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Wirtschaftsdienst exklusiv – Globalisierung – eine umkehrbare Geschichte?

13. Mai 2017

Die Hinwendung der USA zum Protektionismus beunruhigt die Welt. Aber ist dies tatsächlich eine einmalige und neue Entwicklung? Was lehrt die Geschichte über die internationale Arbeitsteilung? Werner Plumpe, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Uni Frankfurt, gibt einen Überblick über die historische Entwicklung.

Die neomerkantilistische Wende in den USA, eingeleitet von Donald Trumps Dekret zum Ausstieg aus der Transpazifischen Partnerschaft, trifft in der Wirtschaft Europas auf Unsicherheit. Doch in der Geschichte waren einzelne Wirtschaftsräume nur zeitweise offen und vor allem diejenigen Ländern, die am meisten vom Freihandel profitieren konnten. Allerdings hat ökonomische Isolation nie den Staaten genützt. So hatte der Niedergang Chinas seit dem 17. Jahrhundert sehr viel mit seinem Ausstieg aus der internationalen Arbeitsteilung zu tun. Auch die DDR ist ein prominentes Beispiel für die negativen Effekte des Isolationismus, denn er verwehrte ihnen den Zugang zu den technologisch günstigsten Lösungen und schützte die Unternehmen vor effizienzsteigerndem Wettbewerb.

Wie stark ökonomischer und politischer Erfolg verwoben sind, zeigt das Beispiel der kleinen Niederlande im 16. Und 17. Jahrhundert. Ihnen war es gelungen, auch militärisch dem vormals starken Spanien die Stirn zu bieten. Allerdings gibt es immer Gegenkräfte, die sich bemühen die Vormachtstellung einzunehmen. Großbritannien hatte zunächst mit einem aggressiven Wirtschaftsnationalismus auf die Führungsposition der Niederlande reagiert, erst als sie am Ende des 18. Jahrhunderts ökonomisch und maritim die Stärksten waren, wurden sie zu Protagonisten des Freihandels. Das Gleiche ist in den USA zu beobachten: Im 19. Jahrhundert vertraten sie noch eine Hochschutzzollpolitik, erst nach dem zweiten Weltkrieg vertraten sie aus einer Position der Stärke heraus die Freihandelsdoktrin. Werner Plumpe führt die Verschiebungen der globalen Strukturen darauf zurück, dass einzelne Regionen ökonomisch dynamischer waren als andere. Er stellt fest: „Wenn die Wirtschaftsgeschichte eines lehrt, dann, dass ökonomischer Erfolg weniger eine Frage der Gewalt als der Entfaltung der eigenen produktiven Kräfte ist.“

Die Dominanz einzelner globaler Räume ist also volatil, aber beeindruckend ist die Dimension, in die der Welthandel vorgestoßen ist: Während die Weltproduktion von 1960 bis 2012 um 460% wuchs, nahm die Warenexporte um 1570% zu. Dies wurde vor allem durch stark sinkende Transportkosten möglich gemacht und hat dazu beigetragen, dass räumliche Distanzen zwischen Verbrauchern und Produzenten weniger wichtig wurden. Auch die Produktion konnte sich auf diesem Wege in immer kleinteiligere Wertschöpfungsketten differenzieren – eine Entwicklung, die den Ausstieg aus der internationalen Arbeitsteilung immer schwieriger und teurer macht.

Werner Plumpe kommt zu dem Ergebnis, dass sich Freihandel zwar grundsätzlich lohnt, dass aber die Wirtschaftsgeschichte auch Friedrich Lists Erziehungszoll-Argument weitgehend bestätigt. Allerdings muss die Zollerhebung zeitlich begrenzt bleiben und sie muss dafür genutzt werden, den Strukturwandel abzumildern, nicht ihn aufzuhalten. Plumpe warnt die USA vor einem „desaströsen Sozialprotektionismus“, der wie viele Beispiele zeigen, weder den Staaten insgesamt noch den zurückbleibenden Regionen genützt hat.

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