Der andere Blick auf Boom und Krisen

Fabian Fritzsche: Die nächste Krise ist da

Den wohl besten und umfangreichsten Überblick über die Finanz- und Wirtschaftskrisen der letzten Jahrhunderte (!) bietet sicherlich das Buch „This Time is Different: Eight Centuries of Financial Folly“ von Carmen Reinhart und Keneth Rogoff. Bei einem Blick nur auf die Krisen der letzten Jahrzehnte werden die meisten Leser vermutlich die Namen der Krisen kennen, aber zugleich feststellen, dass die Krisen überwiegend als Randthema aus den Nachrichten bekannt sind und nicht als selbst erlebte Erfahrung.

Die US-Sparkassenkrise („Savings-and-Loan-Crisis“) ist den US-Amerikanern sicher ein Begriff und insgesamt 124 Mrd. USD Schaden für den Steuerzahler sind sicherlich nicht unerheblich. Wie viele US-Bürger das wirklich gespürt haben, ist schwer zu sagen, außerhalb der USA vermutlich so gut wie niemand.  Die lateinamerikanische Schuldenkrise beginnend mit der ersten Ölkrise 1973 und letztlich die ganzen 1980er andauernd betraf sogar einen ganzen Kontinent – aber auf Europa waren die Auswirkungen sehr begrenzt. Auch die japanische Bankenkrise der 1990er Jahre – Japan war damals noch zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt – war in Europa kaum spürbar. Die Liste ließe sich u.a .mit Tequila-, Russland-, Brasilien- und Argentinien fortsetzen. All diese Krisen haben letztlich gemeinsam, dass sie mehr oder weniger Thema in den mitteleuropäischen Nachrichten waren, aber keinerlei Konsequenzen hatten. Wobei hier direkt eingeschränkt werden muss, dass wir nicht genau wissen, wie sich z.B. Wirtschaftswachstum, Arbeitsmarkt oder Inflation in Deutschland ohne diese Krisen entwickelt hätten. Japan etwa war damals noch Deutschlands neuntwichtigster Handelspartner und Lateinamerika insgesamt bis in die späten 1980er ein wichtigerer Handelspartner als z.B. Spanien. Solange die Krise nicht ganz direkt Europa betrifft, hält sich das Interesse aber in engen Grenzen.

Aktuell ist vor allem die Türkei Thema, was sicherlich auch an den vielen türkischstämmigen Bürgern in Deutschland liegt. Dabei geht allerdings unter, dass die Probleme keineswegs auf die Türkei beschränkt sind.  Die türkische Lira stellt mit 70% Abwertung seit Jahresbeginn sicherlich einen besonders heftigen Fall dar. Das wird nur noch überboten vom venezolanischen Bolivar, der um schätzungsweise 28000% abgewertet hat. Aber auch der argentinische Peso kommt auf 60%, der brasilianische Real auf 17%, der russische Rubel auf 16% Abwertung alleine seit Jahresbeginn. Und auch die indische Rupie oder der chinesische Yuan kennen seit kurzem nur noch eine Richtung. Wir erleben also gerade, wie die Währungen vieler Schwellenländer auf breiter Front an Wert verlieren. Bei China kann zumindest noch angenommen werden, dass die Abwertung gewünscht ist, um den Auswirkungen der US-Zölle entgegenzuwirken. Ob die Abwertung aber geplant ist, darf auch bei China bezweifelt werden.

Letztlich beobachten wir in zahlreichen Schwellenländern eine ausgeprägte Kapitalflucht. Die nächste Krise ist also längst da. Dies ist zunächst einmal ein Problem für die Menschen in den betroffenen Ländern selbst. Die Kaufkraft sinkt, die Zinsen steigen, das Wachstum lässt nach. Wie auch bei vorherigen Krisen ist das in Deutschland – abgesehen von der Schadenfreude über Erdogan – kaum ein Thema. Sollte die Kapitalflucht anhalten, könnte diesmal allerdings tatsächlich gelten „this time is different“ – wenn auch anders als es die Autoren ironisch meinten. Das Weltwirtschaftswachstum der letzten Jahre wurde von den Schwellenländern getragen. Kommt das Wachstum in diesen Ländern nun zum Erliegen, wird dies die Weltwirtschaft insgesamt und insbesondere exportorientierte, stark verflochtene Volkswirtschaften wie Deutschland treffen. Erschwerend kommt zum einen hinzu, dass die Krise diesmal nicht auf ein einzelnes Land oder eine einzelne Region beschränkt ist, sondern Schwellenländer rund um den Globus betroffen sind. Zum anderen verstärkt der Westen, namentlich die USA, die Probleme durch die Zoll- und Sanktionspolitik. Die Politik der Trump-Regierung ist sicherlich nicht die einzige Ursache und gerade im Falle der Türkei auch nicht die Hauptursache der Währungsabwertung, aber sie sorgt für eine Eskalationsspirale, die am Ende auch den Westen treffen wird.