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Thomas Fricke: Revolution der Ökonomen – Jugend lahmt

2. September 2016

Junge Menschen prangern Missstände an, entwerfen dynamisch Neues und verbessern die Welt, während wir Älteren an unseren Gewohnheiten festhalten? Stimmt gar nicht – das lässt eine Umfrage unter Ökonomen vermuten.

Junge Leute sollen bestimmungsgemäß ja eher befähigt sein, Innovationen zu folgen, Neues zu machen und zumindest aus dem auszubrechen, was die Alten aus Gewohnheit machen, obwohl es nicht mehr funktioniert. Also für Fortschritt stehen. Sagt man. Nun ist das zweifellos so, wenn es um die Kenntnis angesagter YouTuber, die Entdeckung des Fingerabdrucksensors an Papas Mobiltelefon und viele andere umwerfend nützliche Errungenschaften des Menschen geht, die Kevin der Omi erfolglos zu erklären versucht.

Aber gilt das auch, wenn es ums Weltverbessern geht? Sagen wir in der echten Wirtschaftswelt? Eigentlich schon, sollte man denken. Bedarf gibt es genug – etwa herauszufinden, wie eine Wirtschaft mehr herstellt und gleichzeitig weniger Leute schlecht bezahlt. Oder wie man die hohen Schulden alle abbaut. Oder Autos so baut, dass sie mit Strom fahren, ohne unsere Autoindustrie zu versenken. Oder wie man Wirtschaftsprofessoren davon abhält, urige Theorien zu entwickeln über angeblich rationale Menschen, die es so sowieso nicht gibt.

Wer sonst als die ungebundenen Jungen ohne Kind, Katze, Haus und Auto sollten den Mumm haben, da mal ordentlich Revolte zu machen? Zumal es in diesem Fall ja tatsächlich Studenten waren, die vor zwei Jahren mit einem globalen Appell gegen die öde Einseitigkeit der Ökonomenlehre für Wirbel sorgten.

Nur ein Drittel findet Ökonomen vertrauenswürdig

Nun ist die Realität ja nicht immer so, wie man denkt. Wie die Auswertung nach Altersklassen einer großen Umfrage unter Deutschlands Ökonomen gerade ergeben hat, sind es gar nicht die Jungen, die ihre Wirtschaftswissenschaft erneuern wollen – sondern die Alten. Trotz dramatischen Vertrauensschwunds, unvorhergesehener Jahrhundertfinanzkrise und falsch eingeschätzter Folgen des Mindestlohns.

Während mehr als die Hälfte der mindestens 55-Jährigen einräumt, dass die Zunft in einer Legitimationskrise steckt, finden das bei den unter 35-Jährigen nur 36 Prozent. Was in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Standing in der Bevölkerung steht, von der nur noch ein Drittel findet, dass Ökonomen vertrauenswürdig sind. Nur 17 Prozent der Jungen sehen in der großen Finanzkrise auch eine Krise des Marktfundamentalismus – unter den Älteren ist die Quote glatt doppelt so hoch.

Nun bieten solche Ergebnisse, die nächste Woche auf der großen Ökonomen-Jahrestagung in Augsburg vorgestellt werden, natürlich eine Menge Spekulationsmöglichkeiten. Könnte sein, dass die alte Lehre doch nicht so schlecht ist, wie alle immer denken – und Finanzkrise oder Mindestlohnfehlprognose, naja, etwas unglückliche Ausreißer waren. Beim heiligen Sinn! Was nur die Jungen verstanden haben, klar.

Könnte allerdings auch sein, dass junge Leute, wenn sie so zu studieren anfangen, in einer etwas festgefahrenen Lehre dann halt auch erst mal dazu tendieren, nachzuplappern, was die Alten bisher so gesagt und gelehrt haben. Und dass sie das ja auch müssen, um gute Noten zu kriegen – solange auf dem Stundenplan nicht irgendwo die Revolution eingetragen ist. Zumindest in einem Fach, in dem es so richtig viel Wettbewerb um gute Ideen auch nicht gibt.

Stoff für Jungenschelte? Ja. Und nein. Wer jetzt geneigt ist, sich über die angepasste Jugend von heute aufzuregen, sollte mal in die Ergebnisse einer einigermaßen vergleichbaren Umfrage unter deutschen Ökonomen aus dem Jahre 1981 sehen. Und? Hey, die waren ja auch nicht besser! Auch damals war die Wirtschaftslehre in der Vertrauenskrise, auch damals gab es Unmut über die alten Modelle. Und auch damals vermuteten die Initiatoren erst einmal, dass „gemäß dem üblichen Generationenschema“ zu erwarten wäre, „dass jüngere Ökonomen eher geneigt sind, neue Theorien aufzunehmen“. Damals war der Monetarismus neu – und der Keynesianismus alt. Von wegen: Die Jungen wollten am Alten stärker festhalten als die Alten – und umgekehrt.

Klar, auch das kann Zufall sein. Es könnte aber auch etwas viel tiefer Liegendes offenbaren: dass es einfach doch nur sehr bedingt die Jungen sind, die uns gesellschaftlich voranbringen. Und dass dafür die Weisheit von ein paar Jährchen Erfahrung auf der Welt doch helfen kann, von Altem Abschied nehmen zu wollen. Was wiederum den Vorteil hat, dass die Alten sich weniger sinnlos vorkommen müssen – und die Jungen sich immer noch sagen können, dass sie ja auch mal alt werden. Alles wird gut.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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