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David Milleker: Kaum Lohn- und Preisdruck – warum eigentlich?

7. Juni 2017

Mit sinkender Arbeitslosigkeit sollten nach ökonomischer Standardtheorie Löhne und Preise zunehmend ansteigen. Dieses Phänomen wird nach seinem „Entdecker“ Alban Phillips auch Phillips-Kurve genannt. Doch seit der Finanzkrise bleiben solche Lohn- und Preiszuwächse hartnäckig aus.

Ob nun in Deutschland, den Vereinigten Staaten, Japan oder auch im Euro-Raum insgesamt: Die Arbeitslosenquoten sind seit 2009 deutlich gesunken, was allerdings hartnäckig ausbleibt sind spürbar ansteigende Lohnzuwächse oder Inflationsraten. Die Phillips-Kurve ist also zumindest sehr flach geworden.

Dafür lassen sich unterschiedliche Erklärungsansätze finden. So könnte zum einen die Arbeitslosenquote nicht die „ganze Wahrheit“ über die Verfassung des Arbeitsmarktes widerspiegeln. Das gilt etwa dann, wenn Personen zwar einer formellen Beschäftigung nachgehen, aber diese wahlweise höchst unsicher oder auf Abruf erfolgt. Beispielsweise die „Null Stunden“-Verträge in Großbritannien, Mini-Jobs in Deutschland, Unterbeschäftigung in Spanien oder „unfreiwillige Teilzeit“ in den USA. Auch wenn solche Arbeitsverhältnisse in der Summe zumindest nicht weiter ansteigen, befinden sie sich dennoch auf erheblich höheren Niveaus als zu Zeiten vor der Finanzkrise. Deutschland charakterisiert dabei insofern eine Ausnahme, als hier insbesondere das sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnis das Gros der Verbesserungen am Arbeitsmarkt ausmacht. Allerdings ist auch hierzulande nichts von einer merklichen Inflationsbeschleunigung zu sehen.

Ein anderer Erklärungsansatz ist, dass im Zuge von grenzüberschreitenden Vorleistungsketten eine internationale Synchronisierung der Inflationsraten erfolgt ist. Oder anders ausgedrückt: Es sind weniger nationale und zunehmend mehr internationale Faktoren, welche für die nationale Preisentwicklung von Bedeutung sind. Hierauf weisen etwa jüngere Forschungsergebnisse von Ökonomen der Bank für internationalen Zahlungsausgleich hin. Man kann sich das etwa so vorstellen: Kommt es in einem Land zu einer Rezession und in Folge dieser dann zu einem typischen Disinflationsprozess, so wird dieser über Vorleistungen in den Rest der Welt exportiert. Wenn, wie in den letzten Jahren, ständig regionale Krisen und Wachstumsschwächen auftreten, wird dadurch auch in solide wachsenden Staaten die Inflation niedrig gehalten.

Von daher könnte es sich bei den global unverändert niedrigen (Kern-)Inflationsraten um ein vorübergehendes Phänomen handeln, das dann bei einer fortgesetzt synchronen Aufwärtsentwicklung der Weltwirtschaft wie seit Mitte 2016 wieder verschwindet. Allerdings ist es nicht untypisch, dass eigentlich transitorische Phänomene unter gewissen Umständen zu dauerhaften werden. Mit Blick auf die Inflation spielen etwa Erwartungen eine besondere Rolle. Man kann sich dies auch als selbsterfüllende Prophezeiung vorstellen. Wenn alle daran glauben, dass die Preise morgen um x Prozent höher liegen als heute, wird sich dies auch von selbst einstellen. Im Zuge der Inflationsentwicklung der 1970er Jahre wurde die Phillips-Kurve etwa um eine solche Erwartungskomponente erweitert.

Für die USA ist zu konstatieren, dass die mittelfristigen Inflationserwartungen der Verbraucher auf den tiefsten jemals gemessenen Stand gesunken sind. Damit wird folgendes Szenario durchaus plausibel: Mit der Erfahrung der jüngsten Vergangenheit hat sich die Erwartung anhaltend niedriger Inflation so verfestigt, dass die Erwartungshaltung selber auch bei geänderten weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen einen nachhaltigen Anstieg der Inflation in der Zukunft verhindert. Es ist vollkommen offen, wie Notenbanken mit ihren derzeitigen Inflationszielen hierauf reagieren können oder sollten.

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