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Thomas Fricke: Ende der lockeren EZB-Geldpolitik – Die Inflation, die nie kam

21. Juli 2017

Als die EZB den Zins auf null senkte und damit begann, massenhaft Geld in die Wirtschaft zu pumpen, bekamen viele Ökonomen Herzrasen: Inflation! Hyperinflation! Wie konnten sich die Auguren nur so irren?

Noch sind es nur erste Signale. Und noch ist nicht klar, ob es für die Korrektur nicht doch vielleicht zu früh ist. Und ob es dabei zu Turbulenzen kommt. Der Trend scheint trotzdem klar: Europas Notenbanker um Chef Mario Draghi bereiten nach ein paar irren Jahren den Ausstieg aus dieser ultralockeren Geldpolitik samt Nullzinsen vor – aus jener Politik also, die in Deutschland seit 2010 für reichlich Inflations-Endzeit-Herzrasen und die eine oder andere kritische Erwägung über das unterentwickelte Stabilitätsverständnis italienischer Führungskräfte gesorgt hat.

Sprich: die perfekte Gelegenheit für einen kleinen Rückblick auf die Treffgenauigkeit der Prophezeiungen deutscher Sorgenträger. Kleine Lernübung für die Zukunft. Eine ganz schöne Sammlung hat vor ein paar Jahren schon die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ dazu erstellt (mit Dank an den Archivar). Danach sagte etwa der eifrige Euro-Kläger Joachim Starbatty im April 2010: „Ich glaube, dass die Inflationsrate stark steigen wird: über fünf Prozent.“ Alle Erfahrungen zeigten, dass Länder, die hoch verschuldet sind, zu Inflation neigten. Wirtschaftsprofessor Roland Vaubel prophezeite im Oktober 2012 für die damals folgenden Jahre „um die fünf Prozent“.

Auf „bis zu vier Prozent“ tippte auf mehrere Jahre einst auch Deutschlands etwas überfordert wirkender EZB-Chefökonom. Ebenso wie anno 2012 der Hauptökonom der Commerzbank. Es gab sogar Chefvolkswirte aus der lustigen Bankenwelt, die „Hyperinflation“ für möglich hielten. Ernsthaft. Wobei der Hauptpreis eindeutig an Thilo Sarrazin geht (noch so eine

Großleistung deutscher Notenbank-Personalpolitik), der Ende 2012 sogar persönliche Konsequenzen für den Fall des Ausbleibens der Inflation ankündigte:

„Wenn wir innerhalb der nächsten zehn Jahre keine starke Inflation bekommen, gebe ich mein Diplom als Bonner Volkswirt zurück.“

Jetzt sind zehn Jahre natürlich noch nicht ganz vorbei, erst sieben, seit die Europäische Zentralbank (EZB) in der Finanzpanik um Griechenland 2010 erstmals Staatsanleihen kaufte, um die Eskalation der Krise vorerst zu stoppen. Und bis dahin wollen wir uns natürlich auch den traurigen Anblick gar nicht vorstellen, dass einer der größten Intellektuellen des Landes („Cicero“-Auswertung) möglicherweise vor laufenden Kameras sein Diplom im Sekretariat der Universität Bonn zurückgibt. Das ist ja wahrlich kein Anlass zur Häme.

So ein bisschen lässt sich vielleicht aber schon jetzt aus den etwas unglücklich wirkenden Tipp-Fehlern unserer Ökonomiegelehrten lernen. Fakt ist ja, dass das mit der Inflation irgendwie doch nicht so gekommen ist. Die amtliche Teuerung in Deutschland liegt im Sommer 2017, also etliche Jahre später, immer noch bei 1,5 statt 3, 4 oder 5 Prozent. Und sie hat in der ganzen Zeit der Geldflutung auch nie ansatzweise solche Raten erreicht. Nimmt man das Auf und Ab der Energiepreise heraus, schwächelte die (Kern-)Inflation trotz aller Aktionen der EZB seit 2010 zwischen 0,6 und maximal 1,9 Prozent. Das ist viel weniger, als es im hierzulande reichlich verklärten Reich der Bundesbank je über längere Zeit der Fall war.

Wie konnten gerade unsere Auguren sich so irren? Eine Antwort könnte sein, dass die Betreffenden in Bonn oder anderswo im Grunde zwar das Richtige gelernt haben – dass es normalerweise Inflation schafft, wenn eine Notenbank mehr Geld in Umlauf bringt, als man damit in der Wirtschaft kaufen kann. Nur dass die Zeiten eben nicht normal waren – und selbst heute noch nicht wieder richtig sind.

Die Wahrscheinlichkeit einer Deflation wäre gestiegen

Die Nachbeben des enormen systemischen Finanzcrashs, der vor ziemlich genau zehn Jahren im Juli 2007 begann, brachte viele Leute dazu, Geld abzuziehen, um Schulden zurückzuzahlen und Vermögensverluste auszugleichen. Andere sparten aus Vorsicht, statt groß zu investieren. Ohne Eingreifen wäre die Geldmenge höchstwahrscheinlich gesunken, was nach aller historischen Erfahrung eine Deflation und tiefe Krise mit sich gebracht hätte. Mit dem vermeintlichen Geldfluten haben die Notenbanken das nur auszugleichen versucht. Ergebnis: Die Geldmenge ist insgesamt sogar langsamer gestiegen, als sie es in Normalzeiten hätte tun müssen.

Nur so lässt sich erklären, warum per Saldo gar nicht so viel mehr Geld zum Ausgeben da war – und deshalb auch gar keine Inflation entstehen konnte. Und die Auguren hierzulande mit ihren Prognosen so danebenlagen. Nur so lässt sich auch erklären, warum es eher Inflation auf den Finanzmärkten gab – einen ziemlich irren Anstieg von Vermögenswerten wie etwa den Aktienkursen.

Hier liegt womöglich auch der eigentliche Anlass zur Kritik an Herrn Draghi: Hätte die EZB das Geld nicht über die Banken in Umlauf bringen lassen, sondern es den Leuten direkt gegeben, indem sie jedem zum Beispiel einen festen Betrag über den Finanzminister hätte überweisen lassen (Stichwort: Helikoptergeld), wäre die Wirtschaft im ganzen Euroraum auch schneller wieder gewachsen. Und die Notenbank hätte viel weniger Geld in Umlauf bringen müssen.

Eine Art Idiotentest für besonders gravierende Prognoseverstöße

Das alles wäre nicht ganz so schlimm, wenn man aus Fehlern lernen würde. Hier ist allerdings ein ganz kleiner Restverdacht, dass die Bereitschaft hierzulande noch, sagen wir, steigerungsfähig ist. Liest und hört man die bis heute unbekümmert großspurigen Kommentare über die angeblich so böse Europäische Notenbank und ihren Chef, könnte man fast meinen, die Fehlprognosen hätten gar nicht unsere Stabilitätsapostel gemacht, sondern Herr Draghi. Was es dann auch entsprechend schwer macht, zu verstehen, was Herr Draghi macht – und warum das alles in allem schon ganz gut war.

Vielleicht sollte man doch über die eine oder andere Diplomrückgabe noch einmal nachdenken. Oder eine Lernpflicht. Wer im Straßenverkehr mehrfach danebenliegt, muss ja auch zur Nachschulung. Damit das danach nicht wieder passiert.

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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