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Deutsche Angst: Inflation? Nur ein Phantom

13. Januar 2017

Was wird aus Ihrem Geld? Seit Wochen beschwören Deutschlands Stabilitätsjünger die Rückkehr der Inflation. Die Aufregung könnte sich schon bald als Fehlalarm erweisen.

Wir Deutschen sind weltbekannt dafür, dass wir zuverlässige Autos bauen, gut Fußball spielen, exzellentes Bier brauen – und Inflation erspüren können, selbst wenn es gar keine gibt. Was damit zu tun hat, so heißt es, dass wir uns halt alle noch gut an die Hyperinflation damals erinnern. Jedenfalls die unter uns, die 1923 schon im inflationsbewussten Alter waren. Also immerhin die gesamte Generation 105 plus.

Die Sache ist nur, dass wir jetzt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten deutlich mehr Angst vor Inflation als Inflation haben. Was uns auf andere immer so ein bisschen neurotisch wirken lässt. Und die Frage ist, ob das gerade auch wieder so ist, wo seit Wochen die Propheten im Land über die Rückkehr der Geldentwertung orakeln – und über Schocks und Beben und Dilemma und Offenbarungseide. Es könnte lohnen, genauer hinzusehen. Und da helfen die Berichte von Uroma (ausnahmsweise) weniger als, sagen wir, ein bisschen nachzurechnen.

Kurios ist ja, dass die Teuerungsrate in Deutschland laut Statistik zwar tatsächlich im Dezember von weniger als einem auf plötzlich (immer noch moderate) 1,7 Prozent gestiegen ist – ohne dass etwa Benzin Tag für Tag teurer würde; oder die deutsche Konjunktur just im Dezember überhitzt wäre und die Wirtschaft keine Kapazitäten mehr frei hätte.

An den Ölmärkten hat es gegen Jahresende einen Schub gegeben, klar, seither sind die Preise für ein Fass Rohöl aber kaum noch gestiegen – und liegen immer noch nur etwa halb so hoch wie vor drei Jahren.

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Woher kommen dann die 1,7 Prozent? Das hat mit Mathe – Grundkurs – zu tun (jetzt bitte einen kurzen Moment konzentrieren). Beim Messen von Inflation wird ja das Niveau der Preise heute mit dem vor einem Jahr verglichen. Sprich: Wenn die Preise heute stark steigen, fällt die Inflation höher aus, weil der Abstand zum Vorjahr größer wird – und umgekehrt. Logisch. Die arithmetische Tücke ist, dass die so ausgewiesene Inflationsrate auch anziehen kann, wenn die Preise aktuell gar nicht (so stark) steigen, sondern vor einem Jahr stark gefallen sind. Dann ist der Abstand zum Vorjahr ja auch plötzlich höher. So wie derzeit.

Weil die Ölpreise im Winter 2015/16 weltweit kurzzeitig auf Spottpreisniveau sanken, fielen in Deutschland damals im Schnitt auch die Lebenshaltungskosten binnen weniger Monate um gut einen halben Prozentpunkt – ein seltenes Phänomen. Ein Liter Diesel kostete zeitweise weniger als ein Euro, Sie erinnern sich. Das war irre und kaum haltbar, schon weil die Opec sich nicht in erster Linie als Wellnesscenter für deutsche Autofahrer versteht.

Ab März könnte die Inflation wieder sinken

In der Zwischenzeit haben sich die Ölpreise wieder etwas erholt. Und, Simsalabim: weil das Preistief nunmehr ein Jahr her ist, fallen im Vorjahresvergleich die Teuerungsraten jetzt abrupt höher aus – ob beim Öl oder bei der Gesamtlebenshaltung. Und rein rechnerisch ist schon jetzt klar: Das Zahlenphänomen wird sich für Januar und Februar noch verstärken. Selbst wenn die Preise nun Monat für Monat unverändert auf heutigem Niveau blieben, wird die Inflation (zum Vorjahr gerechnet) noch auf knapp zwei Prozent steigen. Allein wegen des Basiseffekts aus dem Vorjahr.

Kleiner Tipp für ambitionierte Amateur-Hellseher: Sagen Sie beim nächsten Stehempfang einfach in die Runde, Sie hätten ja so im Gefühl, dass die Inflation im Februar noch zwei Prozent erreichen wird – sichere Nummer, danach werden Sie sicher gleich mit Handlesen beauftragt.

Das ist erst einmal nichts anderes als statistische Tücke. Aber garantiert Stoff für neue Untergangstheatralik deutscher Stabilitätsapostel in den nächsten Wochen. Achtung, Panikalarm! Womöglich recht voreilig.

Zur Tücke gehört in Wirklichkeit natürlich auch, dass der Basiseffekt irgendwann wieder weg ist. Ab März wird die Inflationsrate mit ziemlich hoher Sicherheit schon deshalb wieder fallen (oder plötzlich zu steigen aufhören) – weil ein Jahr zuvor die Ölpreise ihren Kurzzeitkollaps überwunden haben. Es gibt also sinkende Teuerungsraten.

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Jetzt haben solche Kapriolen wenig mit Inflation im gefährlichen Sinn zu tun – genauso wenig wie die fallenden Preise vergangenes Jahr ein Beleg für Deflationskrisen waren. Wie stark der Inflationsdruck ist, entscheidet sich an anderen Faktoren. Und die sehen derzeit so alarmierend gar nicht aus.

Klar: Für etwas mehr Inflation spricht, dass die Konjunktur derzeit weltweit anzieht, die Ölproduzenten nicht mehr so viel Öl produzieren wollen und Donald Trump in den USA bei ohnehin schon gut ausgelasteten Kapazitäten viel Geld unter die (vorwiegend reichen) Leute bringen will.

Auch in Deutschland sind die Kapazitäten zunehmend ausgelastet. Bei der Industrie mit knapp 86 Prozent allerdings immer noch deutlich weniger als zu früheren Boomzeiten mit teils 90 Prozent. Auch hätten die Firmen noch reichlich Geld, ihre Kapazitäten zu erweitern.

Die große Finanzkrise scheint immer noch nachzuwirken

Gegen den großen Preisschock spricht auch: Gemessen an dem, was in den Büros und Fabriken heute mehr geleistet wird als früher, ist die Lohnkostenlast selbst in Deutschland bis zuletzt eher gefallen, was wiederum den Druck niedrig hält, höhere Kosten an die Verbraucher weiterzugeben.

Zudem ist eher unwahrscheinlich, dass der Ölpreis von derzeit 50 bis 60 US-Dollar je Barrel (159 Liter) bald wieder auf frühere Höchstwerte von mehr als 100 US-Dollar steigen wird.

Gegen allzu großen Inflationsdruck spricht aber vor allem, dass die große Finanzkrise immer noch nachzuwirken scheint – weshalb es ziemlich viele Leute gibt, die versuchen, ihre Schulden abzubauen statt Geld auszugeben. Was wiederum nach aller historischen Erfahrung eher für Deflationsdruck als für Inflation spricht.

Bei aller Liebe zu prähistorischen Selbsterfahrungsübungen: So richtig belegbar ist die große Inflationsrückkehr nicht. Die schnöden Zahlen sprechen bis dato noch dagegen. Sollten die Preise in der nächsten Zeit von Monat zu Monat nur etwas stärker zulegen als 2015/16, wird die ausgewiesene Inflationsrate schon im Dezember 2017 wieder bei gerade mal einem Prozent liegen. Zum Vergleich: In den vermeintlich glorreichen alten D-Mark-Zeiten war die Rate im Schnitt drei Mal so hoch. Auch kein Grund, in Endzeitstimmung zu fallen.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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