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Thomas Fricke: Angst vor Einbruch – Die Tücke des deutschen Wirtschaftens

4. Juni 2016

Dass gerade in Deutschland so viel eingebrochen wird, kann nicht viel mit Flüchtlingen zu tun haben. Der tiefere Grund scheint in steigendem Wohlstand und wachsender Ungleichheit zu liegen.

Kaum etwas scheint in Deutschland derzeit so zu boomen wie die Zahl der Einbrüche. Ebenso wie das Geschäft mit Sicherheitsschlössern und Abwehrmaterial. Was zwar geholfen hat, den Anteil gescheiterter Einbruchsversuche zu erhöhen. Nur ist der Trend selbst ungebrochen. Da scheint auch die Polizei nur bedingt zu helfen.

Umso mehr könnte es sich lohnen, die Lösung im Großen zu suchen – und die tieferen Ursachen dafür anzugehen, dass gerade in Deutschland seit einigen Jahren stetig mehr eingebrochen wird. Und nicht in anderen vergleichbaren Ländern Europas. Spurensuche. Makroökonomisch.

Nun läge es nahe, den Grund darin zu suchen, dass so viele arme Flüchtlinge gekommen sind. Der Haken: Alle Erhebungen deuten derzeit eher auf das Gegenteil – dass die Geflüchteten anderes im Kopf haben, als erst mal bei jemandem einzubrechen.

Wenn es einen ureigenen Hang Asylsuchender dazu gäbe, müsste außerdem, sagen wir, Österreich dasselbe Problem haben. Da ist die Bevölkerung seit 2011 mit rund vier Prozent sogar stärker gewachsen als bei uns (bis dato ungefähr 2,5 Prozent) – auch wegen der Flüchtenden. In Österreich wurde trotzdem nicht stetig mehr eingebrochen, 2015 sogar deutlich weniger (Grafik). In Deutschland hat zudem der Trend eingesetzt, bevor die Menschen aus Syrien vor dem Krieg zu flüchten begannen.

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Zwar ist der Anteil ausländischer Täter relativ hoch, wenn es um Einbrüche geht. Nur liegt das zu einem nennenswerten Teil an osteuropäischen Banden, die durchziehen; also unsere Willkommenskultur nur zeitlich sehr begrenzt in Anspruch nehmen. Was darauf hindeuten könnte, dass das Grundübel eher in der Freizügigkeit seit Erweiterung der EU auf Länder wie Rumänien und Bulgarien liegt. Haken auch hier: Wenn das die tiefere Ursache wäre – warum gibt es dann in Österreich nicht noch mehr Einbrüche? Das läge ja deutlich näher, spart nämlich Reisekosten.

Wo mehr zu holen ist, wird mehr geklaut

Der Unterschied hat es in sich. Bei uns lag die Zahl der Einbrüche 2015 mehr als ein Viertel höher als vier Jahre davor – und rund 60 Prozent höher als 2006, dem Tiefpunkt. Zufall oder nicht: das Jahr, in dem in Deutschland nach Jahren der Stagnation der Aufschwung begann. Vielleicht liegt hier ja ein wichtiges Indiz. Und eine Erklärung, warum unsere Einbruchsbilanz so viel erschreckender wirkt als auch in Frankreich, wo es heute etwas weniger Einbrüche gibt als 2012 – und die Wirtschaft in diesen Jahren stagnierte. Rollentausch.

Ökonomen haben vor Jahren systematisch ausgewertet, welche wirtschaftlichen Rahmenbedingungen das Einbruchsgeschäft florieren lassen. Dazu zählt ziemlich klar, wie sich der Wohlstand im Land entwickelt – wo mehr zu holen ist, wird mehr geklaut (und, nur zum Vergleich, weniger umgebracht). Dazu zählt auch, wie ungleich Einkommen und Vermögen verteilt sind. Eher zwiespältig wirkt, wie hoch gerade die Arbeitslosigkeit ist – wenn es viele Langzeitarbeitslose gibt, kann das als Ausdruck sinkenden Wohlstands die Kriminalität steigen lassen. Oder sie auch fallen lassen – weil es in der Krise ja weniger Gelegenheit gibt.

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Das könnte erklären, warum die Deutschen vor zehn Jahren ihr Land noch als ziemlich sicher empfanden. Und Irland, das damals beim Pro-Kopf-Einkommen an fast allen vorbeiboomte, in diesem Ranking ganz oben stand. Seither wächst bei uns das Bruttoinlandsprodukt – pro Kopf um mittlerweile gut zwölf Prozent. In Frankreich hat die Wirtschaftsleistung je Einwohner bis heute stagniert – da ist nichts (zusätzlich) zu holen. Siehe oben.

Die Tücke entsteht womöglich daraus, dass sich in der Zwischenzeit bei uns auch das Reichtumsgefälle rapide verschärft hat – zweites Merkmal für steigende Einbrecherzahlen. Kriminologisch übersetzt: oben mehr zu holen, unten mehr Bedarf. Und es trotz insgesamt sinkender Arbeitslosigkeit noch mehr als eine Million Leute gibt, die seit mehr als einem Jahr einen Job suchen. Noch ein Kriterium erfüllt. Nach OECD-Berechnungen sind Armutsquote und Ungleichheit der Gehälter bei uns seit 1985 weit stärker gestiegen als in Frankreich, den USA und Großbritannien.

Nun leuchtet es recht intuitiv ein, dass es im Kampf gegen Einbrecher wenig bringt, wenn wir uns Hals über Kopf in die Krise stürzen und unseren Wohlstand schrumpfen, damit weniger zu holen ist und das Böse an uns vorbeizieht. So eine richtig tiefe Krise ist kein gutes Mittel, wie Spanier und Griechen gerade erlebt haben. Dort stieg im Absturz die Zahl der Einbrüche erst einmal – bis die Krise so tief war, dass auch nichts mehr zu holen war. Klingt nicht nach einem optimalen Lösungsweg.

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Wenn wir den Trend umkehren wollen, sollten wir überlegen, neben der Polizei unsere Wirtschafts- und Finanzpolitiker zu mobilisieren – und dafür sorgen lassen, dass es anderen Ländern besser geht, nicht schlechter. Damit die Banden auch mal dahin gehen (okay, das ist jetzt ein bisschen gemein); sagen wir, damit die Banden mehr legal verdienen können. Und vor allem dafür, dass der Abstand zwischen Reich und Arm sinkt. Wenn das zu weniger Einbrüchen führt, könnte man immerhin sagen, dass es selten einen so schönen Anreiz für Reiche gab, mehr Geld den weniger Reichen zu lassen, die es sich womöglich sonst noch holen kommen, ohne zu klingeln.

 

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Die neue Kolumne „Die Rechnung, bitte!“ erscheint seit dem 15. April 2016 im wöchentlichen Rhythmus auf Spiegel Online (SPON).

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