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Fabian Fritzsche: Frankreich, der kranke Mann Europas?

10. Mai 2017

Nachdem Griechenland offenbar nicht mehr als Schreckgespenst für den Zusammenbruch des Euros taugt, Portugal auch nicht so recht in den Fokus rücken will und die spanische Wirtschaft kräftig expandiert, verteilt sich die mediale Aufmerksamkeit auf Italien und Frankreich.

Interessant an der Kritik an Frankreich ist dabei insbesondere, dass es letztlich die gleichen Kritikpunkte sind, mit denen Deutschland in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre und der ersten Hälfte der 2000er Jahre konfrontiert wurde: Verkrusteter, inflexibler Arbeitsmarkt, zu viel Gewerkschaftsmacht, zu hohe Steuerbelastung insbesondere für Unternehmen und Besserverdienende, zu hohe Staatsquote, zu viel Einfluss der Politik auf die Wirtschaft etc. pp.

Auf den ersten Blick scheint die Kritik und auch der Verweis auf Deutschland, wo es augenscheinlich nach den Reformen der späten 1990er und den Hartz Reformen Anfang der 2000er Jahre deutlich besser läuft, durchaus berechtigt zu sein. Während die deutsche Arbeitslosenquote seit Mitte 2005 fast kontinuierlich sinkt, unterbrochen nur durch einen kurzzeitigen Anstieg während der Finanzkrise 2008/09, sank die Quote in Frankreich in den Jahren vor der Finanzkrise nur leicht, stieg seitdem aber umso stärker an. Und es ist auch kaum zu  bestreiten, dass die Staatsquote mit 55% bis 60% deutlich über dem deutschen Wert (ca. 45%) und dem Durchschnitt der westlichen Industrieländer liegt. Nun kann man einer solch hohen Staatsquote sicherlich grundsätzlich skeptisch gegenüber stehen, Fakt allerdings ist, dass Dänemark und Finnland ähnliche hohe Quoten aufweisen – und über beide Volkswirtschaften wird eher selten das Urteil verkrustet und inflexibel gefällt. Im „Doing Business“-Ranking der Weltbank rangiert Dänemark 2016 auf dem 3. Platz, Finnland auf Platz zehn liegt immer noch fünf  Plätze vor Deutschland. Auf der anderen Seite kommen Rumänien und Bulgarien auf Staatsquoten von 35% bis 40%, also ähnlich hoch wie die USA, aber im „Doing Business“-Ranking liegen diese Länder zehn bzw. elf Plätze hinter Frankreich, welches zudem mit Platz 276 nur ganz knapp hinter der Schweiz liegt. Der Zusammenhang zwischen Staatsquote und Investitionsklima/wirtschaftlicher Flexibilität oder auch zwischen Staatsquote und Arbeitslosigkeit ist also eher schwammig.

Der Unterschied in der Arbeitslosenquote scheint hingegen eindeutig zu sein. Nach einheitlicher Definition von Eurostat liegt die Arbeitslosenquote hierzulande gerade einmal bei 3,9%, in Frankreich hingegen bei 10,1%. Nach Angaben der OECD arbeitet ein durchschnittlicher deutscher Erwerbstätiger allerdings lediglich 1371 Stunden im Jahr (2015; letzter Platz in der OECD), ein französischer Erwerbstätiger hingegen 1482 Stunden pro Jahr- das war der deutsche Durchschnitt im Jahr 1999. Angesichts der gesetzlich vorgeschriebenen 35-Stunden-Woche in Frankreich mag es überraschen, dass in Frankreich je Erwerbstätigem mehr gearbeitet wird, allerdings arbeiten in Deutschland weit mehr Menschen Teilzeit als in Frankreich. Würde es Frankreich schaffen, über eine andere Verteilung der Arbeit – ob das wünschenswert ist, sei hier dahingestellt – die Arbeitszeit je Erwerbstätigen auf deutsches Niveau zu senken, wäre die Arbeitslosenquote in Frankreich genauso niedrig wie derzeit in Deutschland.

Und auch bei den BIP-Wachstumszahlen gibt es wenig Anhaltspunkte für systematische Unterschiede. Zwischen 1999 (also der Euro-Buchgeld-Einführung) und 2016 lag das durchschnittliche, reale Wirtschaftswachstum in Frankreich bei 1,5%, in Deutschland bei 1,3%. In den letzten Jahren liegt Deutschland etwas vor Frankreich, aber eine temporäre Wachstumsdifferenz von 0,4 Prozentpunkten sollte auch nicht überbewertet werden. Zudem gilt mittelfristig, dass die französische Erwerbsbevölkerung weiter wächst, während sie in Deutschland stagniert oder gar sinkt, was eher für höheres Wachstum in Frankreich spricht.

Das alles soll nicht heißen, dass Frankreich keine Reformen benötigt. Ein durchschnittliches Wachstum zwischen 1% und 1,5% und eine Arbeitslosenquote von über 10% sind kaum befriedigend. Die deutschen Zahlen sind allerdings kaum oder nur scheinbar besser. Wenn in der Debatte also das eine Land als nahezu hoffnungsloser Fall, der die Eurozone zu Fall bringen kann und das andere Land als leuchtendes Vorbild dargestellt wird, wirkt das angesichts der Fakten einigermaßen bizarr.

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