asiatischen „Tigerstaaten“ bereits in der Asienkrise Ende der 1990er Jahre konfrontiert und die Lehre aus der damaligen Krise war es, hohe Währungsreserven aufzubauen, um für plötzliche Kapitalabflüsse gewappnet zu sein.

Die chinesischen Reserven dürften in der Tat groß genug sein, um auch erhebliche Abflüsse zu verkraften, zumal Kapitalbewegungen aus China heraus ohnehin nicht so einfach sind wie aus den damaligen „Tigerstaaten“. Ein Verkauf von US-Staatsanleihen aus den chinesischen Reserven im dreistelligen Milliardenbereich innerhalb nur eines Monats ist indes ein starkes Indiz dafür, dass China vor einer ähnlich starken Korrektur steht wie Thailand, Malaysia, Indonesien und andere mehr vor rund achtzehn Jahren.  Es bleibt abzuwarten, wie sich die Zahlen entwickeln, die Situation scheint jedoch deutlich schlechter zu sein, als noch vor wenigen Monaten absehbar war.

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  1. 9. September 2015 um 09:24
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