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Thomas Fricke: Nullzins in Europa – Die Legende vom armen deutschen Sparer

4. Februar 2017

Keine Zinsen – und jetzt auch noch Inflation! Der deutsche Sparer wird zur bedrohten Spezies. Ein Glück, dass es nur eine Minderheit trifft.

Die Aufregung ist groß. Erst gab es aufs Ersparte keine Zinsen mehr. Jetzt ist auch noch Inflation da. Und die Klagen kennen keine Grenzen mehr. Der deutsche Sparer leidet. Die Euro-Bank müsse wieder Politik für die Deutschen machen. Böser Mario Draghi. Arme Deutsche. Vielleicht sollten wir einfach austreten. Ist ja gerade in Mode.

Gut, jetzt gibt es natürlich auch Deutsche, die mehr Schulden als Ersparnisse haben. Die müssen natürlich nicht so doll leiden, sondern sind wahrscheinlich sogar froh, dass sie (mit ein bisschen Glück) sogar deutlich weniger Zinsen auf ihren Kredit zahlen, als das früher mal der Fall war. Und ihre Schulden inflationsbedingt gleichzeitig immer weniger wert sind. Nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gilt das für immerhin jeden vierzehnten Erwachsenen. Die haben ein negatives Nettovermögen – was einfach eindeutig besser klingt als Schulden.

Relativ unaufgeregt über das Verschwinden der Belohnung fürs Sparen dürften – zugegeben – auch die Landsleute sein, die nicht einmal ein negatives Vermögen haben, sondern schlichtweg gar keins. Weil sie nach etlichen Jahren Reallohnverlust einfach auch kein Geld haben, das am Monatsende den Weg zur Bank finden könnte. Was nach DIW-Auswertungen immerhin für noch einmal 20 Prozent gilt. Macht zusammen fast 30.

Nimmt man die noch dazu, die zwar hin und wieder ein paar Euro aufs Sparkonto überweisen, aber nicht wirklich viel, ist man, naja, bei 50 Prozent, bei denen es im Grunde auch keinen so großen Unterschied macht, ob jetzt irgendwelche Zinsen bei Null oder Nicht-Null sind. Die Hälfte aller deutschen Haushalte hat weniger als 17.000 Euro gespart.

Jetzt gibt es natürlich die andere Hälfte. Leidend? Naja. Da muss man fairerweise aus der Leidensliste die rausnehmen, bei denen so viel Geld da ist, dass sie wahrscheinlich dann doch nicht den ganzen Tag dasitzen und ihr Sparkonto angucken. Sondern einen Großteil des Zasters in Aktien gesteckt oder das eine oder andere Immobilchen gekauft haben. Um es in Zahlen zu sagen: Von den 25 Prozent, die mehr als 100.000 Euro über ihren Bedarf haben (und locker in der Summe auf 90 Prozent aller Vermögen im Land aufpassen), dürfte es nur ein paar Trottel geben, die das ganze schöne Geld bei der Sparkasse abgegeben haben. Die dürften die Nullzinsfrechheit auch vergleichsweise locker nehmen. Zumal dann, wenn man weiß, dass die Nullzinsen stark dazu beigetragen haben, dass der Aktienindex Dax seit Anfang 2009 um knapp 150 Prozent hochgeschnellt ist.

Achtung: Rund zwei Drittel des gesamten Vermögens im Land steckt in Immobilien, so DIW-Ökonom Markus Grabka. Ähnliche Logik. Auch hier haben die Nullzinsen, wenn überhaupt, eher Wunder gewirkt – und den Wert so mancher Immobilie hochschnellen lassen. Auch diese Leute können mit „dem Sparer“ nicht gemeint sein, der gerade so furchtbar leidet.

Blieben als wirkliche Leidende ein grob kalkuliertes Viertel im Land: Also die, die weder verschuldet sind, noch gar kein Vermögen haben, oder zu wenig, aber auch nicht so viel, dass sie ohnehin kaum Geld auf dem mies verzinsten Sparkonto haben. Oder in Staatsanleihen.

Okay, nur eine Minderheit. Aber wofür setzt sich der Gutmensch nicht heute alles ein.

Wobei das auch noch nicht die ganze Wahrheit ist. Wie die Bundesbank kürzlich berechnet hat, hätten die hiesigen Kassenwarte aus Bund, Ländern und Gemeinden seit Ausbruch der Finanzkrise auch 240 Milliarden Euro mehr an Zinsen auf unsere Staatsschulden zahlen müssen, wenn es keine so extrem niedrigen Zinsen gegeben hätte. Was entweder bedeutet hätte, dass unser Finanzminister jetzt keine schwarze Null hätte – nicht auszudenken. Oder dass Wolfgang Schäuble stattdessen die Steuern angehoben hätte, um die Schwarznull zu kriegen.

Könnte sogar sein, dass wir bei höheren Zinsen überhaupt nicht mehr so viele Sparer hätten. Immerhin weisen schlaue Ökonomen nicht ganz zu Unrecht darauf hin, dass das Nichtsenken der Zinsen in einer ähnlichen Krise in den Dreißigerjahren zur Eskalation der Wirtschaftskrise samt Massenarbeitslosigkeit und Verelendung maßgeblich beigetragen hat. Wenn eine große Finanzblase platzt, helfen niedrige Zinsen vor einer gefährlichen Pleitewelle. Und wo wenig investiert wird, sind die Zinsen ohnehin niedrig. Dann ist es für alle am Ende gut, dass die Zinsen so niedrig sind. Selbst für die Sparer. Wer auf der Straße sitzt, hat auch nichts, was er sparen kann. Dann lieber Sparen und Nullzins. Danke, Draghi.

Dann ist eher die Frage, ob das Geld, das die Notenbanken mobilisieren, nicht besser direkt bei den Haushalten ankommen sollte – statt bei reichen Aktien- und Immobilienanlegern. Anderes Thema. Es gibt gerade wahrlich wichtigere Probleme auf der Welt.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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