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Wirtschaftsdienst exklusiv: Wie reagiert der Mensch ökonomisch? – Wirtschaftsnobelpreis an den Verhaltensökonomen Thaler

18. November 2017

Der diesjährige Nobelpreisträger Richard H. Thaler ist einer breiteren Öffentlichkeit vor allem durch sein mit Cass R. Sunstein gemeinsam verfasstes Buch zum Nudging bekannt geworden. Tatsächlich hat er in den vergangenen 40 Jahren die Entwicklung der Verhaltensökonomie entscheidend mitgeprägt und vorangebracht. Lisa V. Bruttel und Florian Stolley von der Universität Potsdam geben  in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsdienst einen Überblick  über das Werk des Nobelpreisträgers.

Der neoklassischen Wirtschaftstheorie wird vorgeworfen, sie basiere auf unrealistischen Annahmen zum Verhalten von Wirtschaftssubjekten. Richard H. Thaler hat ganz unterschiedliche Ansatzpunkte gefunden, wie in wirtschaftstheoretische Modelle realistische Verhaltensannahmen eingebracht werden können. Vor allem erkannte er zwei Abweichungen des „wirklichen Menschen“ vom „Homo oeconomicus“: Dieser handelt eben nicht immer streng rational und er agiert auch nicht grundsätzlich egoistisch.

Inwieweit müssen die Rationalitätsannahmen korrigiert werden? Zum einen haben seine experimentellen Studien ergeben, dass der Mensch an Gütern hängt, die er besitzt: „Ein Gut zu verkaufen fühlt sich dabei wie ein Verlust des Gutes an.“ Zum anderen hat er beobachtet, wie Menschen über das Geldausgeben nachdenken: Sie verbuchen ernsthaft verdientes Geld mental auf anderen Konten als leicht verdientes Geld und entscheiden entsprechend über den Ausgabenzweck.

Das bekannte Buch über das Nudging basiert vor allem auf einem anderen Aspekt seiner Forschung: Die Rationalität von Wirtschaftsakteuren wird durch mangelnde Selbstkontrolle beschränkt. Bei Entscheidungsalternativen im zeitlichen Raum handelt der Mensch nicht wie in der neoklassischen Theorie erwartet rein nutzenmaximierend, sondern er bevorzugt systematisch Gegenwartsalternativen, auch wenn diese vom diskontierten Lebensnutzen her die ungünstigeren Entscheidungen sind. Gemeinsam mit Cass Sunstein hat Thaler auf diesen Erkenntnissen basierend das Konzept des Libertarian Paternalism entwickelt: „Ausgehend von der Überzeugung, dass man vielen Menschen helfen könnte, für sich selbst langfristig gute Entscheidungen zu treffen, empfehlen sie die aktive Gestaltung von Entscheidungsumgebungen, die solche guten Entscheidungen leichter machen.“

Soziale Präferenzen der Wirtschaftssubjekte konnten ebenfalls in experimentellen Studien nachgewiesen werden. Sie zeigten sich vor allem dann, wenn unfaires Verhalten der einen von den anderen Studienteilnehmern auch dann bestraft wurde, wenn sie dafür Kosten in Kauf nehmen mussten. Da diese Reziprozität weit verbreitet ist, müssen sich auch Individuen darauf einstellen, die vollständig rational handeln.

Bruttel und Stolley stellen fest: „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der diesjährige Preisträger Richard H. Thaler in vielen Bereichen der Wirtschaftswissenschaften Pionierarbeit geleistet hat, indem er psychologische Erkenntnisse über menschliche Verhaltensweisen auf ökonomische Fragestellungen angewandt hat.“

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