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Frickes Welt – Wenn Reichtum arm macht

8. April 2016

Selten ist so viel Geld an so wenige gegangen. Leistung muss sich endlich wieder lohnen – und nicht Geldhaben.

Zwischen 20 und 30 Billionen Dollar werden weltweit mehr oder weniger geheim angelegt oder geparkt. Das klingt nach einer Menge Kleingeld, und geschätzt dürften den Finanzministern so dreistellige Milliarden an Steuern entgehen. Diese Gelder einzutreiben, wäre toll, würde unser Bundesfinanzministerium allerdings auch nicht gleich in ein Steuereinnahmeparadies verwandeln. Es sind ja globale Summen. Selbst wenn Wolfgang Schäuble davon einen angemessenen Anteil bekäme, entspräche der Geldsegen mit hoher Wahrscheinlichkeit nur ein paar Zehntelprozent unseres Bruttoinlandsprodukts. Zu wenig bei einem Schuldenstand von gut 70 Prozent.

Das ökonomisch Irre steckt darin, dass es überhaupt relativ viele Leute gibt, die so enorm viel Geld auf paradiesischen Inseln zu verstecken haben, während die meisten selbst in reichen Ländern wie Deutschland froh sind, mal, sagen wir, auf die Insel Rügen zu fahren.

Wie der Berliner Ökonom Marcel Fratzscher in seinem gerade erschienenen Buch „Verteilungskampf“ eindrucksvoll darlegt, ist Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten vom vermeintlichen Gleichmacherland zu einem Ort geworden, wo Einkommen wie Vermögen so atemberaubend auseinander gedriftet sind wie kaum anderswo. Während die reichsten zehn Prozent heute im Schnitt 1,2 Millionen Euro besitzen, haben 40 Prozent der Deutschen nicht einen Euro auf der hohen Kante, also nichts, um „auf Vermögen zurückgreifen zu können, wenn es im Alter oder Krankheitsfall finanziell eng wird“, schreibt Fratzscher.

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Selten ist so viel Geld an so wenige gegangen
Im Durchschnitt verdienen Arbeitnehmer in Deutschland heute real nicht mehr als vor 25 Jahren. Obwohl, auf jeden Einwohner umgerechnet, immerhin 30 Prozent mehr im Land erwirtschaftet wird. Selten ist so viel Geld an so wenige gegangen.

All das führt mittlerweile jenen Leitspruch ad absurdum, den führende Ökonomen und Parteien einst prägten: dass sich Leistung wieder lohnen müsse und es deshalb per se gut ist, wenn einige deutlich mehr verdienen als andere. Weil das den Anreiz für jeden erhöhe, den Erfolgreichen nachzueifern. Das war die Zeit, als Steuerfluchtorte den hübschen Namen Steuerparadies bekamen.

Manch einer hat einfach das Glück, zufällig auf Rohstoffen zu sitzen
Nun drängt sich der Verdacht auf, dass nicht alle, die heute sehr viel Geld haben, auch so viel leisten: Ein Großteil des Reichtums hat seinen Ursprung in aufgeblähten Finanzmarktwerten, irren Preistrends an Immobilienmärkten und Erbschaften. Mancher hat einfach das Glück, wie der eine oder andere Scheich zufällig auf Rohstoffvorräten zu sitzen. In kaum einem Land ist es so schwer wie bei uns, in höhere Vermögensklassen aufzusteigen, schreibt Fratzscher.

Selbst orthodoxe Ökonomen räumen heute ein, dass Ungleichheit nicht zwingend gut für die Wirtschaft ist. Unter Experten scheint international sogar Konsens, dass die Nachteile bei zunehmender Ungleichheit rasch überwiegen. Selbst Institutionen wie die OECD, die zu Hochzeiten von Thatcher und Reagan noch die Zauberkraft ungleicher Einkommen priesen, kommen zu dem Befund, dass eine so starke Ungleichheit, wie es sie heute in vielen Ländern gibt, das Wirtschaftswachstum gefährlich bremst. Und sei es, weil so viele Leute auf der Strecke bleiben, die weder in die eigene Bildung, noch in anderes investieren. Da hilft nur bedingt, Steueroasen auszutrocknen. Wichtig ist, alles wieder daran zu setzen, dass Leistung sich lohnt. Nicht Geldhaben. Für alle. Nicht nur für ein paar.

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Diese Kolumne erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 7. April 2016. Dort schreiben jeden Freitag Thomas Fricke und Nikolaus Piper im Wechsel. Credit (Bild): Süddeutsche Zeitung, 2016

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