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Thomas Fricke: Ärger in der Eurozone – Von saufenden Südländern und überheblichen Nordeuropäern

27. März 2017

Können wir Nordeuropäer wirklich so viel besser wirtschaften als die vermeintlich laxen Südländer? Eher nicht. Nach 60 Jahren EU scheint das größere Problem der deutsch-niederländische Hang zur Selbstüberhöhung zu sein.

Auch der Niederländer ist nur ein Mensch. Und Menschen neigen gelegentlich einfach dazu, andere zu beschimpfen, wenn etwas irgendwie nicht so gut gelaufen ist. Bei Jeroen Dijsselbloem könnte es das etwas unglückliche Abschneiden der eigenen, bei der Wahl gerade implodierten Partei gewesen sein, das den Niederländer und Chef der Eurogruppe dazu hat neigen lassen, darüber zu schimpfen, dass Südeuropäer nur Geld für Schnaps und Frauen ausgeben, wo wir ihnen doch gerade so selbstlos geholfen haben. Sinngemäß.

Jetzt wollen wir uns natürlich nicht auf das Niveau begeben – und nicht so plump dagegen halten, dass der Euro ja auch kein Ponyhof für Wohnwagenfahrer ist. Das würde im Einzelnen ja auch nicht jedem Niederländer gerecht.

So ein kleiner nüchterner Faktencheck scheint allerdings schon sinnvoll. Gerade, weil die Europäische Union dieses Wochenende Geburtstag feiert – 60 Jahre Römische Verträge. Und die Frage gelegentlich aufkommt, ob wir wirklich alle zusammen passen. Also der solide Deutsch-Niederländer mit denen da unten im Süden, also denen mit dem Alkohol, dem Schludern und den Frauen.

Nicht so eindeutig belegbar ist dabei schon der unterschwellige Befund, dass der Südeuropäer so viel mehr Alkohol zu sich nimmt. Nach Statistiken der Weltgesundheitsorganisation liegt ein Niederländer mit jährlich knapp neun Litern reinen Alkohols in etwa in der Mitte der Gepflogenheiten im Süden. Der Spanier trinkt geringfügig mehr, der Portugiese deutlich mehr, der Italiener und der Grieche sogar deutlich weniger als Herrn Dijsselbloems Landsleute. In den Niederlanden starben – gemessen an der Gesamtbevölkerung – sogar deutlich mehr Menschen an Alkoholmissbrauch als in Portugal, Spanien und Griechenland.

Nur um Nachfragen zuvorzukommen: entsprechende statistische Erhebungen über die landesspezifischen Ausgaben für Frauen liegen leider nicht vor, daher kann dieser Teil von Dijsselbloems Aussage hier nicht hinreichend belastbar geprüft werden.

Unsere Banken haben sich ein, zwei Ouzo zu viel hinter die Binde gekippt

Jetzt wird der Herr Dijsselbloem wahrscheinlich sagen, dass ja jeder so viel trinken kann, wie er will – aber nicht, wenn andere einem so solidarisch Geld gegeben haben, weil man so viele Schulden hat. Nur hieße das logisch ja, dass Menschen, deren Staat Schuldenprobleme hat, weniger trinken dürfen – und dass sich die, bei denen die Schulden sinken, auch eher betrinken dürfen. Zumindest gesundheitspolitisch klingt das strittig. Sie sehen, die Argumentation führt auch nicht weiter.

Den amtlichen Daten ist auch nicht zu entnehmen, dass der Alkoholkonsum im Süden zugenommen hätte, seitdem wir denen helfen. Spanier und Griechen trinken heute sogar (noch) weniger als 2009. Was natürlich auch daran liegen kann, dass unser Geld bei potenziellen Alkoholkonsumenten gar nicht angekommen ist, weil damit de facto ja (unsere) Banken gerettet wurden, also jene Finanzinstitute, die sich da unten in früheren Zeiten – im übertragenden Sinne – ein, zwei Ouzo zu viel hinter die Binde gekippt haben.

Wenn wir ehrlich sind, Herr Dijsselboem, war das ganze Gerette ja auch nicht ganz so selbstlos von uns. Weil uns die damals akut eskalierende Krise sonst bald auch ereilt hätte. Man könnte es auch ein gesundes Eigeninteresse nennen. Warum sollten die anderen da jetzt weniger Alkohol trinken? Das ergibt ja keinen Sinn.

Portugiesen, Griechen, Italiener und Spanier fahren längst Überschüsse ein

Klingt komisch, hat aber einen ziemlich ernsten Hintergrund. Für Politiker aus den wirtschaftsmoralisch überlegenen nördlichen Euro-Gebieten ist es in den vergangenen Jahren zum beliebten Spiel geworden, die Krise immer mal wieder zu nutzen, um sich über die stabilitätspolitisch minderbemittelten Leute im Süden zu erregen. Das bringt in den Niederlanden wie in Deutschland Treuepunkte, empirisch hält die These vom ach so großen kulturellen Gefälle aber kaum stand. Auch nicht bei den vermeintlich so viel besseren Niederländern.

Die niederländischen Staatsschulden sind seit 2007 von 48 auf 80 Prozent der Wirtschaftsleistung hochgeschnellt – weit über das Maastricht-Limit hinaus. Die Niederländer hatten über Jahre mit einer Immobilienblase zu kämpfen. Zu Beginn der Nullerjahre legten die Löhne lange deutlich stärker zu, als es die Produktivität erlaubte. Und als die Regierung vor ein paar Jahren heftig zu kürzen begann, gab es so viel Widerstand, dass der Kurs seitdem gelockert wurde und seit 2013 keine strukturellen Defizite im Haushalt mehr abgebaut wurden – von wegen Askese!

Nimmt man Zinszahlungen für die Schulden heraus, fahren Portugiesen, Griechen, Italiener und Spanier längst Haushaltsüberschüsse ein. Anders als die Niederländer. Nicht wirklich eine gute empirische Basis dafür, markige Schnaps-Sprüche über Südländer zu klopfen, die ihr Geld verprassen.

Wenn es einen gefährlichen Unterschied zwischen Nord- und Südeuropäern gibt, dann liegt der mittlerweile eher darin, dass es in Deutschland wie in den Niederlanden mehr stabilitätspolitische Sprücheklopfer gibt – die mit viel Liebe zu überkommenen ökonomischen Lehren und alten Nationalklischees von anderen Ländern Einschnitte einfordern, die auf Dauer mehr Probleme schaffen und die sie im eigenen Land nie durchbekämen. (Oder können Sie sich an ein schmerzhaftes Sparprogramm von Herrn Schäuble erinnern?) Dass allzu rabiates Kürzen die Schulden am Ende nur weiter steigen lässt, ist international heute Konsens.

Das größte Risiko für die Eurozone und die Jubiläums-EU liegt heute womöglich sehr viel weniger bei stabilitätskulturell angeblich minderbemittelten Südeuropäern, sondern eher im Norden: bei dem einen oder anderen verantwortlichen Deutschen und Niederländer – und Finanzministern mit Tendenz zur Selbstüberhöhung.

Prost!

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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